Der Rechtsextremismus-Experte Robert Claus hat Jahre lang in der rechten Kampfsportszene recherchiert. Im Interview spricht der Autor über Phantasien vom "Tag X", Verbindungen der Szene zu NPD und AfD und Versäumnisse der Behörden.

Herr Claus, Sie haben jahrelang über und in der rechtsextremen Kampfsportszene recherchiert. Wie groß und wie gefährlich ist die Szene in Deutschland?

Robert Claus: Die staatlichen Behörden sprechen von mehr als 30.000 Rechtsextremisten in Deutschland, über 12.000 davon seien gewaltbereit. Es ist davon auszugehen, dass ein großer Teil unter ihnen Kampfsport trainiert.

Wie viele der Sportler trainieren auf Wettkampfniveau?

Eine Elite von rund 200 Kämpfern – Tendenz steigend. Hinzu kommt: Die Szene professionalisiert ihre Gewalt. Sichtbar wurde dies unter anderem im Spätsommer 2018 in Chemnitz, als rechte Hooligans in den extrem rechten Aufmärschen Polizisten mit Kampfsporttechniken attackierten.

Diese Aufzüge haben der Szene enormen Auftrieb gegeben. Kurze Zeit später – im Oktober 2018 – feierte das extrem rechte Event "Kampf der Nibelungen" (KdN) mit knapp 1.000 Zuschauern seinen Rekord und wuchs zum größten Kampfsportevent der militanten Neonaziszene in Westeuropa heran.

Aus der Kampfsportszene heraus entstehen auch rassistische Gewalttaten. Haben Sie dafür Beispiele?

Die Liste ist lang. Beispielhaft kann hier das Verfahren gegen den Cottbusser Neonazi Andy S. genannt werden. Ihm wird vorgeworfen, bereits im Dezember 2016 einen afghanischen Geflüchteten aus rassistischen Motiven angegriffen und schwer verletzt zu haben. Dieser Andy S. war auch auf einem Plakat zum "Kampf der Nibelungen" zu sehen und hat dort gekämpft. Man inszeniert gewalttätige Männlichkeit.

Es gibt auch internationale Beispiele: Im Frühjahr 2020 reisten Neonazis europaweit nach Griechenland, um dort Geflüchtete anzugreifen, die in Schlauchbooten anlandeten. Unter dem Slogan "Defend Europe" legitimieren sie ihre rassistische Gewalt als nationale Wehrhaftigkeit.

Sie sagen, in den Gyms werde für einen politischen Umsturz, den sogenannten "Tag X" trainiert.

Genau. Die extrem rechte Kampfsportgruppe "Baltik Korps" aus Mecklenburg-Vorpommern spricht offen vom Tag X, auf den man nicht mehr warten solle. Ähnliche Zitate gibt es vielfach, auch im Rechtsrock. Unter dem Code Tag X versteht die Neonaziszene den Tag, an dem sie die liberale Demokratie und all das, was sie ihr anlasten, stürzen wollen: Geschlechtergleichberechtigung und internationale Migration.

Wie realistisch ist so ein Szenario?

Meines Wissens gibt es weder einen ausgefeilten Plan, wie dieser Tag X ablaufen soll noch eine konkrete Idee, was danach kommt.

Sondern?

Der Tag X ist eine Art Erlösungserzählung, die die Szene zu Gewalt motiviert. Das macht es nicht ungefährlicher. Kurz nach den Chemnitzer Aufmärschen flog die Gruppe "Revolution Chemnitz" auf, die eine bewaffneten Umsturz geplant hatte. Natürlich spricht daraus ein gewisser Größenwahn, die Gefahr extrem rechter Terroranschläge ist jedoch real. Letztlich sprechen wir bei alledem über nationalsozialistische Kampfvorbereitungen.

Wie kann man sich das Training der Kampfsportler vorstellen?

Neonazis haben in den vergangenen Jahren gezielt eigene Strukturen im Kampfsport aufgebaut, eigene Gyms und Events sowie Kleidungslabels gegründet. Damit finanzieren und vernetzen sie die Szene. Dabei müssen wir immer im Blick behalten, dass Neonazis nicht einfach Kampfsport betreiben, um sich besser zu fühlen oder Gewicht zu verlieren.

Stattdessen bezeichnete der "Kampf der Nibelungen" die liberale Demokratie als "faulendes politisches System" und versteht sich als Kampfsportelite für "weiße Europäer". Neonazis professionalisieren ihre politische Gewalt, entwickeln ihre Kampffähigkeiten weiter. Darüber hinaus reichen die Netzwerke über fast ganz Europa bis in die Ukraine. Sie verbinden Kampf- mit Wehrsport, üben an Schusswaffen. Es wächst eine neue Generation kampferprobter Neonazis heran.

Welche Bedeutung haben solche großen Kampfsportveranstaltungen für die Szene?

Das Event ist seit 2013 in wenigen Jahren zum größten Kampfsportevent der militanten Neonaziszene in Westeuropa gewachsen. Es ist das Flaggschiff des Kampfsportes in der Szene. Er dient zur Vernetzung, Rekrutierung und Finanzierung politischer Aktivitäten. Und um Geld zu verdienen, versuchen die Organisatoren an den neoliberalen Fitnesshype der vergangenen Jahre anzudocken.

Ein Leitslogan des KdN lautet "Wille, Disziplin und Fleiß". Es sind die Werte der überall präsenten Muckibuden. Dadurch gerät zwangsläufig die Frage in den Fokus, was die breite Landschaft an Kampfsportstudios und Fitnessgyms eigentlich zur Prävention von Gewalt und Diskriminierung tut. Immerhin reden wir hier über einen riesigen deutschen Sportmarkt.

Tun die Gyms zu wenig?

Die Landschaft ist unübersichtlich. Es gibt Gyms, die eine klare Hauspolitik bezüglich Neonazis – und auch Islamisten – fahren. Denn auch diese Gruppe ist ein Problem, sie rüstet sich ebenso im Kampfsport auf. Der Mörder des Pariser Lehrers Samuel Paty trainierte ebenso MMA ("Mixed Martial Arts", Anm. der Red.).

Und die anderen Gyms?

Die unterschätzen die Themen und ziehen sich darauf zurück, nur Sport zu betreiben. Stattdessen bräuchte es eine flächendeckende Debatte um die gesellschaftliche Verantwortung von Kampfsport und Ansätze der Prävention von Gewalt und menschenfeindlichen Einstellungen.

Gibt es Verbindungen der Kampfsportszene zu politischen Parteien, etwa zur NPD oder zum völkischen Flügel der AfD?

In mehreren NPD-nahen Immobilien gibt es Trainingsräume, Parteimitglieder haben vielfach an den entsprechenden Events teilgenommen. Zudem verbindet die rassistische Ideologie und Hetze das gesamte rechte Spektrum.

Das haben die Ereignisse in Chemnitz im Spätsommer 2018 ja verdeutlicht, wo AFD-Prominenz neben Kadern der Identitären Bewegung und "Adolf Hitler Hooligans" marschierten. Auch an den Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen waren Vertreter der beiden Parteien sowie Neonazi-Kampfsportler stark beteiligt.

Durch die Events und Kleidungslabels werden vermutlich auch untergetauchte Kameraden unterstützt. Haben die Sicherheitsbehörden die Szene ausreichend im Blick?

Die Behörden haben den Kampf der Nibelungen 2019 verboten und den geplanten Online-Stream 2020 durch eine Razzia torpediert. Insofern haben sie den KdN im Blick und gehen gegen ihn vor.

Aber?

Es gibt deutlichen Nachholbedarf auf europäischer Ebene, da der KdN kein auf Deutschland beschränktes Event ist, sondern Teil eines europäischen Netzwerkes. Zudem verwundert es, dass kaum extrem rechte Gyms in den Berichten der Behörden auftauchen.

Ein Teil der Videos für den KdN-Stream 2020 wurde im Thüringer Kampfsportstudio des Vereins Barbaria Schmölln aufgenommen. Doch obwohl der politische Charakter des Gyms schon lange bekannt ist, tauchte es bislang in keinem Bericht des Thüringer Verfassungsschutzes auf.

Das Buch des Autors: Robert Claus: "Ihr Kampf. Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert". Verlag Die Werkstatt, 19,90 Euro.

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