Es klingt wie eine Praktik, die mit dem Ende des Mittelalters ausgestorben sein müsste: Mit Hilfe von Gebeten und Ritualen werden Besessene vom Teufel befreit. Doch auch heute noch ist Exorzismus verbreitet – auch mitten in Deutschland.

Eine Frau schlägt aus keinem erkennbaren Grund um sich und führt Selbstgespräche. Ihre Verwandten sind sicher: Sie ist vom Teufel besessen. Sie wollen ihn austreiben und prügeln so lange und heftig auf die 41-Jährige ein, dass sie schließlich an den Verletzungen stirbt. Passiert ist dies nicht irgendwann im Mittelalter, sondern Ende 2015 in einem Frankfurter Hotelzimmer. Die fünf Verwandten müssen sich jetzt vor Gericht verantworten.

Ein solcher Exorzismus ist kein Einzelfall: Auch heute noch glauben Menschen auf der ganzen Welt, dass es möglich ist, vom Teufel oder von Geistern besessen zu sein. Sie sind sicher, dass man das Böse wieder austreiben kann – etwa mit bestimmten Gebeten oder Ritualen. Exorzisten versuchen, mit dem Dämon zu kommunizieren und ihn dazu zu bringen, den "Besessenen" zu verlassen. Manche scheuen dabei offensichtlich auch vor der Anwendung von Gewalt nicht zurück.

Zwar werden bei den meisten Exorzismus-Bräuchen Bibelstellen zitiert, das Kreuz gezeigt oder esoterische Tänze aufgeführt, aber bei manchen Riten wird auch auf den betroffenen Menschen eingeschlagen. Darüber hinaus können die scheinbar Besessenen extreme körperliche Reaktionen auf die vermeintliche Teufelsaustreibung zeigen und beispielsweise um sich schlagen. Das kann wiederum zu Gegengewalt durch die Exorzisten führen – so wie Fixieren oder Festhalten. Auch Fälle von sexueller Gewalt während der angeblichen Reinigung von Dämonen sind schon bekannt geworden.

Ein Exorzismus bewirkt das Gegenteil

"Der Exorzismus bewirkt in aller Regel genau das Gegenteil von dem, was angestrebt wird", erklärt Bernd Harder, Sprecher der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften" (Gwup), der sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt. "Er bestätigt das Opfer in seiner Rolle als 'Besessene' oder 'Besessener'": Der Grund: Die Betroffenen bekommen eine Resonanz auf ihr Verhalten und werden so "immer weiter aufgestachelt, das zu tun und zu zeigen, was die Umgebung von ihnen erwartet, also Exorzisten und Gläubige."

Die fatale Folge laut Harder: "Dadurch verfestigt sich die psychische Symptomatik immer weiter, statt sich aufzulösen bzw. den Betroffenen Auswege und Lösungsmöglichkeiten zu eröffnen."

Hierzulande denken viele beim Thema Exorzismus zuerst an die katholische Kirche. Kein Wunder: Teufelsaustreibungen haben dort eine lange Tradition und werden bis heute offiziell vollzogen. Noch vor zwei Jahren hat der Vatikan die "Internationale Vereinigung der Exorzisten" offiziell anerkannt, die Exorzismen als eine "Form der Nächstenliebe" versteht.

Wo Exorzismus verbreitet ist

Aber es handelt sich um ein weltweit auftretendes Phänomen. "Außerhalb Europas, vor allem in Afrika und Lateinamerika, dürfte Exorzismus noch weiter verbreitet sein – auch unter Katholiken, viel stärker aber wohl bei neupfingstlerischen und neucharismatischen Gemeinden", so Harder. Bei diesen christlichen Gruppen gehöre das "Übernatürliche" noch ganz selbstverständlich zum angeblich erfahrbaren Glaubensgut.

Auch drei amerikanische Mädchen reisen derzeit um die Welt, um ihren Altersgenossen die Dämonen auszutreiben: Sie nennen sich "Teenage Exorcists" und nutzen Bibel, Kreuz und Gebete. Sie haben den "sexually transmitted demons" den Kampf angesagt, also den "sexuell übertragbaren Dämonen". Ihre Botschaft: Die bösen Geister fängt man sich bei Prostituierten oder als Folge von sexuellem Missbrauch ein. Die Mädchen warnen aber auch vor "Harry Potter" und "Twilight" und ganz generell vor allem, was mit Sexualität zu tun hat.

Besessenheit ist die einfache Antwort

Aber warum glauben Menschen im 21. Jahrhundert noch an Teufel und Dämonen und dass man sie austreiben kann? Harder erklärt: "Für den 'Besessenen' selbst ist die Deutung seiner Symptome als 'Besessenheit' eine einfache Antwort auf komplexe Probleme." Sie müssen sich nicht mit den komplexen Ursachen von Ängsten, Befindlichkeitsstörungen oder Süchten auseinandersetzen. Stattdessen schieben sie "die Verantwortung für das eigene Leben und die eigene Gesundheit auf dunkle Mächte, gegen die man selbst nichts ausrichten kann", erklärt der Experte.

Der Exorzist hat ihrer Ansicht nach die Macht, die Probleme ohne langwierige und schwierige Therapie einfach auszutreiben. "Gesucht wird da wohl eine Art Instant-Heilung ohne große Anstrengung", erläutert Harder.

Teile der Kirche haben ein Interesse daran, den irrationalen Glauben aufrechtzuerhalten – sie ist "so ziemlich die letzte Bastion des Übernatürlichen", sagt der Gwup-Experte. "Beim Exorzismus kann man vor aller Augen scheinbar demonstrieren, dass es den Teufel gibt. Für die Exorzisten und viele Gläubige ist das eine Art indirekter Gottesbeweis: Wenn es den Teufel gibt, muss es auch Gott geben." Und mit dem Glauben an einen Teufel kann man die Gläubigen außerdem "ängstigen, unter Druck setzen, disziplinieren", ergänzt Harder.

Viele Menschen halten sich für besessen

Wie oft in Deutschland ein Exorzismus versucht wird, ist nach Ansicht des Experten "schwierig einzuschätzen". Die Kirche erreichten aber "viele Hilfeersuchen von Menschen, die sich für besessen halten und ausdrücklich einen Exorzismus wünschen." Nach seiner Erfahrung bekämen diese normalerweise seelsorgerische und psychologische Hilfe.

Ein Bericht des Bayerischen Rundfunks hatte im Jahr 2008 jedoch aufgedeckt, dass die katholische Kirche auch in Deutschland nahezu täglich Exorzismen durchführt. Nachdem zahlreiche Medien darüber berichteten, bestätigte schließlich der Sprecher des Erzbistums Paderborn, Ägidius Engel, der "Süddeutschen Zeitung", dass die Praktik in der katholischen Kirche weiterhin Anwendung findet.

Bei den Betroffenen handle es sich um "seelisch höchst notleidende Menschen", hatte er der Zeitung gegenüber gesagt. In solchen Fällen sei es die "Pflicht des Bischofs", einen Exorzismus zu beauftragen, heißt es in dem Bericht weiter.

Zu Stellungnahmen zum Thema Exorzismus ist die katholische Kirche in Deutschland nur schwer zu bewegen. In anderen Ländern machen die Katholiken kein Geheimnis daraus, dass vermeintliche Teufelsaustreibungen zum Programm gehören. In Großbritannien etwa ist in jeder Diözese ein Priester als Exorzist angestellt. In Österreich gibt es ebenfalls für den Exorzismus zuständige Priester, die den Titel "Beauftragter im Befreiungsdienst" tragen.

Chefexorzist des Papstes plaudert aus dem Nähkästchen

Der kürzlich verstorbene Chefexorzist im Vatikan, Gabriele Amorth, hat in mehreren Publikationen die heutige Praxis der Teufelsaustreibung beschrieben und dem damals scheidenenden Papst Benedikt XVI dafür gedankt, dass dieser den Exorzismus in der katholischen Kirche gestärkt habe.

Exorzismen dürften laut Hader heutzutage in Freikirchen sogar noch weiter verbreitet sein - so etwa bei Charismatikern und Pfingstlern: "Dort muss man anscheinend von einer erschreckend hohen Zahl ausgehen, rein statistisch ziemlich jeden Tag." Häufig werde der Exorzismus verharmlost, indem man ihn beispielsweise als "Befreiungsdienst" bezeichnet.

Die meisten Teufelsaustreibungen gehen im Verborgenen vor sich – es sei denn, sie enden tödlich. Für großes Aufsehen sorgte 1976 der Fall von Anneliese Michel aus dem Unterfränkischen Klingenberg. Zwei katholische Priester nahmen insgesamt 67-mal einen Exorzismus an ihr vor. Die Studentin war so verstört, dass sie nichts mehr aß. Sie starb unter den Augen der Exorzisten langsam an Unterernährung.

Die beiden Priester gingen nach einem Exorzismus-Brauch aus dem "Rituale Romanum" vor, einem liturgischen Kirchenbuch aus dem Jahr 1614. Unter anderem wird der "Besessene" mit Weihwasser besprengt, es werden verschiedene Psalmen vorgelesen, das Glaubensbekenntnis gebetet, das Kreuz gezeigt und die Hand aufgelegt.

"Damals hatte das Böse einen eindeutigen Namen und ein klares Gesicht: Satan oder der Teufel", erklärt Gwup-Experte Bernd Harder. Aus Bibelstellen wie 'Heilt Kranke, weckt Tote auf, reinigt Aussätzige, treibt Dämonen aus' schloss man auf die Möglichkeit und sogar den Auftrag, dagegen vorgehen zu müssen."