Die Bundesregierung will keine Reparationen an Griechenland zahlen. Rechtlich sei die Sache geklärt, heißt es aus Berlin. Was aber ist mit der Moral? Die führen die griechische Regierung und ihre Fürsprecher gern ins Feld. Doch das macht die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil, wie sich im Gespräch mit einem Philosophen herausstellt. Eine klare Empfehlung lässt sich trotzdem geben.

"Es geht nicht um Geld", sagte Gianis Varoufakis vor einigen Wochen bei "Günther Jauch", als die Sprache auf die griechischen Reparationsforderungen an Deutschland kam. "Das ist eine moralische Frage." Mittlerweile hat Griechenland die Rechnung auf den Tisch gelegt, und es ist klar: Es geht um Geld. Um sehr viel Geld. Um 278,7 Milliarden Euro, um genau zu sein. Auf diese Summe beziffert Athen die Ansprüche. Die Bundesregierung weigert sich, auch nur die Forderung anzuerkennen. "Politisch und juristisch ist das Thema abgeschlossen", auf diese Formel brachte es das Auswärtige Amt, das ist die offizielle Position Berlins. Aber was ist mit der Moral, auf die sich die griechische Regierung und auch die deutschen Fürsprecher einer Reparationszahlung berufen?

Das Problem mit der Moral ist: Der Begriff ist zwar schnell bei der Hand, aber nicht genauso schnell auf den Punkt gebracht. Seit der Antike beschäftigen sich Philosophen mit der Frage, was gut und richtig ist – eine endgültige Antwort gibt es nicht. Moral und Politik sind zwei Sphären, die man ohnehin voneinander getrennt sehen muss, meint Dr. Jens Schnitker, Wissenschaftler am Institut für Philosophie der Universität Kassel. Das bedeutet aber nicht, dass die Moral nicht eine praktische Rolle in der Politik spielen würde: "Nichts kann Politiker so angreifen wie moralisches Fehlverhalten."

Ist Deutschland nun moralisch verpflichtet, Reparationen zu leisten? Das ist nicht so einfach zu beantworten. Über die völkerrechtlichen Verbindlichkeit von Reparationen kann der Internationale Gerichtshof entscheiden, aber wer klärt moralische Fragen? "Es gibt keine moralische Instanz, nicht so etwas wie einen Moralgerichtshof", sagt Schnitker. "Das ist auch gut so."

"Will Deutschland Partner Griechenlands sein?"

In der Moralphilosophie gibt es unterschiedliche Strömungen - die in Deutschland vielleicht bekannteste wurde von Immanuel Kant geprägt. "Der Kantianismus ist eine Vergeltungstheorie", erklärt Philosoph Jens Schnitker. "Wenn eine Schuld getan ist, muss man das begleichen." Über die Taten der deutschen Besatzungsmacht in Griechenland bestehen keine Zweifel: Die grausamen Massaker wie in Kalavryta und Distomo. Die Ermordung der griechischen Juden. Die Zwangsanleihe von 1942.

"Moralphilosophisch gesehen handelt es sich um die Frage nach Verantwortung", sagt Jens Schnitker. Da gibt es jedoch ein praktisches Problem: "Kant ist da relativ strikt: Menschen können nur für das verantwortlich gemacht werden, was unter ihrer Kontrolle steht." Die Frage nach der Verantwortung lässt sich also schlecht auf Staaten übertragen. "Außerdem ist da noch die Generationsfrage: Die wenigsten, die heute noch leben, sind direkte Opfer oder Täter." Den Ausweg aus diesem Dilemma muss die Bundesregierung selbst wählen, meint Schnitker: "Als was wollen sich die Vertreter der Bundesrepublik gegenüber Griechenland verstehen? Als Partner, der einsieht, dass es Leid gab? Der ein Zeichen setzen will?"

Deutschland hat profitiert

An Zeichen mangelt es eigentlich nicht. Vor einem Jahr hat der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Besuch in Griechenland um Entschuldigung gebeten für die "ungeheuren Verbrechen" der deutschen Besatzer. Der Moralphilosoph Lukas H. Meyer nennt das "symbolische Kompensation" für nicht mehr lebende Opfer. Doch der Wert solcher Entschädigung entspreche nur zum Teil einer wirklichen Kompensation – und die wird in Euro gezahlt. "Das Leid kann man nicht in Geld aufwiegen, aber das scheint die wichtigste Währung für Wiedergutmachung zu sein", sagt Jens Schnitker.

Ein Argument, das die Bundesregierung vermeidet, ertönt umso lauter an den Stammtischen: Die Schuld sei verjährt, ein Schlussstrich nötig. Eine wichtige Rolle spielt die Frage, wann man mit der Aufrechnung von Schuld beginnen soll. Für Jens Schnitker ist das Ende des Zweiten Weltkrieges ein guter Startpunkt: "1945 bietet sich als Zäsur an. Es gibt noch Zeitzeugen, Täter, Opfer. Und es lässt sich eine klare Entwicklungslinie verfolgen: Wer hat profitiert seitdem, wer nicht."

Für Historiker besteht wenig Zweifel, dass die Bundesrepublik massiv von den Reparationsregelungen nach dem Zweiten Weltkrieg profitiert hat. Im Kalten Krieg brauchte der Westen einen starken Verbündeten, die Reparationsfrage wurde auf den Sankt Nimmerleinstag vertagt. Nur so war das Wirtschaftswunder möglich. Mit dem 2+4-Vertrag bei der deutsch-deutschen Wiedervereinigung wurde das Thema für erledigt erklärt – ohne dass Griechenland und andere Länder Vertragspartner gewesen wären.

Athen muss sich besser verkaufen

Auch wenn Griechenland moralisch im Recht sein sollte – der Zeitpunkt der Forderung stößt in Deutschland vielen sauer auf. Die 278 Milliarden entsprechen so ziemlich genau dem Schuldenstand Athens, das derzeit hart um die Rückendeckung der Schuldner – darunter Deutschland – kämpfen muss. Der Verdacht liegt nahe, dass hier zwei Debatten vermischt werden. "Ich finde es ehrlich gesagt dumm", polterte SPD-Chef Sigmar Gabriel gerade Richtung Athen. Das ändert aber an der Sachlage nichts, meint Philosoph Jens Schnitker: "Wenn eine moralische Schuld besteht, mag Gabriel recht haben, aber deswegen ist sie nicht aus der Welt."

Den Anschein der Vermischung müsste Athen trotzdem vermeiden, will es die Moral-Karte ziehen, sagt Schnitker: "Griechenland müsste die Forderung in einen größeren Zusammenhang stellen, auch mit den Forderungen anderer Länder. Und es müsste sagen, wofür das Geld verwendet wird. Damit klar wird: Das fließt nicht alles in die Staatskasse." Das könnte es Deutschland letztlich einfacher machen, seine "historische Pflicht" (Alexis Tsipras) zu erfüllen. "Ich neige immer zur Einzelfallentscheidung", sagt Jens Schnitker. "Klar, eine kollektive Verantwortung über Generationen hinweg ist philosophisch schwer zu begründen - aber aus pragmatischen Gründen wäre es meiner persönlichen Meinung nach wichtig, zu zahlen."

Dr. Jens Schnitker ist seit 2009 Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Philosophie der Universität Kassel. Seine Schwerpunkte liegen in der praktischen Philosophie, insbesondere in der politischen Philosophie, der Moralphilosophie und der Handlungstheorie.