Helmut Schmidt wird von den Deutschen verehrt wie kaum ein anderer Kanzler. Doch ein direkter Vergleich mit anderen deutschen Regierungsführern zeigt: Schmidt war ein fähiger Sachverwalter - aber die historische Bedeutung seiner Kanzlerschaft ist vergleichsweise gering. Die Geschichte schrieben andere.

"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt" gehen, sagte Helmut Schmidt einmal. Und regierte auch genau so. Seriös und klug durchdacht, taktisch nicht ohne Finesse, aber ohne langfristiges Ziel, ohne Vision. Es ist sicher kein Zufall, dass genau diese Eigenschaften auch Angela Merkel zugeschrieben werden, die von den Deutschen mittlerweile fast ebenso geschätzt wird. Wer keine Visionen hat, der macht sich nicht angreifbar, wer ohne Störung verwaltet, der sorgt für Ruhe - und Ruhe mögen die Deutschen.

Schmidt: Der Staat darf sich nicht erpressbar machen

Im kollektiven Gedächtnis bleibt Schmidt vor allem wegen seines Umgangs mit dem Terror der RAF. Der deutsche Staat dürfe sich nicht erpressbar machen, war Schmidts feste Überzeugung. Ein Nachgeben gegenüber den Terroristen würde nur weitere Erpressungsversuche nach sich ziehen. Diese Linie folgend, bewertete Schmidt die Integrität des Staates höher als die Leben der RAF-Opfer. Das sollte auch für ihn selber gelten. Herr Schmidt und Frau Schmidt würden bei einer Entführung nicht ausgetauscht, lies er im Kanzleramt notieren.

Bei der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut konnten mit Unterstützung der GSG 9 dennoch alle Geiseln lebend befreit werden. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer aber wurde von den Terroristen ermordet. Seine Beerdigung, die Schmidt an der Seite der Witwe erlebte, gehörte nach seinen eigenen Worten zu den schwersten Momenten seiner Kanzlerschaft. "Ich bin verstrickt in Schuld - Schuld gegenüber Schleyer und gegenüber Frau Schleyer", sagte er später.

In der Öffentlichkeit überschätzter Zeitabschnitt

Schmidts Überzeugung, der Staat dürfe sich nicht erpressbar machen, wird im Rückblick von nahezu allen Historikern als richtig angesehen. Auf seiner Standhaftigkeit gegenüber dem linken Terror beruht ein Großteil des Mythos, der seine Kanzlerschaft inzwischen umgibt. Die publizistische Bearbeitung der Schleyer-Entführung und der Odyssee der Landshut ist allerdings wesentlich umfassender als ihre tatsächliche Bedeutung für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands.

"Diese Epoche des deutschen Terrorismus hat ein viel zu großes publizistisches Gewicht bekommen in diesem zweiten deutschen Demokratieversuch von 1949 bis zum heutigen Tage. Es ist ein wichtiger Zeitabschnitt, aber weiß Gott nicht der wichtigste", sagte Schmidt selber 2008 in der Wochenzeitung "Die Zeit". Und sollte Recht behalten: Die großen historischen Wegmarken beschritten andere Kanzler, diejenigen mit Visionen.

Konrad Adenauer: Westbindung im Widerstreit

Da ist zum einen Konrad Adenauer, der als erster Kanzler die Bundesrepublik eng in der westlichen Staaten- und Wertegemeinschaft verankerte und die Aussöhnung mit Frankreich forcierte. Was heute selbstverständlich klingt, war damals durchaus umstritten. Als "Bundeskanzler der Alliierten" beschimpfte der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher Adenauer, der schon damals die Vision der "Vereinigten Staaten von Europa" verfolgte und mit der Montanunion und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft die Grundlagen für die heutige Europäische Union mitlegte. Die feste Einbindung West-Deutschlands in die westliche Staatengemeinschaft nach der Jahrhunderte dauernden, konfliktreichen Sonderrolle der Deutschen, ist die historische Wegmarke, für die Adenauer steht.

Wandel durch Annäherung: Willy Brandt

Bei der Architektur der Westanbindung hatte Adenauer die Menschen in Ostdeutschland vergessen, so schien es manchem Beobachter. Den Bau der Mauer, auch eine Folge seiner Westbindung, hatte Adenauer hingenommen. Dass er erst zwei Wochen nach dem 13. August 1961 in West-Berlin erschien, wurde von vielen Beobachtern heftig kritisiert. Die Sache des Ostens, sie war die Sache des Rheinländers Adenauers nicht.

Die existentiell wichtige Wiederannährung an den Osten wurde zum großen historischen Verdienst von Willy Brandt. Erst als Regierender Bürgermeister von Berlin, später als Außenminister und Bundeskanzler erreichte er nicht nur eine Entspannung zwischen den beiden deutschen Staaten, sondern wesentliche Erleichterungen für die Menschen in Ostdeutschland. Und für ihre Angehörigen im Westen.

Brandt glaubte, dass man nur durch Gespräche mit dem Regime in Ost-Berlin kleine Verbesserungen und eine Entspannung erreichen konnte. Mit dem Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR von 1972/73 wurde nicht nur der Status Quo zementiert, es traten auch viele Erleichterungen für die Menschen in Ost- und Westdeutschland in Kraft. Die Mauer allerdings blieb in Richtung Westen für alle DDR-Bürger undurchdringlich wie zuvor.

Im Rückblick bildet Willy Brandts Ost-Politik das notwendige Korrektiv zu Adenauers Politik der Westbindung. Willy Brandts Kniefall am Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos im Jahr 1970 wurde zu einem Sinnbild für ein neues Deutschland, von dem keine Gefahr mehr für seine Nachbarn ausgehen sollte.

Helmut Kohl ist wirklich der Kanzler der Einheit

Wäre 1989 nicht die Mauer in Berlin gefallen, Helmut Kohl wäre wohl bei der kommenden Bundestagswahl abgewählt worden und als ein mittelmäßiger Kanzler in Erinnerung geblieben. Es wäre jedoch falsch zu schreiben, die Wiedervereinigung habe Kohl gerettet. Denn die Wiedervereinigung ist tatsächlich das große Verdienst dieses Kanzlers, der 1989 die Gunst der Stunde ergriff. Und dabei gegen teils heftige Widerstände der Regierungen im Ausland, aber auch der Opposition eine schnelle (und teure) Vereinigung allen anderen Optionen vorzog.

Im Rückblick handelte Kohl nach Meinung fast aller Historiker richtig: Deutschlands großer Einfluss in der Europäischen Union und der Welt ist der Einfluss eines wiedervereinigten Deutschlands. Wären Visionen einer Zweistaaten-Lösung wahr geworden, stünde West-Deutschland heute einer ausgebluteten DDR gegenüber. Der große Einfluss der Bundesrepublik in der EU und in der Welt: Es ist der Einfluss eines wiedervereinigten Deutschlands.

In Schmidts Regierungszeit fällt keine der großen Wegmarken

Westbindung, Aussöhnung mit dem Osten und Wiedervereinigung in Freiheit: die großen Wegmarken in der Geschichte der Bundesrepublik wurden von den Kanzlern Brandt, Adenauer und Kohl beschritten, gegen oft erhebliche Widerstände. In Helmut Schmidts Regierungszeit fallen derartige Epochen-Umbrüche nicht. Das mag ein Zufall sein, aber es lag auch nicht in der Natur des kühl-kalkulierenden Hanseaten, mit großen Visionen den Status Quo zu verändern. Schmidt steht eher für Ordnung, Solidität, Intellekt und Verlässlichkeit - in der Verehrung dieses Kanzlers spiegelt sich auch eine deutsche Sehnsucht wider.