• Seltener betroffen und mildere Verläufe – das sind die Erkenntnisse, von denen man bislang für Kinder im Zusammenhang mit COVID-19 ausging.
  • Eine neue Studie aus England zeigt, dass man Kinder als Überträger des Coronavirus unterschätzt haben könnte.

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Vieles wissen wir über das Coronavirus und die damit einhergehende Erkrankung COVID-19 immer noch nicht. Auch bei Kindern gibt es in diesem Zusammenhang noch viele Unklarheiten: Sind sie unterschätzte Überträger und Schulen Infektionsherde?

Als Museen und Restaurants zuletzt schon geschlossen hatten, blieben Schulen noch geöffnet. Lange hieß es, in Schulen gebe es keine auffälligen Ausbrüche. "Schulen sind und werden nicht die Brutstätten der Infektionen sein", schrieb etwa das sächsische Bildungsministerium im Oktober.

Und auch in Nordrhein-Westfalen kündigte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in einer Sondersitzung des Düsseldorfer Landtags zur Corona-Pandemie am Dienstag (15. Dezember) an: "Wenn die Infektionszahlen es zulassen, werden die Schulen die ersten sein, die wieder vollständig öffnen."

Schulkinder stark infiziert

Neue Studienergebnisse aus England legen nun aber nahe, dies zumindest noch einmal zu überdenken. Denn Forscher des "Imperial College London" untersuchen seit Mai die Ausbreitung des Virus in England – zuletzt für die Zeit des zweiten nationalen Lockdowns.

Dabei haben sie Alarmierendes herausgefunden: Zwar hat sich der Lockdown als wirksam erwiesen und insgesamt zur Reduzierung der Infektionen beigetragen - die PCR-Nachweisraten von Kindern und Jugendlichen im gesamten Schulalter lagen aber über dem Durchschnitt der Bevölkerung. Sind Kinder also doch viel ansteckender als angenommen?

Daten einer Studie des Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité hatten bereits im Frühjahr auf eine ähnlich hohe Viruslast und Ansteckungsgefahr bei Kindern und Erwachsenen hingewiesen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schrieb in Reaktion auf die englischen Studienergebnisse auf seiner Website: "Tatsache, dass seit langem dort Schulkinder wesentlich #Pandemie antreiben ist sehr besorgniserregend. In #Deutschland wird es nicht anders sein, trotz fehlender Daten."

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Deutsche Zahlen lassen auf sich warten

Zwar hat man auch in Deutschland mehrere Studien zur Ansteckungsgefahr in Schulen beauftragt, die Ergebnisse werden aber erst lange nach dem aktuellen Lockdown erwartet – in der zweiten Jahreshälfte 2021. Das haben Recherchen von "Panorama" ergeben.

Wie sind die englischen Forscher bereits jetzt zu ihren Ergebnissen gekommen? Seit Mai versenden sie monatlich an über 120.000 zufällig ausgewählte Menschen aus ganz England PCR-Test-Kits, um Daten über das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung zu bekommen. In der siebten Runde der sogenannten "REACT"-Studie sammelten die Forscher Daten bis zum 3. Dezember. Bis zum 2. Dezember war in England ein vierwöchiger harter Lockdown verhängt.

Prävalenz von 2,08 Prozent

Die Forscher schreiben: "Der Rückgang an Infektionen während des Lockdowns war nicht gleichmäßig." In London seien die Infektionszahlen beispielsweise sogar gestiegen. Unterschiede habe es auch bei verschiedenen ethnischen Gruppen und Berufsgruppen gegeben.

In Bezug auf die Verteilung nach Altersgruppen zeigen die Daten der englischen Forscher: Die meisten Infektionen kamen bei Kindern im Schulalter vor. In der Gruppe der 13- bis 17-Jährigen betrug die Prävalenz in der zweiten Hälfte der Beprobungsrunde 2,08 Prozent.

Das bedeutet, dass auf 10.000 Kinder 208 Infizierte kommen. Bei den 5- bis 12-Jährigen betrug dieser Wert 1,7 Prozent. Der nationale Durchschnitt lag im selben Zeitraum bei 0,91 Prozent.

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Vermutlich hohe Dunkelziffer

"Die Gruppe der Kinder ist deutlich infiziert", sagt Gesundheitsökonomin Prof. Dr. Clarissa Kurscheid im Gespräch mit unserer Redaktion. Kinder infizierten dabei andere Kinder, seien also ansteckender als angenommen.

"Weil Kinder seltener Symptome entwickeln und milde Verläufe haben, dürfte die Dunkelziffer recht hoch sein. Denn durch das Ausbleiben der Symptome werden sie auch seltener getestet", so Kurscheid weiter. Experten erklären die milderen Verläufe mit mehr Antikörpern im kindlichen Blut und weniger Rezeptoren für das Coronavirus.

Dass die Schulen so lange wie möglich offengehalten wurden, hält die Expertin für richtig. "Auf Grundlage der damaligen Erkenntnisse war die Entscheidung sinnvoll", findet Kurscheid. Wurden Schulen in Deutschland doch geschlossen, war das meist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Zuletzt verlängerten die meisten Bundesländer jedoch die Weihnachtsferien und setzten die Präsenzpflicht in Schulen teilweise aus.

"Offene Schulen waren sinnvoll"

"Aus sozialen Gründen ist es gut, dass die Schulen offen waren. Das lange Zuhausesein tut den Kindern nicht gut und kann sie psychisch belasten", meint Kurscheid. Kinder bräuchten Interaktion, gerade in bildungsfernen Milieus dürften die Probleme noch dramatischer sein. Folgen von Vereinsamung und möglicher häuslicher Gewalt seien noch nicht absehbar.

Medizinisch gesehen kann man laut Kurscheid die Frage, ob Schulen früher hätten geschlossen werden müssen, noch nicht abschließend beantworten. "Wir stehen noch vor großen Rätseln. Wo die Infektionsrate am höchsten ist, wissen wir einfach noch nicht", erinnert Kurscheid. Kritik übt die Expertin deshalb an den Gesundheitsämtern: "Sie haben viel zu sehr analog gearbeitet und konnten deshalb die Infektionsketten gar nicht mehr zurückverfolgen", so Kurscheid.

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Konsequent durchdachter Unterricht

Sollte man aber nicht aus den englischen Studienergebnissen Konsequenzen ziehen? "Wir sollten abwarten, was über die Weihnachtszeit passiert", rät Kurscheid. Wenn der Lockdown diszipliniert durchgeführt wird, rechnet die Expertin im Januar mit niedrigeren Zahlen. "Wenn dem nicht so ist, dann sage auch ich: Bitte lasst die Schulen zu."

Generell sollte man sich aber die Bedingungen, unter denen Schulen öffnen, noch einmal anschauen. "Wir brauchen konsequent durchdachten Unterricht – zum Beispiel in hybrider oder digitaler Form", fordert Kurscheid. Auch getrennte Schulwege, unterschiedliche Zeiten für den Unterrichtsbeginn und Schutzmaßnahmen wie Lüften gehörten dazu.

Eltern müssen Vorbild sein

"Die Länder müssen dafür deutlich mehr auf die Lehrer vor Ort hören und sich daran orientieren, was sie sich wünschen, fordert Kurscheid. Auch müsse es ein Miteinander mit den verantwortlichen Eltern geben. "Politik kann ihnen nur Empfehlungen geben – sie müssen aber stringent sein. Aktuell wird zu lange überlegt und die Entscheidungen sind sehr kurzräumig", findet sie.

Generell rät sie zu großer Offenheit gegenüber Kindern hinsichtlich der Coronakrise. "Am wichtigsten ist, dass Eltern Vorbilder sind und den Kindern vorleben, dass sie sich an die Regeln halten", mahnt die Expertin. Sonst hielten die Kinder am Ende in der Schule zwar Abstand – gingen aber dicht gedrängt nach Hause.

Über die Expertin: Prof. Dr. Clarissa Kurscheid studierte BWL und Gesundheitsökonomie und promovierte am Seminar für Sozialpolitik der Universität Köln. Sie ist Geschäftsführerin des privaten Forschungsinstitutes für Gesundheits- und Systemgestaltung (FiGuS) in Köln.

Verwendete Quellen:

  • Sächsisches Bildungsministerium: "Schulen sind und werden nicht die Brutstätten der Infektionen sein"
  • Website von Karl Lauterbach: "Schulkinder und Neuinzidenzen nach REACT 1 Studie aus UK"
  • Imperial College London: "REACT-1 round 7 updated report. Forschungsergebnisse der 7. Beprobungsrunde der REACT-Studie"
  • Panorama.de: "Schulschließungen: Wankelmut und Wirrwarr"
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