• Die Impfquote ist nicht hoch, die Maßnahmen sind vergleichsweise mild - trotzdem sind die Schweizer Impfgegner so laut und präsent wie kaum anderswo.
  • Sie boykottieren Konzerte und behindern Impfbusse an der Durchfahrt.
  • Der Sozialwissenschaftler Axel Franzen erklärt, was dahinterstecken könnte.
Eine Analyse

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Sie sind so laut wie in kaum einem anderen Land Europas: die Impfgegner in der Schweiz. In der vergangenen Woche boykottierten Impfskeptiker kostenlose Freiluftkonzerte, die die Regierung im Rahmen ihrer Nationalen Impfwoche veranstaltete. Gegner hatten sich zuvor online Hunderte der Tickets gesichert, kamen dann aber nicht zu den Konzerten, bei denen die Musiker für die COVID-Impfung warben.

Ein Schweizer Dorf verweigerte einem Impfbus die Einfahrt, der Politiker der Schweizerischen Volkspartei (SVP), Christoph Blocher, wurde angefeindet und mit dem Tod bedroht – weil er sich hatte impfen lassen. Die Schweiz liegt mit einer Impfquote von knapp 65 Prozent (Stand: 19. November) abgeschlagen hinter Spitzenreitern wie Portugal (knapp 88 Prozent) und Spanien (80 Prozent).

Milde Corona-Maßnahmen in der Schweiz

Und das alles, obwohl die Corona-Maßnahmen der Schweizer Regierung vergleichsweise mild sind und waren. Der "stringency index", den die Universität Oxford entwickelt hat, um die Strenge der Corona-Maßnahme der einzelnen Staaten zu beurteilen, listet die Schweiz weit hinter Ländern wie Spanien, Frankreich oder Kroatien. Auf einer Skala von 0 bis 100, in die Variablen wie Schulschließungen und Reiseverbote eingeflossen sind, erreicht die Schweiz einen Wert von 70.

Die Schulen waren im Frühjahr 2020 nur kurz geschlossen, Hotels konnten offen bleiben, ebenso Skigebiete. Eine Testpflicht fürs Shoppen oder Restaurantbesuche gab es zu keinem Zeitpunkt, ebenso wurden keine Ausgangssperren verhängt. Stufenfahrpläne abhängig von Inzidenzen gab es nicht, bei den Lockerungsmaßnahmen im Frühjahr dieses Jahres galt die Schweiz als Vorreiter.

Mangelnde Datengrundlage

Wie passen die lauten Impfgegner mit den milden Maßnahmen zusammen? "Das ist schwierig zu beantworten", sagt Tessa-Virginia Hannemann vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik im Gespräch mit unserer Redaktion.

Zum jetzigen Zeitpunkt gebe es wenige Daten über das "Warum" der niedrigen Impfquoten. "Wir haben aber Daten darüber, wer sich in der Schweiz nicht impfen lässt", sagt sie. Gewonnen wurden diese im Rahmen der SHARE Studie, einer repräsentativen Befragung in 27 EU-Staaten und Israel, die im Sommer 2020 und 2021 mit über 50-Jährigen durchgeführt wurde.

Wer sich nicht impfen lässt

"Die Schweiz deckt sich dabei mit dem gesamteuropäischen Bild, das wir haben: Ältere Befragte über 80 geben eher an, geimpft zu sein. Arbeitslose Befragte sind seltener geimpft als Befragte, die bereits in Rente sind", sagt Hannemann. Auch Befragte, die in ländlichen Gegenden leben, seien häufiger ungeimpft als Befragte in städtischen Umgebungen.

"Außerdem sind Befragte mit einer diagnostizierten Krankheit eher geimpft, als Befragte ohne Diagnose. Je schwieriger die Befragten ihre finanzielle Situation einschätzten, desto weniger häufig gaben sie an, geimpft zu sein", ergänzt die Expertin. Für die Antwort auf die Frage, warum die Schweizer Impfgegner bei milden Maßnahmen so omnipräsent sind, brauche es weitere Studien.

Direkte Demokratie gewöhnt

Sozialwissenschaftler Axel Franzen von der Universität Bern hat dennoch mögliche Erklärungsansätze: "In der Schweiz leben wir in einer direkten Demokratie. Die Schweizer sind daran gewöhnt, dass sie selbst über Gesetzesvorlagen abstimmen können", erinnert er. Bei den Notverordnungen im Herbst sei das auch geschehen – 60 Prozent stimmten für die Maßnahmen des Bundesrates.

"Es ist dennoch für die Schweizer sehr ungewöhnlich, so weitgehende Einschränkungen auf sich nehmen zu müssen, die die Politiker uns verordnen", meint Franzen. Die Gewöhnung, selbst über politische Maßnahmen zu entscheiden, sei sehr stark ausgeprägt.

Kritisch gegenüber der Politik

Passend dazu sagte SVP-Politiker Christoph Blocher in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung": "Vor allem gibt es viele Maßnahmenskeptiker, ich gehöre auch dazu. Es sind viele gestandene Berufsleute, senkrechte freiheitliche Bürger, Bauern, Zimmerleute, Schreiner, Maurer zum Beispiel." Sie verteidigten die persönliche Freiheit und seien nicht fanatisch.

Franzen sagt: "In Deutschland ist man durch die repräsentative Demokratie stärker daran gewöhnt, dass Parteien und Regierungen politische Maßnahmen vorschlagen oder umsetzen können, ohne das Volk zu fragen." Die politische Sozialisierung könnte also eine Rolle spielen. "Zahlen gibt es dazu aber aktuell nicht", sagt Franzen.

SVP zieht Skeptiker an

"Die Schweizer sind aber generell gegenüber Politikern sehr viel kritischer, wollen sich als mündige Bürger behandelt fühlen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. So sind die Schweizer groß geworden und betrachten ihre Demokratie", erklärt der Experte.

Dass sich Menschen außerhalb der Großstädte seltener impfen lassen, passt für den Sozialwissenschaftler ins Bild: "Die größte Partei in der Schweiz, die Schweizerische Volkspartei, ist traditionell stärker in der Landbevölkerung vertreten. Sie hat sich am wenigsten stark für Impfungen eingesetzt und sich eher kritisch geäußert", sagt er. In der Corona-Umfrage des Instituts Sotomo (PDF) wies die SVP von allen Parteien den höchsten Anteil an Impfskeptikern auf.

Mehr Skeptiker auf dem Land

Großstädte gibt es in der Schweiz außerdem weniger als in anderen Ländern: Während es in Deutschland 80 sind, zählen nur sechs Schweizer Städte mehr als 100.000 Einwohner. Viele Impfunwillige gibt es in den deutschsprachigen Bergregionen der Schweiz.

"Besonders groß sind die Unterschiede zwischen der Schweizer und der deutschen Impfquote aber nicht", erinnert Franzen. In Deutschland liegt sie aktuelle bei knapp 68 Prozent. "Es gibt also auch Gemeinsamkeiten im deutschsprachigen Kulturraum." Eine Studie der Universität Basel hat das erst jüngst bestätigt.

Ablehnung der Schulmedizin

Eine Gemeinsamkeit hat Franzen bereits ausgemacht: "Zwar sind die Impfgegner und -skeptiker sehr heterogen, aber ein erheblicher Teil in der Bevölkerung ist naturheilkundlichen Verfahren sehr aufgeschlossen und der Schulmedizin kritisch gegenüber", beschreibt der Experte.

Die anthroposophische Bewegung in der Schweiz sei groß. "Diese Klientel steht neuen Impfstoffen sehr kritisch gegenüber und die esoterische Orientierung ist auch in Deutschland recht stark ausgeprägt", sagt er. Wie stark die Stimme der Impfgegner ist, wird sich Ende November zeigen: Dann stimmt die Schweiz über die von der Regierung eingeführten Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ab.

Über die Experten: Prof. Dr. Axel Franzen lehrt Methoden der empirischen Sozialforschung am Institut für Soziologie der Universität Bern. Zu seinen Lehr- und Forschungsschwerpunkten gehören neben den Methoden der empirischen Sozialforschung die experimentelle Spieltheorie, Forschungen zum Thema Sozialkapital und Netzwerke sowie die Umweltsoziologie.
Tessa-Virginia Hannemann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, wo sie an der europäischen Panelstudie SHARE mitarbeitet. Zu ihren Forschungsinteressen zählen Alters- und mentale Gesundheitsprobleme in Bezug auf öffentliche Gesundheit.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Tessa-Virginia Hannemann
  • Interview mit Axel Franzen
  • Oxford University: Covid-19-government response tracker. Stand 18.11.2021
  • Universität Basel: Politische Soziologie der Corona-Proteste
  • Sotomo: 6. SRG-Corona-Monitor. 15.01.2021
  • Neue Zürcher Zeitung: Christoph Blocher: "Die Treichler verstopfen zurzeit nicht die Intensivstationen" 16.09.2021

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