Wie sozial ist Kapitalismus heute? Darüber hat Anne Will anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx mit ihren Gästen diskutiert. Zwischen Karl-Marx-Schelte und Agenda-2010-Schelte hat die Runde einen wichtigen Punkt leider vergessen.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock, Freier Autor

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Es ist erst rund 30 Jahre her, da schien der Kapitalismus den großen Kampf gegen den Kommunismus gewonnen zu haben.

Heute, einige Finanzkrisen, Hartz-Reformen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse später, scheint der Kapitalismus vielleicht doch nicht die heilsbringende Ideologie zu sein.

Karl Marx hatte seinerzeit die Folgen eines entfesselten Kapitalismus beschrieben. Einen Tag nach seinem 200. Geburtstag, fragt Anne Will ihre Gäste: "200 Jahre Karl Marx – wie sozial ist Kapitalismus heute?"

Also wurde erst einmal über den Jubilar selbst gesprochen. Natürlich. Aber nicht ausschließlich. Marx und seine Schriften bildeten bei der Diskussion lediglich den Ausgangs- und im weiteren Verlauf den Referenzpunkt, zu dem die Runde hin und wieder zurückkehrte.

So fragte Will zu Beginn, ob Karl Marx wirklich ein neues Denkmal verdient hat, wie es am Samstag in dessen Geburtsstadt Trier enthüllt wurde - ein Geschenk aus China.

Um gleich am Anfang Schwung in die Runde zu bringen, ging diese Frage an Georg Kofler, der als Unternehmer und Start-up-Investor als Kapitalismus-Metapher für den Abend gebucht war.

"Der größte Flopp der Wirtschaftsgeschichte"

Dementsprechend eindeutig fiel Koflers Antwort aus: "Natürlich nicht", meint Kofler, denn mit seiner Gesellschaftslehre habe Marx sehr viel Unheil über die Menschheit gebracht.

Marx sei für akademische Nostalgiker eine Fundgrube für Zitate, aber im Kern habe er zwei fatale Irrlehren aufgestellt.

"Zum einen den totalitären Anspruch seiner Gesellschaftstheorie. Und wie sich dann herausgestellt hat, sind ja wirklich alle Systeme, die auf seiner Lehre aufgebaut haben, in totalitäre Regime abgeglitten. Nummer zwei: Alle sagen, er war ein toller Ökonom. Nein, seine Vorstellung einer Wirtschaftsordnung, nämlich die Vergemeinschaftung des Privateigentums, war der größte Flop der Wirtschaftsgeschichte. Er hat alle Länder in den Ruin getrieben."

So eine Generalschelte konnte Sahra Wagenknecht, die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, natürlich nicht stehen lassen: "Marx muss man nach dem beurteilen, was er geschrieben hat. Er war ein genialer Analytiker des Kapitalismus. Wenn das ein Grundprinzip ist, dass jeder für das haftbar zu machen ist, was andere in seinem Namen an Verbrechen begehen, dürfte heute in keiner Kirche mehr Jesus Christus hängen."

Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, war der Meinung, dass man nicht über ein Denkmal, sondern über Inhalte diskutieren müsse, wie zum Beispiel darüber, wie man den Kapitalismus einhegen könne.

"Und da war Marx auf der richtigen Spur", stellte der ehemalige Bischof von Trier fest und schlug so die Brücke zum aktuellen Teil der Diskussion.

Sahra Wagenknecht: "Das sind die üblichen Ausreden"

So wies Anne Will auf die enorme Ungleichverteilung von Vermögen in Deutschland hin. Demnach besäßen die reichsten zehn Prozent der Deutschen stolze 63 Prozent des Vermögens, während die unteren 50 Prozent der Deutschen nur 2,6 Prozent besäßen.

Beeindruckende Zahlen, die Bundesfinanzminister Olaf Scholz mit Blick auf 20 Jahre Regierungsverantwortung seiner SPD erklären sollte.

Das tat er dann auch und verwies darauf, dass es solche großen Veränderungen so oder so ähnlich auf der ganzen Welt gebe, man die Bewältigung der Folgen der Globalisierung aber nicht auf einen Staat alleine abwälzen könne: "Man muss etwas tun, damit alle gut zurechtkommen. Wir dürfen uns diese Aufgabe aber nicht zu klein und zu einfach machen."

Ein Statement, wie gemacht für eine Widerrede von Sahra Wagenknecht: "Das sind ja die üblichen Ausreden. Immer zu sagen, die Globalisierung oder die Digitalisierung ist eigentlich schuld und wir haben eigentlich kaum Handlungsspielräume, vielleicht noch über die EU, aber die EU macht eben auch nicht, was wir wollen: Das ist zu schlicht und es stimmt nicht. Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist kein Produkt der Globalisierung, das ist ein Produkt der Agenda 2010."

In eine ähnliche Kerbe schlug Kardinal Marx - "Wir dürfen nicht nur auf unser Land schauen" - und holte dann noch einmal seinen Namensvetter hervor.

"Das Grundprinzip, das Marx analysiert, ist, dass die Dynamik der Welt durch die Kapitalverwertungsinteressen bestimmt wird. Das heißt, das gesamte System muss sich dem anpassen. Das halte ich für einen großen Irrtum. Wenn wir wirklich Chancen für alle wollen, müssen wir politische Rahmenordnungen schaffen, die das ermöglichen."

Kardinal Marx für starke Gewerkschaften

Auf der Zielgeraden ging es dann noch einmal um die Balance zwischen den Bedürfnissen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Georg Kofler in der Rolle des Unternehmers verwies darauf, dass er nicht nur der Kapitalvermehrung wegen gründe, sondern vor allem um sich zu entfalten und Projekte zu verwirklichen.

Das sei zwar zu honorieren, greife aber nicht, wenn beispielsweise Hedgefonds die Unternehmensziele definieren, befand Sahra Wagenknecht.

Um den Schattenseiten der Globalisierung entgegenzutreten, braucht man laut Kardinal Marx "starke Gewerkschaften und starke Betriebsräte". Das habe man doch bereits, entgegnete Kofler und hob zu einem Generallob an: "Die soziale Marktwirtschaft ist die sozialste Wirtschaftsordnung, die es bisher in der Weltgeschichte gegeben hat."

Dem mag man zwar zustimmen, aber "sozialste" sagt noch nichts über deren Qualität aus, denn Kofler vergisst dabei, dass der aktuelle westliche Wohlstand auch auf Kosten anderer Länder und künftiger Generationen geht. Ein Umstand, der bei der Diskussion darüber, wie sozial der Kapitalismus heute ist, am gestrigen Abend fast völlig übergangen wurde.

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