Vor 20 Jahren verschwanden in Belarus mehrere Oppositionelle. Alle Indizien deuten darauf hin, dass Staatschef Alexander Lukaschenko sie beiseite schaffen ließ. Walerija Krasowskaja ist die Tochter einer der Verschwundenen. Sie spricht über die schwierige Suche nach der Wahrheit und die jetzigen Proteste gegen den Präsidenten.

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Vier Männer – vier nie aufgeklärte Schicksale. Die Politiker Jurij Sacharenko und Wiktor Gontschar, der Geschäftsmann Anatolij Krasowskij sowie der Kameramann Dmitrij Sawadskij standen der belarussischen Opposition nahe. Alle vier verschwanden vor 20 Jahren, zwischen Mai 1999 und Juli 2000.

Ihre Leichen wurden nie gefunden, die Ermittlungen versandeten. Die Akten sind heute geschlossen. Alle Indizien deuten jedoch darauf hin, dass womöglich Präsident Alexander Lukaschenko selbst die Taten in Auftrag gegeben hat.

"Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind in Belarus Alltag", sagt Walerija Krasowskaja, Tochter von Anatolij Krasowskij. Auch wenn die Geschichte ihres Vaters und der anderen Verschwundenen immer weiter verblasst, ist die Thematik noch immer aktuell.

Im Gespräch mit unserer Redaktion schildert Krasowskaja, wie sich Lukaschenko seine Macht gesichert hat. Sie schlägt den Bogen zu den anhaltenden Protesten und der brutalen Reaktion der Staatsmacht. "Offensichtlich verwendet Lukaschenko immer noch die gleichen Methoden", sagt die 38-Jährige. Nur das ständige Erinnern an die Verschwundenen und die internationale Öffentlichkeit würden Lukaschenko davon abhalten, seine Gegner erneut umzubringen.

"Ich habe Angst, dass diese Verbrechen vergessen werden"

Krasowskaja verfolgt das Geschehen in Belarus ganz genau. Sie leidet mit den Demonstranten. "Das Ausmaß der Gewalt ist sehr massiv", sagt sie. Laut der belarussischen Menschenrechtsorganisation Wjasna sind mindestens zwei Menschen bei den Protesten durch Sonderdienste getötet worden.

Dazu kommen hunderte Demonstranten, die auf der Straße und insbesondere in der Haft verprügelt, misshandelt und gefoltert wurden. Mithilfe von Freiwilligen hat Wjasna mehr als 500 Folteropfer interviewt und auf Video aufgezeichnet.

Walerija Krasowskaja

Walerija Krasowskaja: "Ich habe Angst, dass diese Verbrechen vergessen und die Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden – so wie in den vergangenen 26 Jahren auch. Deswegen teile ich den Optimismus vieler Leute nicht, was Belarus betrifft."

Die Gewalt, die dieser Tage politischen Gegnern in Belarus entgegenschlägt, ist alles andere als neu. Als Fanal kann das Jahr 1996 gelten. Zwei Jahre nach seiner Wahl zum Präsidenten initiierte Lukaschenko ein wegweisendes wie extrem umstrittenes Referendum, mit dem er faktisch das Parlament und das Verfassungsgericht entmachtete.

Proteste gegen das Vorhaben ließ der Staatschef niedergeschlagen, der Konflikt zwischen Regierung und Opposition verschärfte sich – bis letztere gebrochen werden sollte.

Ein mysteriöser Tod und mehrere Verschwundene

Walerija Krasowskaja: "Nach dem Ende der Sowjetunion bis zum Jahr 1996 hatten wir eine sehr freie Atmosphäre. Leute konnten zum ersten Mal in ihrem Leben ein Business aufbauen und frei ihre Meinung sagen. In dieser Umgebung bin ich als Teenager aufgewachsen, ich habe nur gute Erinnerungen an diese Zeit.

Aber Ende der 1990er Jahre änderte sich die Situation rapide: Im April 1999 kam Gennadij Karpenko [einer der damaligen Anführer der Opposition, Anm.] unter mysteriösen Umständen zu Tode. Nur einen Monat später verschwand mit Ex-Innenminister Jurij Sacharenko ein weiterer Gegner Lukaschenkos. Das bekam auch ich über die unabhängige Presse mit – und wir begannen zu fühlen, dass die Dinge nicht mehr in Ordnung waren."

Krasowskajas Vater Anatolij war Besitzer eines Verlags, der damals eine Reihe populärer Magazine herausgab. Auch karitativ habe sich der damals 47-Jährige engagiert, er sei in den Wirtschaftskreisen des Landes bekannt gewesen, sagt seine Tochter. Und: "Mein Vater äußerte sich öffentlich nicht politisch."

Ein Demonstrant hält bei einer Gedenkveranstaltung für die Verschwundenen ein Foto von Anatolij Krasowskij. (Archivbild von 2010)

Es war allerdings kein Geheimnis, dass er seinen Freund Wiktor Gontschar unterstützte – mindestens ideell. Gontschar war im Wahlkampf zur Präsidentschaftswahl 1994 – der bis heute letzten demokratischen Abstimmung in Belarus – einer der zentralen Figuren von Lukaschenkos Team. Später stieg er zum Vize-Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der Zentralen Wahlkommission auf, bis er von Lukaschenko nach Kritik an dem Referendum 1996 geschasst wurde.

Gontschar wechselte die Seite und stellte sich nun auch öffentlich gegen den Staatschef. Wie Sacharenko galt auch Gontschar Ende der 1990er Jahre als radikaler und aussichtsreicher Gegner Lukaschenkos.

Krasowskaja: "Aufregung lag in der Luft"

Der Oppositionspolitiker wollte am 19. September 1999 ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten einleiten. "Das war mehr oder weniger öffentlich bekannt. Aufregung lag in der Luft – auch ich konnte das fühlen", erinnert sich Walerija Krasowskaja. Doch der Prozess sollte nie angestoßen werden. Denn drei Tage vorher verschwanden Wiktor Gontschar und Anatolij Krasowskij.

Walerija Krasowskaja: "Ich wachte in der Nacht um drei Uhr auf. Das Licht war an, ich hörte Stimmen. Meine Mutter telefonierte und versuchte meinen Vater zu erreichen. Sie sagte, dass etwas nicht stimme.

Sofort am nächsten Morgen ist meine Mutter zusammen mit anderen zu der Sauna gefahren, wo sich mein Vater am Vortag mit Gontschar verabredet hatte. Sie haben dort Beweise gesammelt: Darunter Glassplitter, die zum Auto meines Vaters gehörten, wie sich später herausstellte, und Blutspuren. Das wurde als Blut von Gontschar identifiziert. Es waren also nicht die Polizeibeamten, sondern Freiwillige, die diese zentralen Beweisstücke sammelten."

Wann hat Ihre Familie die Polizei kontaktiert?

Walerija Krasowskaja: "Sofort, noch in der Nacht."

Haben Sie den Ermittlern vertraut?

Walerija Krasowskaja: "Wenn man in Belarus lebt, traut man Polizisten nicht – heutzutage vermutlich noch weniger als damals. Wir hatten damals kein wirkliches Vertrauen in die Ermittler. Mein Vater war bereits im August 1999, also kurz vor dem Verschwinden, kurzzeitig inhaftiert worden. Nach seiner Freilassung wurde er vom KGB observiert. Die Gespräche in unserem Haus wurden abgehört.

Der Geheimdienst hat sich noch nicht einmal versteckt: Wir konnten den KGB-Wagen mit der Technik vor unserem Haus sehen, das war alles andere als diskret. Als meine Mutter [nach dem Verschwinden] die Polizei kontaktierte, erklärten Sie, genau an jenem Tag meinen Vater nicht verfolgt zu haben. Das ist doch irgendwie merkwürdig."

Dass Krasowskajas Vater zusammen mit Gontschar verschwand, "war vielleicht Zufall – möglicherweise auch ein sehr praktischer für die Behörden", sagt sie. "Es war in jedem Fall ein Zeichen an andere Unternehmer, loyal zu bleiben."

Demonstranten erinnern an die 1999/2000 Verschwundenen. (Archivbild von 2010)

Alles deutet auf Lukaschenko als Auftraggeber hin

Offiziell sind die vier Verschwundenen-Fälle noch immer nicht aufgeklärt. Obwohl die ermittelte Minsker Staatsanwaltschaft auf Basis gefundener Spuren davon ausgeht, dass Gontschar und Krasowskij vor der Sauna von Unbekannten entführt wurden, stellte sie das Verfahren im Januar 2002 ein. Es hätten keine Personen bestimmt werden können, die zur Verantwortung gezogen werden könnten.

Zu einem völlig gegenteiligen Ergebnis kommen allerdings zwei internationale Untersuchungen:

  • Zum einen veröffentlichte 2004 die Parlamentarische Versammlung des Europarates unter Federführung des zyprischen Abgeordneten Christos Pourgourides einen Bericht. Der kritisiert, "dass auf höchster staatlicher Ebene Schritte unternommen wurden, um die wahren Hintergründe des Verschwindenlassens aktiv zu vertuschen". Pourgourides vermutet, hohe Staatsbeamte seien "möglicherweise selbst in das Verschwindenlassen von Personen verwickelt".
  • Zum anderen legte 2007 der Berliner Verein Menschenrechte in Belarus um den Ex-Diplomaten und früheren Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, Hans-Georg Wieck, eine umfangreiche Dokumentation der Verschwundenen-Fälle inklusive Kopien offizieller Dokumente vor. Aufgrund der Beweislage kommt der Verein zum Schluss, dass zwischen den Fällen eine "inhaltliche und organisatorische Verbindung besteht, die bei Alexander Lukaschenko endet". Zudem deuten "alle Indizien, insbesondere Motiv und Zielsetzung, auf Präsident Lukaschenko als Auftraggeber hin".

"Wo ist die Leiche meines Vaters?"

Ein Staatschef lässt mitten in Europa politische Gegner ermorden?

"Ja", sagt die Hinterbliebene Krasowskaja mit Blick auf die Berichte. "Für mich klingt das wie die logischste Sache. Dass Lukaschenko hinter diesen Verbrechen steckt, ist die einzige Schlussfolgerung, die man machen kann."

Weil sie es nicht mehr aushielt in einem Land zu leben, in dem man "buchstäblich täglich den Leuten gegenübersteht, die für diese Verbrechen verantwortlich sind", verließ Krasowskaja Belarus im Jahr 2001. 2008 siedelte sie in die Niederlande um, wo sie bis heute lebt.

Doch das Schicksal ihres Vaters beschäftigt die 38-Jährige bis heute.

Walerija Krasowskaja: "Es hat viele Untersuchungen gegeben, es gab einige Leaks von Dokumenten ehemaliger Ermittler und auch offene Bezichtigungen, was vor zwei Jahrzehnten passiert ist. Es gibt also bereits ein ziemlich gutes Bild über das, was damals an diesem Tag, in dieser Nacht passiert ist. Aber wir wissen noch immer nicht, wo die Leiche meines Vaters ist. Das ist eine der Sachen, die ungewiss bleiben. Die andere: Wer genau waren die Täter?"

Ein Kronzeuge packt aus

Ein Mann, der in allen Berichten immer wieder auftaucht und unter anderem von der Europäischen Union als einer der ausführenden Hauptakteure gesehen wird, ist: Dmitrij Pawlitschenko, damals Oberst der Spezialeinsatzkräfte des Innenministeriums.

Pawlitschenko soll die Mordaktionen geleitet und Lukaschenkos Todesschwadron kommandiert haben. Zu diesem Schluss kommen nicht nur die zwei erwähnten internationalen Berichte. Das sagte im Dezember vergangenen Jahres auch der 41-jährige Juri Garawski der Deutschen Welle. Pawlitschenkos Einheit – der der Kronzeuge selbst angehört haben will – soll Gontschar und Krasowskij entführt, im Wald auf einem Militärstützpunkt exekutiert und in Gräbern verscharrt haben.

Doch Pawlitschenko, mittlerweile pensioniert, läuft noch immer frei herum. Er drohte Ende August Anhängern der Opposition, in aller Öffentlichkeit. Diese würden "betrunken und zugedröhnt unsere Stadt zu zerstören", behauptete Pawlitschenko in einer Rede auf einer Pro-Lukaschenko-Demonstration. Bereitschaftspolizei und Spezialeinheiten hätten "zur Verteidigung" einschreiten müssen.

Walerija Krasowskaja: "Für mich ist Pawlitschenko die Person, die meinen Vater getötet hat. Er war jahrzehntelang ein hochrangiger Beamter. Und nun steht er da, völlig offen, bedroht andere Leute – es ist schrecklich und absurd zugleich. Nichts symbolisiert besser das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit."

Verwendete Quellen:

  • Telefonat mit Walerija Krasowskaja
  • Menschenrechte in Belarus e.V. (Herausgeber): "Willkür im Lukašenko-Staat – Das Verschwindenlassen politischer Gegner in Belarus"
  • Council of Europe: Parliamentary Assembly: "Disappeared Persons in Belarus"
  • Deutsche Welle: "Die Todesschwadron von Minsk"
  • "The Telegraph": "Alexander Lukashenko's notorious 'hitman' threatens Belarus protesters"
  • Berichte der Menschenrechtsorganisation Wjasna

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