Anhänger der Verschwörungstheorie QAnon sehen in Donald Trump den Kämpfer gegen ein angebliches Netzwerk von prominenten Kinderschändern. Die kruden Behauptungen - obwohl mehrfach widerlegt - sind längst in der realen Welt angekommen - auch schon in Deutschland.

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"Ich bin der Auserwählte", sagte Donald Trump im August 2019 vor Journalisten und blickte in den Himmel. Der US-Präsident sprach zwar gerade über den drohenden Handelskrieg mit China. Doch sein Ausspruch wurde von manchen seiner Fans auch in einem anderen Kontext gesehen. Die Anhänger der Verschwörungsmythos QAnon sehen in Trump in der Tat einen Auserwählten. Das US-Magazin "The Atlantic" stellte gerade fest: Der Mythos habe für manche Menschen, die an ihn glauben, schon die Züge einer Religion.

Anhänger von QAnon glauben, in den USA gebe es einen sogenannten "Deep State", den "tiefen Staat": ein Netzwerk aus teils prominenten Persönlichkeiten, die im Verborgenen Gesellschaft und Politik steuern. Hillary und Bill Clinton werden am häufigsten als Drahtzieher benannt. Donald Trump jedenfalls sei derjenige, der aus dem Weißen Haus diesen tiefen Staat bekämpfe. Besonders krude ist die Behauptung, das feindliche Netzwerk agiere als globaler Kinderhändlerring aus demokratischen Politikern und Hollywood-Schauspielern, die Kinder missbrauchen oder aus deren Blut ein lebensverlängerndes Mittel (Adrenochrom) gewinnen wollen.

Möglichkeit der Provokation

"Verschwörungstheorien haben in Amerika durchaus eine lange Tradition. Das war schon bei der Mondlandung so, die angeblich im Studio gefilmt wurde. Oder bei der Ermordung von John F. Kennedy", sagt Daniel C. Schmidt im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Reporter berichtet für verschiedene deutsche Medien aus den USA und hat gerade das Buch "This Is America" veröffentlicht.

Die QAnon-Verschwörung fängt vor allem im rechten politischen Lager. Zu der Zahl ihrer Anhänger gibt es nur Schätzungen, sie schwanken zwischen mehreren Zehntausend und mehr als einer Million Menschen. Daniel C. Schmidt hat dabei eine große Bandbreite beobachtet: "Es gibt tatsächlich Leute, die fest an diese Theorie glauben, die stundenlang in irgendwelchen Foren zubringen und sich damit beschäftigen." Auf Trump-Veranstaltungen sehe man auch viele junge Menschen mit Q-T-Shirts und anderen Insignien. "Für viele von ihnen ist das aber eher ein ironischer Bruch, um Linke zu ärgern", sagt Schmidt. "Wenn man sich mit ihnen unterhält, merkt man, dass sie sich nicht unbedingt mit den Details der Theorie beschäftigt haben. Sie bietet ihnen einfach eine Möglichkeit, zu provozieren und aufzufallen."

Vom Internetforum ins reale Leben

Ihren Ursprung hat QAnon im obskuren Internetforum 4chan sowie seinen Nachfolgern 8chan und 8kun. Im Oktober 2017 begann ein unbekannter User mit dem Pseudonym "Q Clearance Patriot", dort kryptische Texte zu schreiben. Sie bildeten die Basis für die Bewegung, die später nach ihm benannt wurde. "Q" steht in der Geheimdienstsprache für geheimes Material, "Anon" für Anonymität.

Viele Anhänger der Erzählung flüchten sich in eine Parallelwelt. Manche von ihnen würden QAnon als Lebensstil oder Religion bezeichnen, schrieb die "New York Times" im Februar. Dass es keinerlei Beweise für ihre Behauptungen gibt, dass seriöse Medien sie nicht ernst nehmen, beeindruckt die Q-Anhänger offenbar nicht. "Es gibt vor allem unter konservativen Amerikanern eine starke Tendenz, skeptisch gegenüber dem zu sein, was die angeblich parteiischen Medien einem auftischen", sagt Daniel C. Schmidt. "Trump hat das schon in seinem Wahlkampf 2016 befeuert. Unter vielen Konservativen herrscht die Grundstimmung: Man kann nichts mehr glauben, man kann sich auf niemanden mehr verlassen."

Vereinzelt zeigt sich auch im realen Leben, was die Theorie mit Menschen machen kann. Im vergangenen Dezember sagte ein 25-Jähriger bei einer Gerichtsverhandlung in New York aus, er habe einen Bandenboss ermordet, weil der im tiefen Staat gegen Donald Trump agiere. Älter als QAnon selbst ist die teils antisemitische Erzählung vom prominenten Kinderschänderring, die bereits 2016 auf 4chan gestreut wurde. Im November des gleichen Jahres stürmte ein bewaffneter Mann eine Pizzeria in Washington D.C., um die dort vermeintlich versteckten Kinder zu befreien.

Anhänger auch in Deutschland

Ein Demonstrant trägt während einer Kundgebung in München im April ein T-Shirt mit einem aufgemalten Q.

Längst hat die Verschwörung auch in anderen Ländern Widerhall gefunden. In Deutschland wird zum Beispiel der Musiker Xavier Naidoo zu ihren Anhängern gerechnet. Q-Symbole sind dem Bayerischen Rundfunk zufolge inzwischen auch bei Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen zu sehen. Der Nordkurier berichtete im Juni von einem Mann aus Mecklenburg-Vorpommern. Er drohte der Landesregierung indirekt Gewalt an, wenn sie sich nicht mit einem "Kinderraub-Fall in Greifswald" auseinandersetze – dabei war in der Stadt kein Kind vermisst.

"Futter" durch den Fall Epstein

In den USA hat sich Präsident Donald Trump nie zur QAnon bekannt, aber er geht auch nicht dagegen vor. Dabei hat selbst der US-Geheimdienst FBI die Verschwörungsbewegung in einem internen Papier als "inländische terroristische Bedrohung" eingestuft.

Verschwörungsmythiker finden immer wieder "Futter" für ihr Weltbild. Ein Beispiel ist der Fall des Investmentbankers Jeffrey Epstein, der im großen Stil Minderjährige für den sexuellen Missbrauch zum Verkauf angeboten haben soll. Bevor der Prozess gegen ihn beginnen konnte, beging Epstein im vergangenen August in seiner Gefängniszelle Suizid.

QAnon-Anhänger sehen sich durch den Fall bestätigt, denn Epstein war unter anderem mit den Clintons befreundet. Was weniger in das Verschwörungsweltbild passt: Auch Donald Trump gehörte zu seinen Freunden. Wenn es um Fakten gehe, die ihnen zuwiderlaufen, hätten sich die Verschwörungsanhänger bisher aber als sehr anpassungsfähig und zweideutig erwiesen, schreibt "The Atlantic": "Für QAnon kann jeder Widerspruch wegerklärt werden, kein Argument kann sich gegen sie durchsetzen."

Über den Experten: Der Journalist Daniel C. Schmidt lebt in Washington D.C. und arbeitet als Reporter unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den "Spiegel" und die "Zeit". Im Februar 2020 ist sein Buch "This Is America" im Aufbau-Verlag erschienen, für das er durch das ganze Land gereist ist.

Quellen:

  • Daniel C. Schmidt, Freier Reporter
  • BR.de: QAnon – Ausbreitung einer Verschwörungsbewegung
  • Nordkurier.de: Verschwörungstheoretiker droht Landesregierung
  • The Atlantic: The Prophecies of Q
  • The New York Times: What Happens When QAnon Seeps From the Web to the Offline World