• Sie leben für den Ernstfall und sind auf Szenarien wie Naturkatastrophen, Terroranschläge und Versorgungsengpässe vorbereitet.
  • Hat die Prepper-Szene auch mit einer Pandemie gerechnet und vorgesorgt?
  • Sozialwissenschaftler Mischa Luy erforscht die Szene und gibt Antworten.

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Zu Beginn der Coronakrise wurden sie zu begehrten Gütern: Toilettenpapier, Mehl und Hefe. Menschen hamsterten so viel sie konnten, oft waren leere Supermarktregale vorzufinden und die Abgabemengen mussten begrenzt werden. Wen das weniger gestört haben dürfte: Prepper, die vorbereitet waren. Denn sie rechnen mit Katastrophenszenarien wie Kriegen, Wirtschaftskrisen, Terroranschlägen und rüsten sich für den Ernstfall.

"Auf eine Pandemie waren die meisten Prepper aber nicht vorbereitet", weiß Sozialwissenschaftler Mischa Luy, der an der Ruhr-Universität Bochum über die Szene forscht. Der Begriff "Prepper" ist abgeleitet vom Englischen "to prepare" – sich vorbereiten. "Prepper bereiten sich auf unterschiedliche Weise auf den Eintritt einer Katastrophe vor, um dann ohne Hilfe überleben zu können", sagt der Experte im Gespräch mit unserer Redaktion.

Stromausfall bis Terrorismus

Eine einheitliche Definition gebe es nicht, entscheidend sei die Selbstbezeichnung als Prepper. "Das Verhalten reicht vom Anlegen von Vorräten in verschiedener Intensität über Selbstbewaffnung und Anschaffung eines Fluchtfahrzeuges bis hin zur Einrichtung eines Panikraums." Worauf aber bereiten die Prepper sich vor?

"Meist haben sie Szenarien wie Stromausfall, Versorgungsengpässe oder eine Wirtschaftskrise im Kopf. Es geht aber auch um Krieg, Terroranschläge und Verschwörungsnarrative wie die Angst vor einem Bevölkerungsaustausch oder einer Islamisierung", erklärt Luy. Klopapier dürften die meisten Prepper zur Vorbereitung auf diese Szenarien gehortet haben – "Masken und literweise Desinfektionsmittel aber nicht", sagt Luy.

Bis zu 180.000 Prepper in Deutschland?

Die Größe der Szene in Deutschland sei so gut wie unbekannt. "Die Schätzungen gehen sehr weit auseinander und reichen von 10.000 bis hin zu 180.000. Es gibt eine große Grauziffer, wahrscheinlich sind es noch mehr", sagt der Experte. Auch regionale Schwerpunkte könne man schwer ausmachen, es sei ein gesamtdeutsches Phänomen.

"Tendenziell leben mehr Prepper im ländlichen Bereich, denn sie haben die Vorstellung, es sei besonders gefährlich, bei einer Katastrophe in der Stadt zu sein, weil es dort zuerst zu Unruhen und Plünderungen kommen würde", sagt Luy. Und er ist sich sicher: "Die Szene wird durch die Coronakrise Zulauf bekommen".

Verwundbarkeit unserer Gesellschaft

Denn häufig lösten historische und biografische Ereignisse die Motivation zum Prepping aus: Stationierung mit der Bundeswehr, eingeschneit sein im Auto, Erleben eines Terroranschlags oder die Wirtschaftskrise ab 2007. "Stets handelt es sich um Momente, wo Selbstverständlichkeit im Alltag brüchig geworden ist", erklärt Experte Luy.

Das beobachtet der Forscher auch im Zusammenhang mit der Coronakrise: "Sie hat das kollektive Bewusstsein dafür geschärft, wie verwundbar unsere Gesellschaft ist." Die Prepper-Szene habe sich in ihrem Handeln bestätigt gefühlt und sieht in der Coronakrise einen Beweis dafür, dass die Menschen sich in ihren Selbstverständlichkeiten zu sicher sind.

Gefühl der Handlungsmacht

"Die Pandemie löst bei vielen das Gefühl von Ohnmacht aus. Preppen ist eine Möglichkeit, um eine gewisse Handlungsmacht zu bekommen und sich ein Sicherheitsgefühl aufzubauen", analysiert Luy. Ein Teil der Szene sei über Telegram, WhatsApp- und Facebook-Gruppen vernetzt, dort sei bereits ein Zuwachs in den Nutzerzahlen beobachtbar.

"Es ist eine richtige Community entstanden und es gibt beispielsweise auch Shops, wo man Ausrüstung kaufen und Trainings buchen kann." Durch die Coronakrise motivierte Prepper treffen also auf eine vorhandene Infrastruktur. "Es geht bei der Vernetzung aber primär um Austausch, im Katastrophenfall ist jeder für sich verantwortlich", sagt Luy.
Das ist ein Aspekt, der die Prepper-Szene auch zu einem gefährlichen Phänomen macht: "Wenn alle Bürger aus Angst vor Versorgungspässen anfangen, Lebensmittel in nicht haushaltsüblichen Mengen zu horten, wird ihre Angst zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung", erinnert der Sozialwissenschaftler.

Empfehlung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

"Weil das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, Vorräte für zehn Tage zu Hause zu haben, erachten viele Prepper ihr Verhalten sogar als staatlich angeordnet", ergänzt Luy.

Auf der Webseite des Bundesamtes heißt es: "Können Sie sich vorstellen, dass Lebensmittel und Trinkwasser einmal nicht jederzeit verfügbar sein könnten? Was ist, wenn ein Hochwasser die Straßen unpassierbar macht? Lawinen ein Dorf von der Außenwelt abschneiden? Starker Schneefall die Versorgung von Geschäften unmöglich macht? Oder ein Stromausfall die öffentliche Versorgung lahmlegt?"

Mit einem Vorrat an Lebensmitteln und Getränken für zehn Tage sei man dafür gerüstet. 14 Liter Flüssigkeit pro Woche sowie haltbare und ungekühlte Lebensmittel stehen auf der Checkliste. Auch ein "Notfallkochbuch" mit Rezepten will das Bundesamt herausgeben. Einen Vorgeschmack gab es schon mit Anleitungen für Pfannkuchen ohne Ei und Cashew-Dattelcreme.

Mit diesen Empfehlungen will das Bundesamt die Resilienz, die Widerstandskraft der Gesamtbevölkerung steigern. "Bei den Preppern hingegen geht es oft weniger um prosoziales Hilfeverhalten, Solidarität und Kooperation, sondern mehr um Egoismus und Entsolidarisierung", stellt Luy klar.

Experte warnt: Menschen könnten sich beim Preppen radikalisieren

Weil hinter den Katastrophenszenarien teilweise rechte Verschwörungstheorien stecken und sich Teile der Prepper selbst bewaffnen, wird die Szene außerdem vom Verfassungsschutz beobachtet. Auslöser dafür waren Ermittlungen 2017 in Mecklenburg-Vorpommern. 2020 deckte die Tageszeitung "TAZ" weitere Verbindungen zwischen Prepper-Szene, Bundeswehr, Polizei und der rechtsterroristischen Vereinigung Nordkreuz auf. Darin sieht Luy ebenfalls eine Gefahr:

"Menschen könnten sich beim Preppen auch radikalisieren, wenn sie bei Schießtrainings oder Preppertrainings mit Menschen mit einem geschlossenen rechten Weltbild in Kontakt kommen", warnt er.

Angst vor Versorgungsengpass

In der Prepper-Szene sei aktuell die Angst vor Versorgungsengpässen groß, die Anhänger prognostizieren Plünderungen und zwischenmenschliche Gewalt. Die Bundesregierung hat immer wieder betont, dass es keinen Anlass zu dieser Sorge gibt. "Manche rüsten sich auch, um mit einem Fluchtfahrzeug aus dicht besiedelten Gebieten abzuhauen und in den Wäldern auszuharren. Andere stocken ihre allgemeinen Vorräte einfach weiter auf", sagt Experte Luy.

Macht uns die Coronakrise, wenn wir Hamstern, nun alle zu Preppern? "Das hängt von der Definition ab: Manche Prepper zählen fast jede Form von Vorbereitungen dazu – auch das Einmachen von Obst ihrer Großeltern zum Beispiel", sagt Luy. Am sinnvollsten sei es aber, sich die dahinterliegende Intention anzuschauen.

"Geschieht das Handeln zum Zwecke des Überlebens im Katastrophenfall und bezeichnet sich jemand selbst als Prepper? Es ist eine prepper-ähnliche Verhaltensweise, macht jemanden aber nicht automatisch dazu", erklärt der Wissenschaftler. Allein mit Klopapier – man käme auch nicht weit.

Über den Experten: Mischa Luy ist Sozialwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum. Aktuell promoviert er zur Thematik der Prepper-Szene in Deutschland. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Sozialpsychologie und Sozialanthropologie auf den Themen Prepper, Survivalism, Rechtsterrorismus, Verschwörungsdenken, Apokalypse und Katastrophe.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Mischa Luy
  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: "Essen und Trinken bevorraten"

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