Vor Anti-Rassismus-Demonstrationen in deutschen Städten tauchten im Netz Fotos von aufgerissenen Straßen und Paletten mit Pflastersteinen auf. Die Behauptung: Die Steine wurden absichtlich als Wurfmaterial bereitgelegt. Das ist falsch. Es handelt sich um ganz normale Baustellen.

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Anhand verschiedener Fotos von Baustellen wird in Sozialen Netzwerken behauptet, die "Antifa" habe für die Anti-Rassismus-Demonstrationen in deutschen Städten Pflastersteine als Wurfmaterial "bereitgelegt". Deutsche Behörden hätten diese Vorbereitungen abgesegnet. Beide Behauptungen sind falsch, wie die Recherche von CORRECTIV.Faktencheck zeigt.

Die Fotos sind offenbar der Versuch, ein in den USA kursierendes Narrativ in Deutschland zu reproduzieren. Dort gibt es anhaltende Proteste nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd bei seiner Festnahme durch Polizisten am 25. Mai. Im Kontext dieser "Black Lives Matter” Kundgebungen tauchten in den USA Behauptungen auf, dass von linken Extremisten gezielt Paletten mit Ziegelsteinen in der Nähe der Proteste aufgestellt würden.

Diese Theorie wurde unter anderem vom Account des Weißen Hauses auf Twitter und von dem Rechtsaußen-Medium Breitbart verbreitet – und durch Faktenchecks von Politifact und NBC widerlegt. Teilweise handelte es sich nach den Recherchen der Journalisten um normale, bereits bestehende Baustellen, teilweise lagen diese gar nicht in der Nähe von Protestrouten.

Bilder aus neun deutschen Städten werden mit falschen Behauptungen verbreitet

So ist es auch in Deutschland. Die Beiträge in Sozialen Netzwerken beziehen sich auf die Demonstrationen gegen Rassismus in zahlreichen Städten am Wochenende des 6. und 7. Juni. In einem Facebook-Beitrag vom 5. Juni heißt es zu den Bildern der Pflastersteine: "Damit schmeißen sie morgen die Geschäfte kaputt. Das Ganze wird weltweit von den Demokraten / radikalen Linken koordiniert und wurde von unserer korrupten Regierung abgesegnet. Sie wollen den gleichen Chaos wie in den USA weltweit erzeugen, weil sie wieder die Kontrolle haben wollen!"

Nach Recherchen von CORRECTIV wurden im Kontext dieses falschen Narrativs Bilder aus neun deutschen Städten – Mainz, Köln, Wiesbaden, Karlsruhe, Marburg, Erfurt, Düsseldorf, Hamburg und Berlin – in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Youtube und Twitter verbreitet. Ein Youtube-Video mit der Behauptung wurde mittlerweile gelöscht.

Kurz vor der Löschung hatte es 189.000 Aufrufe. Und auf Twitter teilte der Account der AfD Hannover einige der Fotos und Behauptungen.

Städte und Polizei: Ganz normale Baustellen

Wir haben Presseanfragen an die Stadtverwaltungen und Polizeibehörden der jeweiligen Städte geschickt. Das Ergebnis: In allen Fällen handelt es sich um reguläre Baustellen, die bereits länger bestehen. Teilweise ist das mit Pressemitteilungen belegt.

Im Einzelnen gab es dort Leitungsarbeiten (Düsseldorf), Kabelverlegungen (Mainz und Karlsruhe), einen Ausbau des Fernwärmenetzes (Wiesbaden) oder Straßenbauarbeiten (Marburg und Hamburg). Bei den Demonstrationen an dem Wochenende seien zudem keine Pflastersteine geworfen worden, schrieben uns die Behörden weiter; die meisten Kundgebungen verliefen völlig friedlich.

Mit zwei Ausnahmen: In Hamburg wurden laut Polizei unter anderem Steine auf die Einsatzkräfte geworfen. Diese teilte jedoch mit, man habe keine Informationen, dass Wurfmaterial gezielt bereitgestellt wurde.

Und in Erfurt gab es an dem betreffenden Wochenende laut Polizei gar keine Demonstration.

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George Floyd beigesetzt: Hunderte Trauernde nehmen Abschied

Der Tod des Afroamerikaners George Floyd bestürzt Menschen weltweit und hat rund um den Globus zu zahlreichen Protesten gegen Rassismus geführt. Floyd starb, nachdem ihm ein Polizist minutenlang das Knie in den Nacken gedrückt hatte. Floyd wurde am Dienstag im Anschluss an eine Trauerfeier in Houston in Pearland beigesetzt.