Ein "Tatort", der das aktuelle Zeitgeschehen mal wieder auffasst wie keine andere Sendung: Gewaltbereite Jugendliche prügeln einen jungen Mann zu Tode. Klingt nach klassischer Zivilcouragen-Thematik, liefert aber ein überraschendes Finale.

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Hauptkommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt) zögert natürlich nicht. Er greift sofort ein, als er unten in der U-Bahn Zeuge einer Prügelattacke wird. Der junge Musikstudent Manuel Sievers erliegt kurze Zeit später seinen Verletzungen im Krankenhaus. Und auch Ballaufs Leben steht in diesem Moment auf dem Spiel. Denn eine Hand stößt ihn vor die heranfahrende Bahn. Nur mit Glück überlebt er. Die Verdächtigen sind in diesem "Tatort: Ohnmacht" schnell ermittelt. Es handelt sich um den amtsbekannten Kai Göhden (Robert Alexander Baer) und seine Ex-Freundin Janine (Nadine Kösters). Doch beide geben an, der Musikstudent habe das Mädchen provoziert und sexuell belästigt. Sowohl Zuschauer als auch Ballauf ahnen, ja wissen, dass das nicht die Wahrheit ist. Doch die Täter zu überführen, erweist sich als ausnehmend kompliziert.

Worum geht's hier eigentlich?

Zunächst sieht alles nach einem Appell an die Zivilcourage aus. Ein Thema, das zuletzt immer wieder in Fernsehfilmen behandelt wurde. Nicht nur beim "Tatort". Doch dann geht dieser wieder einmal außergewöhnlich gute Kölner "Tatort" andere Wege. Er setzt sich mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen auseinander. Ein kluger Schachzug von Autor Andreas Knaup, die Täter nicht aus dem üblicherweise im Krimi verdächtigen Milieu kommen zu lassen. Nein, das junge Pärchen, das dort unten in der U-Bahn den Musikstudenten verprügelte, stammt aus Umfeldern der Mittelschicht. Ballauf und Schenk (Dietmar Bär) befragen ratlose Eltern, die nicht mehr weiter wissen und längst kapituliert haben. Die Täter bleiben derweil erstaunlich abgebrüht. Bis am Ende ein Video den Weg weist.

Wie nervenzerfetzend ist die Spannung?

Die Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt, r.) und Schenk (Dietmar Bär) ermitteln.
Die Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt, r.) und Schenk (Dietmar Bär) ermitteln.: Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt, r., mit Dietmar Bär) kann nicht fassen, dass sich keiner der Passanten mehr erinnern kann, was genau in der U-Bahn-Station passiert ist.

Der "Tatort" von Regisseur Thomas Jauch zieht seine Faszination nicht aus dem klassischen "Whodunnit"-Thema. Es geht also nicht um die Frage, wer die Täter waren, sondern darum, es ihnen zu beweisen. Klingt zunächst eher langweilig, ist es aber zu keiner Zeit. Bis hin zum außergewöhnlichen Finale, das all dem Erlebten noch eine besondere Tragik verleiht.

Ergibt das alles Sinn?

Warum tun Menschen das? Warum gilt nicht mehr die Regel von einst, auf am Boden liegende Opfer nicht weiter einzuprügeln? Und - fast ebenso wichtig: Warum stehen Menschen schweigend daneben und greifen nicht in einer schnell zusammengestellten Gruppe ein? Warum stellen sie sich später nicht einmal als Zeugen zur Verfügung? Sinnfragen wie diese stellt der "Tatort" viele. Indes bleibt er durchgehend stimmig und nachvollziehbar.

Braucht man das Drumherum?

Das Drumherum braucht es eben nicht. Wie schon in den beiden vergangenen Fällen, die sowohl gute Kritiken als auch hohe Quoten erhielten, beweisen die Macher des WDR-"Tatorts" aus Köln auch diesmal, dass die volle Konzentration auf den Fall ohne lästiges Beiwerk funktionieren kann. Erneut spielt das Privatleben der beiden Kommissare keine Rolle. Nur: Deren besondere Freundschaft wird wieder einmal betont.

Würde man diese Kommissare im Notfall rufen?

Ohne Frage - ja. Ballauf und Schenk gehen zwar bisweilen etwas rüde, aber zielorientiert vor. Und: Sie eint ihr Wunsch nach Gerechtigkeit. Selten wurde der in den vergangenen "Tatort"-Einsätzen erfüllt. Aber sie geben nicht auf ...

Wie fies sind die Verbrecher?

Natürlich ernten gewaltbereite Jugendliche, die einen anderen totschlagen, kein Verständnis. Und doch wirft dieser "Tatort" Fragen nach einer darüber hinaus gehenden Verantwortung auf. Tragen die Eltern Schuld? Die Schule mit ihren Lehrern? Die Gesellschaft? Moderne Medien? Antworten sind schwer zu finden. Doch wer etwas verändern will, muss zunächst die richtigen Fragen stellen.

Muss man das sehen?

In jedem Fall. Auch wenn auch dieser Kölner "Tatort" sich wieder einmal nicht als klassische Krimi-Unterhaltung verstand.