Wie wollen, wie müssen wir der Opfer des Nationalsozialismus gedenken? Diese Frage stellt sich in diesem Jahr erneut. Nur auf den ersten Blick scheint sie längst beantwortet und damit müßig. Denn tatsächlich muss sich jede Generation aufs Neue mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen.

Im April vor 70 Jahren befreien die Alliierten Buchenwald, das größte Konzentrationslager auf deutschem Boden. Jeder fünfte Inhaftierte dort starb, insgesamt mehr als 50.000 Menschen. Auch die Konzentrationslager in Sachsenhausen und Ravensbrück werden in dieser Zeit geräumt, weil die Rote Armee immer näher vorrückt. An das Ende der nationalsozialistischen Mordmaschinerie sollen deshalb auch in diesem Jahr Veranstaltungen an zahlreichen Gedenkorten erinnern.

Selfies von Jugendlichen, die an Orten der Erinnerung Grimassen schneiden und herumalbern, gehen immer wieder durch die Medien - pubertierende Schüler, denen das stille und taktvolle Gedenken an die Opfer der Nazi-Diktatur scheinbar egal ist. "Pietätlos! Kein Anstand!", so lauten mitunter Kommentare vor allem älterer Zeitgenossen. Doch was ist dran an den Vorwürfen, von fehlendem Respekt vor den Opfern bis hin zum allgemeinen Werteverfall?

Die gute Nachricht: Der Mangel an Anstand und Zurückhaltung dieser Jugendlichen bedeutet in der Regel nicht, dass sie die Gräueltaten der Diktatur leugneten oder selbst Nazis wären. Fragwürdige Gesten, sprachliche und mimische Entgleisungen sind oft vielmehr Ausdruck von Verwirrung. Die Bedeutung dessen, was Jugendliche etwa in den Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin erkennen sollen, erschließt sich ihnen selten von selbst. Zu weit weg, zu abstrakt und unwirklich erscheint das Geschehene.

Wer hat die Deutungshoheit?

Diese Art des (Nicht-)Erinnerns ist pietätlos. Anlass für Empörung bietet die scheinbare Gleichgültigkeit jedoch nur dann, wenn es sich um eine bewusste und gewollte Haltung handelt. Ob das aber der Fall ist, wissen Jugendliche oft nicht einmal selbst. Vielleicht ist ihr Verhalten auch nur der Versuch, gegen eine vermeintlich allgegenwärtige political correctness aufzubegehren. Mit dem Ziel, ohne viel Aufwand schnell zu schockieren.

Fest steht: Erinnerungsarbeit ist persönlich. Sie stellt ein wichtiges psychologisches Element für das eigene Selbstverständnis und den Personenstatus innerhalb einer Gruppe dar, wie der Sozialpsychologe Harald Welzer herausgefunden hat. Die Wechselwirkung von individuellen Eigenschaften und daraus resultierenden Verhaltensweisen wird jedoch häufig nur wenig beachtet. Ob darüber hinaus der Faktor Alter das Gebaren erklärt? Dass der Umgang mit der Vergangenheit von Generation zu Generation variiert, ist weder unwahrscheinlich noch von vorneherein falsch.

Verantwortungsbewusste Erinnerungskultur

Welcher Weg zur Wahrheitsfindung auch eingeschlagen wird, die Erkenntnis, dass Nationalismus und Antisemitismus in Deutschland Hand in Hand gegangen sind, darf nicht verloren gehen. Deutschland hat daher mehr als jedes andere Land die Pflicht, eine angemessene Erinnerungskultur zu schaffen und zu bewahren.

Wie wichtig dafür vorherrschende Diskussionskultur und allgemeiner Wissensstand sind, zeigt sich an einer scheinbar profanen Feststellung: "Hitler ist als Redner groß geworden, nicht als Parlamentarier oder durch irgendwelche Verdienste, und zwar als ein Redner, der sehr überzeugend seine Liebe zum deutschen Volk artikuliert hat", stellte die Wiener Historikerin Brigitte Hamann bereits zum 60. Jahrestag fest.

Die Lehren, die man aus dem Dritten Reich ziehen kann – etwa zur Bedeutung eines echten demokratischen Gemeinwesens, das es zu schaffen und zu erhalten gilt – haben jedoch einen blinden Fleck. Es gibt in einer Demokratie, in der alle gleiche Rechte haben, auch solche Menschen, die Geschichte offen verdrehen statt sie zu verstehen.

Aus der Vergangenheit lernen

Warum können wir die kollektive Erinnerungsarbeit nicht beenden und mit dem Dritten Reich abschließen? Brigitte Hamann fand 2005 im Gespräch mit dem früheren "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher und dem ehemaligen "SPIEGEL"-Chefredakteur Stefan Aust eine eindeutige Antwort: "Ich glaube, dass es wieder passieren kann. Und ich glaube auch, dass wir uns deswegen so genau mit Hitler und dem Dritten Reich beschäftigen müssen, um uns klarzumachen, unter welchen Umständen eine so fürchterliche Entwicklung möglich ist". Und weiter: "Keiner hat das von Deutschland geglaubt. Man hat gesagt, im Zarenreich, da gab es die Pogrome, natürlich sind da die Juden in Mengen ermordet worden. Aber in Deutschland, dieser Kulturnation?"

Stephan Marks vom Freiburger Institut für Menschenrechtspädagogik zufolge begeisterte der Nationalsozialismus seine Anhänger nicht rational, sondern indem er ihre Gefühle ansprach und sich ihre emotionale Bedürftigkeit zunutze machte. In "Warum folgten sie Hitler?" schreibt Marks, dass vor allem Schamgefühle, Kriegstraumata und psychische Abhängigkeiten instrumentalisiert wurden.

Weil nur die Auseinandersetzung mit Ursachen und Folgen menschenverachtender Politik deren Aufarbeitung ermöglicht, spielen insbesondere glaubwürdige Zeitzeugen eine wesentliche Rolle für eine eindeutige Geschichtsbetrachtung. Ihre Fähigkeit zur Erinnerung, sich zu artikulieren und sich dabei Gehör zu verschaffen, verhindert die Rehabilitierung des Nationalsozialismus am wirkungsvollsten. Im Umkehrschluss darf das Ende der Zeitzeugenschaft nicht zu Nichtwissen oder Nichtwissen-Wollen führen. Nicht zuletzt führen Schweigen und Verdrängen zu Vergessen.

Hautnahe Erfahrung der Nazidiktatur

Was aber, wie Bundespräsident Joachim Gauck 2013 in einem Interview fürchtete, wenn "auch vernarbte Wunden aufreißen" und "plötzlich archaische Hassmechanismen wieder greifen"? Entgegenwirken lässt sich dem nur durch umsichtiges politisches und pädagogisches Handeln. Aufklärung darf nicht auf die Beschäftigung einer Forschungsgemeinschaft wie der Geschichtswissenschaft begrenzt werden. Stattdessen muss sie in einer Sprache und Aufmachung daherkommen, die für alle Gesellschaftsgruppen einen verständlichen Zugang zu Geschichte sicherstellt, der befähigt und anregt, sich selbst mit dem Thema zu befassen. Gedenktafeln und Mahnmale können Leid nur bedingt transportieren.

Eine solche Herausforderung beinhaltet, Museen zu Foren interkulturellen und -generationalen Dialogs machen. Begegnungen mit Zeitzeugen – vieles wurde von den Nazis aus Selbstschutz nicht überliefert und ist nur durch mündliche Berichte bekannt – sind dabei unumgänglich. Erst der menschliche Faktor macht betroffen, ruft Empfindungen hervor und hinterlässt so einen bleibenden Eindruck.

Für die Zukunft gilt deshalb: Videokassetten mit schon geführten Zeitzeugen-Interviews müssen dringend digitalisiert werden. Dafür darf weder Geld noch Personal fehlen. Sonst ist ein zulässiger Blick auf die Vergangenheit und die daraus abzuleitende Botschaft "Nie wieder!" gefährdet. Von einer Versöhnung mit den Überlebenden und deren Nachfahren ganz zu schweigen.