• Hans Stadens Geschichte ist in Brasilien sehr populär, in Deutschland kennt ihn kaum jemand.
  • Für Ethnologen ist der abenteuerliche Reisebericht aus dem 16. Jahrhundert noch immer interessant.
  • Ein Verleger aus Frankfurt fertigte sogar Raubdrucke an, weil das Buch so erfolgreich war.
Ein Porträt
Dieser Text enthält neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Andreas Noethen sowie ggf. von Expertinnen oder Experten. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

In Brasilien bekannt wie ein Popstar, in seiner Heimat fast vergessen: Das ist – sehr kurz zusammengefasst – die Geschichte von Hans Staden aus dem nordhessischen Homberg an der Efze. Doch woran liegt es, dass die Popularität des Mannes, der 1557 den ersten deutschsprachigen Reisebericht über Brasilien veröffentlichte, so dermaßen ungleich verteilt ist? Auf Spurensuche in Nordhessen.

Der Titel des Reiseberichts, unter dem das Werk bis heute erwähnt wird, klingt harmlos: "Warhaftige Historia". Aber der Untertitel lässt Unglaubliches erahnen: "… beschreibung eyner Landtschafft der Wilden, Nacketen, Grimmigen Menschfresser-Leuthen in der Newenwelt America gelegen." Heute würde man sagen: Sex and Crime. In der damals noch völlig unbekannten neuen Welt Südamerikas verhieß der Bericht eine spannende Lektüre.

Hans Staden: Seine Reisen nach Brasilien

Zwei Mal reiste Hans Staden, der sich als Söldner verdingte, nach Brasilien. 1548 wollte er eigentlich nach Indien reisen, aber als er im portugiesischen Lissabon ankam, waren die Schiffe schon ausgelaufen. Staden heuerte an, um Gefangene nach Olinda im Nordosten Brasiliens zu bringen. Dort wurde er in Kämpfe mit den Caetés-Indigenen verwickelt, die den portugiesischen Stützpunkt belagerten.

1550 macht er sich erneut auf die Reise in die Neue Welt. Diesmal schloss er sich der Expedition des Spaniers Diego de Sanabria an, der die Gegend um den Rio de la Plata erkunden wollte. Doch bei der Reise ging so ziemlich alles schief, was schiefgehen konnte. Zwei der drei Schiffe sanken. Auch Stadens Schiff, die San Miguel, ging vor der Insel Santa Catarina unter, heute Teil des gleichnamigen brasilianischen Bundesstaats. Doch der Kapitän wollte dort nicht bleiben. Man baute ein kleines Schiff, segelte gen Norden, hoffte, den Stützpunkt São Vicente zu erreichen. Doch auch dieser Plan scheiterte. Für Staden kam es noch schlimmer: Er wurde aus dem spanischen Dienst entlassen, die Expedition war gescheitert.

Er heuerte bei den Portugiesen an, die ihn zum Kommandanten einer kleinen Festung machten, die die indigenen Tupinambá auf Distanz halten sollte. Als er jedoch eines Tages außerhalb der Festung jagte, wurde er von den Tupinambá gefangen genommen und hätte eigentlich, da sie ihn für einen Portugiesen und damit einen Feind hielten, aufgegessen werden sollen. Mit einer List rettete er sich nach neun Monaten Gefangenschaft auf ein französisches Schiff und reiste über Dieppe, London und Antwerpen zurück nach Hessen. Inzwischen schreiben wir das Jahr 1555.

Der große Erfolg des Buches

Zurück in der Heimat stießen die Erzählungen auf großes Interesse. Johannes Dryander, Professor für Mathematik und Medizin an der Uni Marburg, offenbar ein Bekannter von Stadens Vater, half bei der Veröffentlichung der "Historia". Er öffnete die Tür zur Universitätsdruckerei. Der Erfolg war enorm: Noch im Erscheinungsjahr musste der Drucker Andreas Kolbe die zweite Auflage drucken, nachdem die Erstauflage – zwischen 1.000 und 1.500 Stück – rasch vergriffen war. Der Erfolg ist umso größer zu bewerten, wenn man die damaligen Verhältnisse mitbedenkt. 1450 erst hatte Gutenberg den Buchdruck erfunden. Zwischen 1527 und 1566 druckte die Universitätsdruckerei 404 Bücher, davon nur 66 von auswärtigen Autoren – einer davon Staden.

Der Erfolg des Buchs machte die Runde. Noch im selben Jahr fertigte der Frankfurter Drucker Weygand Han zwei Raubdrucke an – unschwer zu erkennen an den Bebilderungen. Anstelle der originalen Zeichungen, an die er natürlich nicht herankam, nahm er einfach Zeichnungen einer Asien-Reise. So tauchten plötzlich Elefanten in der "Historia" Stadens auf. Und Han ging noch weiter. In seiner Raubkopie änderte er das Erscheinungsdatum auf 1566, um einen Erstdruck vorzutäuschen.

Erfolg für Hans Stadens Bericht im Ausland

Nach dem großen Erfolg der ersten Jahre wurde es ruhiger um Stadens Bericht. Zu jener Zeit war es üblich, thematisch zusammenpassende Berichte in Sammelbänden zusammenzufassen. Doch in einigen wichtigen Kompendien, etwa dem um 1600 in Kassel erschienenen Band mit dem Titel "Ritterspiele" von Drillisch, tauchte der Bericht nicht auf. "Da war Staden plötzlich weg", sagt der Germanist Prof. Jürgen Schulz-Grobert, der in Homberg (Efze) das Haus der Geschichte leitet, im Gespräch mit unserer Redaktion.

"Da hat man in Hessen einen anerkannten Augenzeugen, der aber für das Buch offenbar nicht interessant erschien", wundert sich Schulz-Grobert noch immer, zumal in dem Buch zwar der "Kannibalen-Diskurs" auftauche, Staden aber unerwähnt bleibt. Wiederentdeckt im deutschsprachigen Raum wurde er erst um 1650 von Johannes Just Winckelmann aus Gießen. Von da ab ist die Geschichte Stadens fest verankert. Die Grimms verwiesen im Quellenverzeichnis ihres Wörterbuchs auf Staden ebenso wie Goethe oder Alexander von Humboldt. Auch in Grimmelshausens "Simplicissimus" gibt es eine Passage, die nahelegt, dass er den Staden-Text gekannt haben muss.

Ungleich erfolgreicher war die Rezeption im Ausland. Latein war zunächst die Sprache der Gelehrten. Die erste lateinische Ausgabe erschien 1592 im Verlagshaus De Bry. Die Nachfrage explodierte regelrecht im 17. Jahrhundert bis weit in das 18. Jahrhundert hinein, vor allem in den Niederlanden. Die Niederländer hatten ab 1640 versucht, im Nordosten Brasiliens Fuß zu fassen. "Offenbar benutzte man den Text als eine Art Handbuch", sagt Wolfgang Schiffner, der das Regionalmuseum im nordhessischen Wolfhagen leitet. Die Stadt, die sich seit 2019 offiziell zusätzlich "Hans-Staden-Stadt" nennen darf, wird als Sterbeort Stadens angenommen. Nach Brasilien selbst gelangte der Text aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als Übersetzung aus dem Französischen.

Große Bekanntheit in Brasilien – dank eines Kinderbuchs

Für die heutige Diskrepanz der Bekanntheit des Buches zwischen Deutschland und Brasilien hat Schiffner eine ganz einfache Erklärung: Das Kinderbuch des Autors Monteiro Lobato. Der Verleger aus São Paulo starb 1948. In der 23-teiligen Kinderbuch-Reihe "Sítio de Picapau Amarelo" gab Lobato neben Peter Pan auch die Abenteuer Hans Stadens heraus. Die Reihe ist in Brasilien bis heute erfolgreich, wird nach wie vor aufgelegt und als Unterrichtsmaterial in Schulen verwendet.

In der Metropole São Paulo gibt es das 1916 gegründete Instituto Martius-Staden, eine Forschungseinrichtung und Bibliothek, die sich vor allem mit der deutschen Einwanderungsgeschichte in Brasilien beschäftigt. 1999 verfilmte der Regisseur Luiz Alberto Pereira die Lebensgeschichte Stadens und erhielt für das Werk zahlreiche Preise.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der die "Historia" im Bewusstsein hält. Die darin geschilderten Beschreibungen des Lebens der Tupinambá-Indigenen sind nicht nur umfangreich. Sie gelten für Historiker und vor allem Ethnologen bis heute als wichtige Primärquelle. "Die Beschreibung des Kannibalismus regt durchaus zu Streit an", sagt Mark Münzel, emeritierter Professor für Ethnologie in Marburg und viele Jahre im Museum für Weltkulturen in Frankfurt für Amerika zuständig. Das liegt sicher auch an der Wahrnehmung von Kannibalismus aus heutiger Sicht – aus Horrorfilmen oder aufgrund schrecklicher Verbrechen. Anfang des Jahrtausends waren etwa die Taten des sogenannten "Kannibalen von Rotenburg" aus Rotenburg an der Fulda in die Geschichte eingegangen – übrigens nur rund 30 Kilometer von Homberg entfernt.

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Ist Stadens Bericht authentisch?

Im Gegensatz zu den psychopathischen Verbrechen verspeisten die Tupinambá Menschen aus einem bestimmten Grund: Es handelte es sich um eine Bestattungsform. Die Vorstellung, im Magen von Verwandten zu enden, schien den Indigenen angenehmer, als in der Erde zu verrotten. "Es machte keinen Spaß, aber es musste sein, aus religiösen Gründen", erklärt Münzel.

"Für die, die sich mit den Kulturen Südamerikas befassen, ist Staden interessant," sagt Münzel. Staden hatte mehrere Monate bei den Tupinambá verbracht, eine der wichtigsten Indigenengruppen der damaligen Zeit.

Stadens Verwendung zahlreicher Begriffe aus der Sprache der Indigenen verleihen dem Bericht Authentizität. Münzel geht nicht davon aus, dass der Abenteurer und andere Brasilien-Reisende der damaligen Zeit voneinander abgeschrieben haben könnten. Staden verwendete etwa Begriffe der Guarani, einer anderen Gruppe, die er auf seiner ersten Reise gelernt haben könnte. Und auch die spätere Befreiung Stadens durch die Franzosen lasse sich anhand anderer Quellen belegen.

Verwendete Quellen:

  • Persönliche Gespräche mit Jürgen Schulz-Grobert, Wolfgang Schiffner und Mark Münzel
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