Wo viel Geld fließt, ist die Verlockung oft groß, dieses mit unlauteren Methoden noch weiter zu vermehren. Eine Chronik der größten Wirtschaftsskandale der letzten Jahre.

Ob es nun um so Fantasievolles wie den Verkauf nichtexistenter Horizontalbohrer geht oder ganz banal um Korruption: In der Wirtschaft kommt es immer wieder zu Aufsehen erregenden Skandalen.

Manche Male geht es um die persönliche Bereicherung, andere - seltene - Male um das "Wohl" des Unternehmens.

Von Siemens über FlowTex bis Mannesmann: Wir haben auf den folgenden Seiten die spektakulärsten Fälle für Sie zusammengestellt.

Der oberste Briefträger nimmt seinen Hut

Ex-Postchef Klaus Zumwinkel war von der Aktion der Kölner Staatsanwaltschaft völlig überrascht. Am Donnerstag standen die Ermittler um sieben Uhr vor seiner Haustür im noblen Stadtteil Marienburg.

Als die Polizeibeamten klingelten, dauerte es eine ganze Weile, bis im Haus das Licht anging und die Tür geöffnet wurde. Geschlagene zwei Stunden vergingen, bis der erste Verteidiger eintraf. Dem wartenden Fernsehteam vom ZDF, gab er zu verstehen, dass er nichts sagen könne: "Weil ich nichts weiß."

Zu dieser Zeit durchsuchten die Kriminalpolizisten schon das ganze Haus. Die Staatsanwaltschaft warf Zumwinkel vor, dass er dem Staat Steuerzahlungen in Höhe von rund einer Millionen Euro vorenthalten habe. Zumwinkel habe an eine Liechtensteiner Stiftung zehn Millionen Euro gezahlt und das daraus entstehende Einkommen mit Kosten verrechnet.

SPD-Wirtschaftspolitiker Rainer Wend sagte der "Rheinischen Post": "Wer mehr als eine Million Euro pro Jahr verdient, darf für das Einkommen, das darüber hinaus geht, nicht auch noch Kosten von der Steuer abziehen."

Einen Tag später tritt Klaus Zumwinkel als Vorstandsvorsitzender der Post zurück. Doch gaben sich die Ermittler damit nicht zufrieden. Hunderte von Täter seien bereits enttarnt. Die Fahnder hatten offenbar massenhaft Unterlagen aus der LGT-Bank, der Bank der liechtensteinischen Fürstenfamilie, erhalten. "Wir haben die ganze Bank geknackt", sagte einer der Beamten dem "Handelsblatt" siegessicher.

Knietief im Dispo

So mancher hat schon Probleme, einen Dispokredit bei der Bank zu bekommen - nicht jedoch, wenn man Jürgen Schneider heißt. Dann bekommt man Kredite in Milliardenhöhe, und verursacht einen der größten deutschen Wirtschaftsskandale.

Der Immobilienunternehmer Jürgen Schneider fielen irgendwann zwei Dinge auf: Erstens, dass sich mit der Sanierung von historischen Objekten in Toplagen deutscher Großstädte eine Menge Geld verdienen ließ. Und zweitens, dass das für die Sanierung benötigte Kapital mit entsprechenden Methoden relativ problemlos von deutschen Banken zu bekommen war. Zu diesen Methoden gehörten überzogene Mietprognosen und falsche Angaben in Bezug auf die Objekte. Dies stellt im Grunde kein Problem dar, wenn die Angaben vor Kreditvergabe von der Bank überprüft und als falsch entlarvt werden. Wenn sie denn überprüft werden.

Genau das geschah im Fall Schneider jedoch nicht. Immer mehr Schulden konnte der Unternehmer anhäufen, bis sein Lügengebilde schließlich im Jahr 1994 einstürzte. Schneider selbst informierte nach einem kritischen Artikel in der FAZ die Deutsche Bank über seine drohende Zahlungsunfähigkeit, woraufhin sich nach und nach alle Gläubiger meldeten. Schneider tauchte unter, und in seiner Abwesenheit wurde das Insolvenzverfahren eröffnet: Die Schadenssumme belief sich auf mehr als fünf Milliarden D-Mark, ein knappes Viertel davon hatte ihm die Deutsche Bank geliehen.

Im Mai 1995 wurde Schneider vor einer Bank in Miami, Florida, festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Im folgenden Prozess wegen Betrug, Kreditbetrug und Urkundenfälschung wurde er im Dezember 1997 zu der relativ milden Strafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt und war schon zwei Jahre später wieder auf freiem Fuß - die Untersuchungshaft wurde ihm angerechnet und er verbüßte nur zwei Drittel seiner Strafe. Eine durchaus übliche Praxis in solchen Fällen.

Skandal am Rande: Der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, erwies seiner Bank in Sachen Image einen Bärendienst. Er tat die knapp 50 Millionen Mark Schulden, die Schneider bei Handwerkern - die häufig Konkurs hatten anmelden müssen - angehäuft hatte, als "Peanuts" ab - das Wort wurde gar zum Unwort des Jahres 1994 gewählt.

Ein Prozess in drei Akten

1. Akt: Am 22. Juli 2004 wurden Klaus Esser, Josef Ackermann, Joachim Funk, Klaus Zwickel, Jürgen Ladberg und Dietmar Droste vom Landgericht Düsseldorf freigesprochen. Ihnen war vorgeworfen worden, bei der feindlichen Übernahme des Mannesmann-Konzerns durch das britische Mobilfunk-Unternehmen Vodafone unrechtmäßige Prämien und Pensionen für Manager und Ex-Manager (unter anderem teilweise an sich selbst) in Höhe von beinahe 60 Millionen Euro ausgeschüttet zu haben. Mit den Freisprüchen schien der Prozess jedoch zu Ende zu sein.

2. Akt: Das sah der Bundesgerichtshof ein wenig anders. Nach Revision der Staatsanwaltschaft Düsseldorf und der Bundesanwaltschaft gegen die Freisprüche hob der BGH am 21. Dezember 2005 das Urteil auf. Der Fall sollte vor einer anderen Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf neu aufgerollt werden.

3. Akt: Im Oktober 2006 versammelten sich die Angeklagten wieder vor dem Landgericht Düsseldorf. Ursprünglich war die Verhandlung auf 25 Verhandlungstage bis Februar 2007 ausgelegt, doch plötzlich ging alles ganz schnell. Die Anwälte von Josef Ackermann, mittlerweile Deutsche-Bank-Chef, beantragten knapp vier Wochen nach Prozessbeginn die Einstellung des Verfahrens und boten dafür eine Einmalzahlung der Angeklagten an: Ackermann werde 3,2 Millionen Euro beisteuern, Esser 1,5 Millionen, Funk eine Million, und die anderen jeweils fünfstellige Beträge. 60 Prozent der Summe solle in die Staatskasse fließen, der Rest an gemeinnützige Einrichtungen gehen, so ein Gerichtssprecher.

Das Gericht stimmte dem Antrag gegen eine Zahlung von insgesamt 5,8 Millionen Euro schließlich zu, was der Vorsitzende Richter Stefan Drees damit begründete, dass die Taten mehr als sechs Jahre zurückliegen und das öffentliche Interesse an einer Fortführung des Prozesses nicht gegeben sei. Das öffentliche Interesse an der Einstellung des Verfahrens war jedoch sehr groß, und die Bewertungen des Urteils in den Medien zumeist negativ - das Wort der "Klassenjustiz" machte die Runde. Der Staatsanwalt und der Richter betonten jedoch, das Urteil sei "sachgerecht".

Kein Heros unter den Geldtransportern

Die Ermittlungskommission des Landeskriminalamts Düsseldorf hieß "Money", und genau darum ging es im Fall Heros: Geld. Viel Geld.

Insgesamt 540 Millionen Euro Kundengelder veruntreuten die Führungskräfte der Heros Unternehmensgruppe, dem Marktführer im Geldtransportgewerbe. Bis zu 600 Millionen Euro bewegten die Panzerwagen des Unternehmens täglich. Doch das Geld wurde nicht nur bewegt, es wurde auch benutzt - und zwar zur Bereicherung der Führungsriege, allen voran Heros-Chef Karl-Heinz Weis (Foto).

Das System, wie die Heros-Manager das Geld der Kunden zu ihrem Vorteil vermehrten, war so einfach wie effektiv. Die transportierten Einnahmen wurden nicht, wie vereinbart, schnellstmöglich für die Kunden bei der Landeszentralbank einbezahlt, sondern leicht verzögert. In der Zwischenzeit wurde das Geld kurzfristig angelegt, natürlich mit Zinsen. Die Zeitdifferenz wurde mit allerlei fantasievollen Ausreden erklärt. Auch zu anderen Zwecken wurde das Schneeballsystem genutzt, beispielsweise wurden Kundengelder als Heros-Gewinn verbucht, um die Bilanzen zu frisieren. Nur wenige der Kunden jedoch schöpften Verdacht und dass Heros so viel billiger war als alle anderen Konkurrenten, erstaunte offenbar auch niemanden.

Was das Betrugsgebäude schließlich ins Wanken brachte, hatte mit den Betrügereien nur indirekt zu tun: es ging um ein sechsjähriges Mädchen. Eine Heros-Mitarbeiterin - die Mutter des Mädchens - die ebenfalls von dem veruntreuten Geld profitiert hatte, trennte sich von ihrem Mann. Der hatte bald das Gefühl, dass ihm seine Tochter vorenthalten wird und erstattete Anzeige. Das brachte die Ermittlungen der Kommission "Money" ins Rollen - und die endeten mit zehn Jahren Haft für Weis sowie Haftstrafen zwischen sechs Jahren und sechs Monaten und acht Jahren für die mitangeklagten Heros-Manager.

"Gebauer, wo bleiben die Weiber?"

Der Betriebsrat ist im Normalfall dafür da, die Interessen der Mitarbeiter zu vertreten. Bei VW hatte der Betriebsrat vor allem bestimmte Mitarbeiter im Blick: Betriebsratsmitglieder.

Ins Rollen kam die Geschichte im Juni 2005 durch eine Anzeige von VW gegen den früheren Personalvorstand der VW-Tochter Skoda, Helmuth Schuster, wegen Korruptionsverdachts. Auch gegen dessen Mitarbeiter Klaus-Joachim Gebauer ermittelt die Justiz. Als der VW-Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert Ende Juni 2005 zurücktrat, hatte die Affäre auch den Mutterkonzern erreicht. Nach einer firmeninternen Revision wurde eine Vielzahl an überhöhten Reise- und Spesenabrechnungen entdeckt, die oft vom VW-Personalvorstand abgezeichnet waren. Sein Name: Peter Hartz. Dieser wies zunächst alle Vorwürfe zurück, um dann Anfang Juli 2005 doch seinen Rücktritt anzubieten. Vier Wochen später verließ er das Unternehmen.

Nach und nach kam ans Licht, dass der VW-Vorstand sich die Gunst des Betriebsrats durch Reisen und Prostituierte erkauft hatte. Der damalige VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, der diese Reisen organisiert hatte, gab in seiner Aussage später an, den Ruf "Wo bleiben die Weiber" habe er "mehr als einmal gehört". Er habe aber stets auf Weisung des Vorstandes gehandelt. Daraufhin legte der Betriebsratsvorsitzende Volkert ein umfassendes Geständnis ab. Im März 2007 wurde gegen ihn und Gebauer Anklage in 89 Fällen erhoben. Die Urteile stehen noch aus.

Auch Hartz war noch nicht aus dem Schneider. Aufgrund wachsenden Drucks und belastenden Aussagen räumte er im Oktober 2006 eine "strafrechtliche Verantwortlichkeit" ein. Mitte November wurde er als erster Beschuldigter angeklagt: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig warf ihm Untreue und unrechtmäßige Begünstigung von Betriebsräten vor. Im Januar 2007 kam es zum Prozess, der nach einem Geständnis mit einer Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von 576.000 Euro endete.

Schmiergelder bei Siemens

Es ist der 15. November 2005: 200 Polizeibeamte, Staatsanwälte und Steuerfahnder durchforsten Büros des Siemens-Konzerns in Deutschland und Österreich. Die Schmiergeld-Affäre nimmt ihren Lauf.

420 Millionen Euro an dubiosen Zahlungen sollen insgesamt geflossen sein, das ergab eine Überprüfung der Bilanzen. Spätere Ermittlungen ergaben, dass das System mit schwarzen Kassen im Zeitraum von 1992 bis 2005 aufgebaut worden war. Konzernchef Klaus Kleinfeld und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer kündigen in einem Brief an: "Wir müssen kompromisslos aufräumen." Ob die beiden ahnten, dass sie dazu gehören würden?

Die Affäre weitete sich noch weiter aus. Im Februar 2007 kam heraus, dass rund 34 Millionen Euro an den Chef der - ohnehin schon als managementfreundlich geltenden - Arbeitnehmervereinigung "Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger" (AUB) Wilhelm Schelsky bezahlt wurden. Schelsky kam alsbald in Untersuchungshaft, der Vorwurf lautete Steuerhinterziehung. Die Anti-Korruptions-NGO Transparency International Deutschland bezeichnet die Vorgänge bei Siemens als "noch fundamentaler" als bei VW, da versucht worden sei, "eine Gegenmacht zur Gewerkschaft zu finanzieren".

Heinrich von Pierer erklärte am 19. April 2007 seinen Rücktritt. Er betonte jedoch, er habe mit den Korruptionsaffären nichts zu tun; auch wenn ihm sein Rücktritt als Schuldeingeständnis vorgeworfen werde - er habe sich nichts vorzuwerfen. Sechs Tage später gab auch Klaus Kleinfeld auf. Obwohl er nicht direkt in den Skandal verwickelt war, stolperte er über ihn. Der Nachfolger von von Pierer, Gerhard Cromme, erklärte, man habe sich gegen eine Vertragsverlängerung von Kleinfeld entschieden, da die US-Aufsichtsbehörden "ernste Bedenken" geäußert hätten.

Wenige Bohrer - viel Geld

Eigentlich hatten die Manager von FlowTex da eine gute Idee: aus wenig Material viel Geld machen. Nur leider beachteten sie dabei eines nicht: das Gesetz.

Folgendermaßen gingen Manfred Schmider und seine Kollegen vor: Sie verkauften Horizontalbohrmaschinen, die Verlegearbeiten ermöglichen sollten, ohne dafür das gesamte Gebiet sperren und großflächig aufreißen zu müssen. Dementsprechend zeigten Leasinggesellschaften großes Interesse an dieser innovativen Bauweise und rannten FlowTex die Türen ein. FlowTex verkaufte ihnen auch bereitwillig die Maschinen zum Stückpreis von knapp einer Million D-Mark - leaste sie aber sogleich mittels einer Scheinfirma zurück. So standen wieder die alten Maschinen zum Verkauf bereit, es mussten lediglich die Seriennummern geändert werden. Auf diese Weise hielt FlowTex selbst die Nachfrage hoch und verkaufte dieselben Maschinen dutzendfach, hundertfach.

Doch selbst der Markt für Horizontalbohrmaschinen ist einmal gesättigt, und FlowTex konnte die fälligen Leasingraten nicht mehr durch den Verkauf von "neuen" Maschinen refinanzieren. Im Jahr 2000 schließlich wurde Schmider und seinen Kollegen Betrug nachgewiesen: In den Jahren 1994 bis 1999 hatten sie etwa anderthalb Milliarden D-Mark Gewinn gemacht. Neben den FlowTex-Managern gerieten aber auch die Steuerbehörden und Landespolitiker in die Schusslinie. Im Falle des Finanzamts wurde der Vorwurf laut, die "Geschäfte" von FlowTex seien nicht mit allerletzter Konsequenz hinterfragt worden, weil sie ja ordentlich versteuert worden waren. Dementsprechend forderte der Insolvenzverwalter von der Stadt Ettlingen 38 Millionen D-Mark an bereits bezahlten Gewerbesteuern zurück. Und auch der Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg, Walter Döring (FDP), stolpert über den FlowTex-Skandal: Gegen ihn wurde wegen des Verdachts der Vorteilsannahme ermittelt, am 18. Juni 2004 trat er zurück.

Für Schmider und Co. endete der Ausflug ins Horizontalbohrer-Gewerbe mit Haftstrafen zwischen sechs und zwölf Jahren.

"The World's Greatest Company"

Auch außerhalb Deutschlands ist die Wirtschaft natürlich nie um einen Skandal verlegen. So verfuhr man bei Enron bei den Bilanzen nach dem Motto "Was nicht passt, wird passend gemacht". Die Chronik einer der größten Unternehmenspleiten in der Geschichte der USA.

Ende der 1980er Jahre begann der Aufstieg des Gasunternehmens Enron zu einem der zehn größten Konzerne in den USA. Die Geschäfte schienen jahrelang gut zu laufen, bis im Jahr 2001 die US-Börsenaufsicht SEC mit einer Untersuchung begann, die die Seifenblase Enron zum Platzen bringen sollte. Das Unternehmen musste eingestehen, dass die Gewinne der vorhergehenden Jahre knapp 20 Prozent zu hoch und ein Großteil der Schulden überhaupt nicht angegeben worden waren. Der Verfall der Aktie war drastisch, am 2. Dezember 2001 kam schließlich das Aus: Enron meldete Insolvenz an.

Die Folgen des Skandals waren für Angestellte und Anleger gleichermaßen verheerend: 4000 Mitarbeiter mussten entlassen werden, in ihren Pensionskassen gingen zudem Milliarden von US-Dollar verloren, und die Aktie stürzte von einem Höchststand von knapp 90 Dollar auf wenige Cent. Bezahlen mussten aber auch die Verantwortlichen: Die beiden Chefs des Unternehmens, Kenneth Lay und Jeffrey Skilling wurden des Betrugs für schuldig befunden. Lay drohte eine lebenslange Haftstrafe, er verstarb jedoch im Juli 2006. Skilling wurde 2006 zu 24 Jahren und vier Monaten im Gefängnis verurteilt.