Von Spitzelaktionen bis zur doppelten Staatsbürgerschaft: Bei Anne Will gibt es am Sonntagabend viel zu besprechen. Kein Wunder: Es geht - mal wieder - um die deutsch-türkischen Beziehungen.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch, Freier Autor

Zu Beginn der Sendung lautet die Konstellation vier gegen einen. Die Gäste von Anne Will diskutieren am Sonntagabend über die Frage: Gefährdet Erdogan unseren inneren Frieden?

Der türkische Präsident hatte in der Woche zuvor wieder ordentlich Talkshow-Stoff geliefert. Sein Geheimdienst soll in Deutschland Menschen ausspioniert haben, die der Gülen-Bewegung nahestehen.

Vier Gäste finden das ein Unding. Rahmi Turan ist dagegen in einer eher undankbaren Position. Der Deutschland-Korrespondent eines Erdogan-nahen türkischen Nachrichtensenders ist der Einzige in der Runde, der die Praktiken der türkischen Regierung verteidigt.

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Respekt kann er sich allerdings nicht verschaffen. Ob Medien in der Türkei ein direktes Staatsorgan von Erdogan seien, fragt Anne Will. Die Runde reagiert fast belustigt, als Turan antwortet: "Das kann man so sagen, aber nicht direkt."

Es gebe auch kritische Journalisten bei seinem Sender, erklärt er. Ob er auch selber dazugehöre? "Ich bin nur Deutschland-Korrespondent. Ich bleibe ganz normal und sachlich."

"Türkei braucht die Hilfe Deutschlands"

Wie kommt die türkische Regierung auf die Idee, Menschen in Deutschland ausspionieren zu wollen und dafür die deutschen Kollegen auch noch um Unterstützung zu bitten? Die Erklärung von Rahmi Turan: "Deutschland und die Türkei sind Verbündete, und in der Terrorbekämpfung braucht die Türkei auch mal die Hilfe Deutschlands."

Erdogan macht die Anhänger des türkischen Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch im vergangenen Juli verantwortlich. Das wollen die anderen Gäste nicht gelten lassen. Es gebe dafür keine Beweise, erklärt der niedersächsische SPD-Innenminister Boris Pistorius.

Wenn die Gülen-Bewegung so mächtig und gefährlich sei, warum sei der Militärputsch dann so dilettantisch schiefgegangen, fragt auch der Kabarettist Serdar Somuncu.

Verpasste Integration in Deutschland

Beim Thema Türkei sind die Meinungen in Polit-Talkshows schon häufig unversöhnlich aufeinandergeprallt. Bei Anne Will entwickelt sich trotzdem eine interessante Diskussion. Daran hat vor allem Somuncu seinen Anteil.

Er schaut grimmig und angriffslustig in die Runde, fällt den anderen ins Wort, ist aber auch für die Zwischentöne zuständig. "Warum fühlen sich die Türken in Deutschland eigentlich so fremd?", fragt der Sohn türkischer Gastarbeiter.

Seiner Meinung nach habe es Deutschland in der Vergangenheit verpasst, "mit einer demokratischen Türkei auf Augenhöhe zu verhandeln".

Die Anwältin Seyran Ates beklagt ebenfalls, dass die türkische Regierung versuche, die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland zu spalten. Aber sie kann sich auch vorstellen, warum so viele Deutschtürken glühende Erdogan-Anhänger sind: "Er hat den Menschen Liebe, Zuneigung und Identität gegeben."

Sie glaubt, dass die deutsche Politik es dagegen versäumt hat, den Zuwanderern klar zu sagen: Wir wollen euch als Bürger dieses Landes.

Somuncu gegen doppelte Staatsbürgerschaft

Zum Ende mischt ein Thema die Konstellation noch einmal neu: zwei gegen zwei bezüglich der doppelten Staatsbürgerschaft. Journalist Rahmi Turan hat dazu offenbar nichts mehr zu sagen und bleibt weitgehend ruhig.

Dafür hat Paul Ziemiak jetzt seinen großen Auftritt. Vorher hatte der Bundesvorsitzende der Jungen Union noch etwas bemüht versucht, die übliche Parteipolitik in die Diskussion zu bringen. Jetzt erntet er Applaus, als er sagt: "Die doppelte Staatsbürgerschaft war ein Fehler."

Das sieht auch Deutschtürke Somuncu so, der selbst nur noch einen deutschen Pass hat. Für ihn ist die doppelte Staatsbürgerschaft eine "Einladung zu einer gespaltenen Identität": "Wir müssen die Menschen auffordern, sich zu entscheiden."

Ganz anders sieht das Seyran Ates: Der Doppelpass sei das Richtige, wenn es um die Identität vieler Türken in Deutschland gehe. "Beides sind ihre Heimaten."

Und auch Innenminister Pistorius lehnt es ab, die Gesetzeslage wegen Problemen mit einem einzelnen Staatsoberhaupt generell in Frage zu stellen: "Ich kann die doppelte Staatsbürgerschaft nicht davon abhängig machen, welche Staaten betroffen sind."

Dann ist die Stunde auch schon rum. Während die Abspannmusik schon läuft, gestikulieren die Gäste weiter. Offenbar gibt es noch viel zu besprechen.