Eine aufwendig recherchierte Doku räumt mit Missverständnissen auf und präsentiert das Thema Migration aus einem neuen Blickwinkel.

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Fast genau vier Jahre nach Beginn der Flüchtlingskrise warf die ZDFinfo-Dokumentation "Brennpunkt Migration - Das große Missverständnis" am Donnerstagabend einen Blick auf die europäische Flüchtlingspolitik. Der Film von Rainer Fromm und Galina Dick präsentierte durchaus überraschende Erkenntnisse.

Die Filmemacher räumten zunächst mit einem Missverständnis auf: Migranten und Flüchtlinge sind nicht ein und dasselbe. Thomas Liebig, Migrationsexperte der OECD, erklärte, dass nur ein geringer Teil "Real-Flüchtlinge" seien, die wirklich Schutz vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Terror suchen. Menschen aus Bürgerkriegsländern wie dem Jemen, Libyen und Syrien beispielsweise. Ein erheblicher Anteil komme jedoch aus anderen Gründen nach Europa und insbesondere nach Deutschland.

Doch wer nur aus wirtschaftlichen Gründen in die Bundesrepublik flüchtet, hat kein Anrecht auf Asyl. Eben jene Migranten und ihre Schicksale standen im Fokus der Doku. Die Filmemacher zeigten, dass es vor allem Menschen aus Ghana sind, die trotz wirtschaftlichen Aufschwungs in der Heimat ihr Glück in Europa suchen. Warum? Weil ihnen über die Medien oder auch über Migranten, die in Europa Fuß fassen konnten, ein falsches Bild vorgegaukelt wird.

Emigration - ein selbstverschuldetes Problem?

Der ghanaische Chefchirurg Prince Kwakye Afriyie kam wieder aus Deutschland zurück und half dabei, die Zustände in seinem Heimatland zu verbessern.

Auch Kojo Wilmot, der für die Internationale Organisation für Migration (IOM) arbeitet, konnte dieses Zerrbild bestätigen: "Ihr Traum ist, dass Europa mit Gold gepflastert ist, und es einfach ist, einen Job zu bekommen, mit dem man ganz einfach 6.000 Euro im Monat verdienen kann."

Die Doku zeigte, dass hauptsächlich junge Männer aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kommen - sie haben hierzulande jedoch kaum eine Perspektive. Man müsste das Asylrecht deutlich verändern, um ihnen eine echte Chance zu gewähren, konstatierte Monika Herrmann, die Bürgermeisterin von Berlin-Kreuzberg, im Interview. Anhand von Einzelschicksalen illustrierten die Doku-Filmer die Versuche ghanaischer Migranten, in Deutschland ein neues Leben zu beginnen.

Ein weiteres unterschätztes Problem sei laut Ökonomie-Professor Bernd Raffelhüschen folgendes: Menschen, die es schaffen, im Ausland eine Arbeit und Bleibe zu finden, überweisen Geld zurück in die alte Heimat. Laut offiziellen Angaben hatten Migranten im Jahr 2015 rund 4,9 Milliarden US-Dollar nach Ghana überwiesen. Diese Beträge interessieren vor allem die Autokraten des Kontinents, erklärte Professor Raffelhüschen.

Der ghanaische Migrationsforscher Professor Joseph Kofi Teye betrachtete die zunehmende Emigration als ein selbstverschuldetes Problem - und kritisierte die afrikanischen Regierungen: Auswanderung erfolge aus Frust über Korruption und mangelhafte Infrastruktur. Die Filmemacher legten dar, dass das Misstrauen in das afrikanische Staatswesen begründet ist: 148 Milliarden US-Dollar gehen laut einer Statistik der Vereinten Nationen pro Jahr durch Korruption verloren.

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Eine weitere zentrale Erkenntnis des Films: Aus den ärmsten Ländern wird nur wenig emigriert. Auch Professor Teye bestätigt das. Die meisten Vertriebenen befänden sich in afrikanischen Lagern. Für wirtschaftlich aufstrebende Nationen wie Ghana sei der Verlust an Fachkräften jedoch "ein Aderlass", der nur schwer zu kompensieren sei, so eine Kernaussage der Doku.

Hoffnung versprechen jedoch freiwillige Rückkehrer wie der Chefarzt Prince Kwakye Afriyie: Nach einer staatlich subventionierten Ausbildung zum Arzt in Ghana vertiefte er sein Wissen in der Praxis in Deutschland. Er kehrte zurück und setzt nun vieles von dem, was er im Ausland gelernt hat, in seiner Heimat als Arzt und Politiker um.

Der aufwendig recherchierte Film warf ein neues Licht auf ein komplexes Thema. Aufgedeckt wurden – wie es der Untertitel schon vorgab – "Falsche Hoffnungen und dreiste Lügen".

Mit ihrem Fokus auf Wirtschafts- statt auf Kriegsflüchtlinge erweiterten die Doku-Regisseure die Debatte um eine essenzielle Perspektive. Sie stempelten die Menschen allerdings nicht per se als illegal ab, sondern machten die Gründe für ihre Migration begreiflich.