• Vor ihrem Auftritt bei dem ersten ESC-Halbfinale soll die russische Teilnehmerin Morddrohungen erhalten haben.
  • Manischa Sangin singt in ihrem Lied "Russian Woman" über Feminismus in Russland.
  • Auch russische Traditionalisten haben scharfe Kritik geäußert.

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Für die Konservativen in Russland ist es eine Provokation: Eine aus Tadschikistan stammende Feministin vertritt das Land dieses Jahr beim Eurovision Song Contest in Rotterdam.

Mit ihrem Lied "Russian Woman" hatte Manischa Sangin überraschend den Vorentscheid gewonnen und war damit am Dienstagabend im ersten Halbfinale angetreten. "Ich habe einen Nerv getroffen", sagt die 29-Jährige.

Doch schon vor ihrem Aufritt wurde sie auf Social Media verbal angegriffen, auch Morddrohungen gegen die Russin sollen dabei gewesen sein, berichtet die "Bild".

Manischa Sangin singt über die Stärke russischer Frauen

Ihr Auftritt beginnt in traditioneller russischer Tracht, die sie jedoch schnell abstreift, um in einem roten Arbeiter-Overall weiter über die Bühne zu tanzen. "Jede russische Frau muss wissen: Du bist stark genug, du wirst die Mauer durchbrechen", singt Manischa, wie ihr Künstlername lautet.

Sie ruft Frauen zum Widerstand gegen das herrschende Rollenverständnis auf. "Du bist 30! Hallo? Wo sind deine Kinder? Du bist süß, aber du solltest etwas abnehmen", heißt eine weitere Zeile.

Der Text preist die Stärke der russischen Frauen und fordert sie auf, unabhängiger zu sein und sich gegen sexistische Ansichten über Schönheit, Alter und Kinderkriegen zu wehren.

Bei der Abstimmung kam die Mischung aus russischer Volksmusik und Hip-Hop gut an, das Video wurde auf Youtube mittlerweile etwa zehn Millionen Mal aufgerufen.

Russischer ESC-Auftritt: Traditionalisten sind entsetzt

Eine Vereinigung orthodoxer Frauen wirft Manischa in einem offenen Brief vor, "russische Frauen zu beleidigen und zu erniedrigen" und "Hass gegen Männer" zu schüren.

Senatspräsidentin Valentina Matwienko bezeichnete den Song im russischen Oberhaus als "Unsinn". "Es ist alles sehr seltsam, um es milde auszudrücken", sagte Matwienko und veranlasste, das Verfahren zur ESC-Nominierung zu überprüfen.

Ein Veteranenverband beschuldigt Manischa, mit ihrem Lied "interethnische Spannungen und Feindschaft" zu schüren.

Ermittlungskomitee untersucht das Lied

Inzwischen beschäftigt sich selbst das Ermittlungskomitee, das ansonsten schwere Verbrechen in Russland untersucht, mit dem ESC-Beitrag. Das Lied wird auf "mögliche illegale Aussagen" geprüft.

Ein Kolumnist der oppositionsnahen Zeitung "Nowaja Gaseta" zeigte sich überrascht, dass der Auftritt überhaupt ausgestrahlt wurde, denn der Song "erklärt der russischen Fremdenfeindlichkeit und Frauenfeindlichkeit den Krieg".

Manischa Sangin ist Immigrantin aus Tadschikistan

Für Manischa ist "Russian Woman" eine Hymne "gegen die Stereotypen, mit denen ich konfrontiert wurde". Sangin wurde 1991 in Tadschikistan geboren. Im Bürgerkrieg wurde das Haus der Familie zerstört und sie floh 1994 nach Moskau.

Der "Geruch der Angst" habe ihre Kindheit als Immigrantin bestimmt, sagt Sangin. Seither habe sie "von Haus aus eine Empathie", vor allem für Flüchtlinge.

Seit vergangenem Jahr engagiert sie sich als Botschafterin des UN-Flüchtlingswerks in Russland und sammelt Geld für Geflohene in Moskau. 2019 startete sie eine App, die Opfer häuslicher Gewalt mit Krisenzentren in Kontakt bringt.

Im selben Jahr sorgte Manischa für einen Skandal: Sie wirkte in einem Video mit, das sich für die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transgendern einsetzte. Daraufhin habe sie 10.000 Follower auf Instagram verloren, sagt sie.

Seit sie als Siebenjährige Lieder von Celine Dion mitsang, träumte Manischa von einer Musikkarriere. Studiert hat sie Psychologie, doch mit kurzen Musikclips auf Instagram erreichte sie als Sängerin ein großes Publikum. Inzwischen hat sie fast eine Million Follower.

Russland ist im Lauf der Jahre zu ihrer Heimat geworden. "Ich denke auf Russisch, ich sage 'ich liebe dich' auf Russisch", erzählt die 29-Jährige. "Ich möchte in Russland leben." Auch wenn Konservativen das nicht gefällt. (afp/ari)  © AFP

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