Ein von Männern entwickeltes Periodenprodukt setzt sich in "Die Höhle der Löwen" durch. Was folgt, ist ein Shitstorm in den Sozialen Medien. Zu Recht?

Anja Delastik
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Man möchte meinen, wir hätten momentan genügend Probleme. Doch will man sich abends vorm Fernseher vom Wahnsinn da draußen ablenken, passiert dann sowas: Montagabend ließ Sat.1 Marcus Prinz von Anhalt kalkuliert unter Palmen eskalieren und schwulenfeindliche Tiraden rausposaunen. Zeitgleich braute sich auf Vox ein Shitstorm in der "Höhle der Löwen" zusammen.

Geistesblitz von Frauenverstehern

Der Grund: ein pinkfarbener Einweg-Plastikhandschuh, entwickelt von zwei Männern, um Tampons und Binden "fachgerecht" zu entsorgen. Die beiden selbsternannten "Frauenversteher" verrieten, dass sie dieser Geistesblitz traf, nachdem sie ein paar Mal zu oft in den Badezimmer-Mülleimer ihrer WG geguckt und sich an der "typischen Entsorgungsart" der benutzten Periodenprodukte - Einwickeln in Toilettenpapier - gestört hatten. "Nach einer Zeit riecht das unangenehm und das Papier nässt durch. Das ist ziemlich unangenehm", erklärten sie in der Sendung. "Nein, unzumutbar!"

"Die Lösung dafür: Mit Pinky entnehmen, einrollen und das kleine, blickdichte Päckchen im nächsten Mülleimer entsorgen." So vermarktet das Start-up die Plastikhandschuhe auf seiner Website. Und Business Angel und Höhlen-Löwe Ralf Dümmel belohnte diese "innovative" Business-Idee mit einem 30.000-Euro-Investment.

Wer die Sendung schon länger verfolgt, weiß: Vor zwei Jahren wurde dort schon einmal ein Periodenprodukt präsentiert. Ein ziemlich sinnvolles, das – hört, hört! – von zwei Frauen erfunden wurde: Kristine Zeller und Dr. Kati Ernst. Die beiden Gründerinnen von "Ooia" (damals noch "Ooshi") pitchten hübsche Menstruationswäsche, die Tampons und Binden überflüssig macht – und damit nicht nur Geld für Hygieneprodukte spart, sondern auch der Umwelt guttut. Klingt nach Win-Win, oder?! Weit gefehlt. Der Investorenrunde war dieses reine Frauenprodukt viel zu nischig.

Männern wird mehr Kompetenz zugetraut

Frauen sind aber keine Nische. Sie werden nach wie vor in eine gedrängt, in Schubladen gesteckt, systematisch benachteiligt und für dumm verkauft. Wie "Pinky Gloves", die Periodenhandschuhe, mal wieder beweisen. Ausgerechnet ein von Männern erfundenes Produkt, das peinlicher, bescheuerter und sexistischer nicht sein könnte, setzt sich in "Die Höhle der Löwen" durch – und zeigt: Männern wird noch immer mehr Kompetenz zugetraut als Frauen, sogar bei eindeutigen Frauenthemen.

Leider wundert mich das gar nicht. Es ist kein Geheimnis, dass Frauen immer noch an gläserne Decken stoßen, auf denen Männer sitzen, die sich an veraltete Machtstrukturen, Klischees und Rollenbilder klammern. Und die sich gegenseitig protegieren, sei es bei Verhandlungen, Beförderungen, Investments. Bekanntermaßen werden Start-ups männlicher Gründer bevorzugt behandelt und kommen leichter an Investments. Von Männern. Folglich werden auch die meisten Wagniskapitalgesellschaften nach wie vor von Männern geführt.

Was mich im Fall "Pinky Gloves" dennoch verwundert: Ein Klischee besagt, dass männliche Gründer und Investoren im Gegensatz zu ihren weiblichen Pendants datenbasierter und analytischer ticken. Dennoch scheinen sie nicht einen Gedanken an eine anständige Zielgruppen-Bedarfsanalyse verschwendet zu haben. Marktforschung, anyone?!

Kaum überraschend also, dass viele Frauen (und glücklicherweise auch Männer) seit der Ausstrahlung der Sendung empört auf die Barrikaden gehen. Die #pinkygate-Vorwürfe sind einhellig: Hier soll Frauen ein klischeefarbenes Produkt untergejubelt werden, das ein Problem löst, das nicht existiert. Dieses Produkt, das keiner braucht, trägt zudem dazu bei, dass eine natürliche Körperfunktion noch mehr tabuisiert und stigmatisiert wird und Menstruieren als etwas Ekelhaftes darstellt, wofür Frauen sich schämen müssen. Mindestens aber als etwas, das vor Männeraugen- und nasen besser in einem blickdichten, geruchsneutralen Wegwerf-Päckchen aus Plastik verborgen werden sollte. Apropos Plastik: Umweltbewusst ist das auch nicht.

Keine Frage des Geschlechts?

Nach dem Shitstorm wälzten sich die Gründer und der Investor jedenfalls reumütig im Staub. Doch ihre unbeholfenen öffentlichen Entschuldigungen lassen viel Luft nach oben. Man habe sich nicht ausreichend und richtig mit dem Thema auseinandergesetzt, bedauerten die "Pinky Gloves"-Chefs. Aber immerhin habe "die Periode und ihre politischen Aspekte dadurch viel Aufmerksamkeit bekommen".

In ein ähnliches Horn blies auch Investor Ralf Dümmel. Doch er setzte noch einen drauf, denn ein Punkt sei ihm besonders wichtig, wie er auf Instagram neuerdings gendernd verriet: "Die Frage, ob Gründer:innen, die Produkte, die vorrangig Frauen ansprechen sollen, entwickeln, auch weiblich sein müssen, führt meiner Meinung nach wiederum vollkommen in die falsche Richtung. Grundsätzlich sollten die Geschlechter der Gründer:innen kein Merkmal sein bei der Frage, ob ein Produkt Relevanz hat oder nicht."

Das stimmt. Doch zum einen ist das Produkt eben nicht relevant. Zum anderen wäre es nicht minder sexistisch, hätten es sich zwei Frauen überlegt. Ich wage allerdings zu behaupten, dass keine Frau sich jemals einen solchen Käse ausgedacht hätte. "Mir ist das Geschlecht der Gründer egal", kommentierte eine Userin Dümmels Post. "Ich will mir nur nicht ein Problem einreden lassen, das nicht existiert und mir gleichzeitig eine Lösung präsentieren lassen, die dann noch auf so vielen Ebenen falsch und schädlich ist."

Den größten Fehler, den die beiden "Pinky Gloves"-Gründer dabei begangen haben, ist, ihre Zielgruppe nicht ernst zu nehmen. Das ist nicht nur ein unternehmerischer Kardinalfehler, sondern auch Ausdruck fehlenden Respekts für Frauen.

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