Noch nie haben die Demokraten in den USA so viele Kandidaten mit einem klar linken Profil aufgestellt wie bei den diesjährigen Zwischenwahlen. Ob daraus eine "linke Welle" entsteht, ist aber noch offen.

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Sie sind Musliminnen oder dunkelhäutig, fordern einen höheren Mindestlohn oder eine Krankenversicherung für alle: Im November 2018 stehen in den USA Zwischenwahlen an, und bei den parteiinternen Vorwahlen der Demokraten haben sich in diesem Jahr auffällig viele Frauen, Linke und Vertreter von Minderheiten durchgesetzt.

Eine offenbar bahnbrechende Entwicklung: Wissenschaftler der Denkfabrik "Brookings Institution" haben die Kandidaten bei 600 Vorwahlen der Demokraten verglichen. Noch nie seien so viele dabei gewesen, die sich selbst als "progressiv" (also dezidiert links) bezeichneten, wie in diesem Jahr.

Demokratische Partei rückt nach links

Dieser Trend sei Ausdruck eines Wandels der Demokratischen Partei, erklärt Sarah Wagner, Bildungsreferentin an der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz, im Gespräch mit unserer Redaktion. "Es ist den Progressiven auch gelungen, die Agenda des Partei-Establishments nach links zu verschieben. Wir sehen auch bei den Partei-Anhängern: Der Anteil der Menschen, die sich selbst als links identifizieren, steigt an", sagt sie

Die auffälligsten Kandidatinnen der Demokraten

  • Ilhan Omar: Auf ihrem Twitter-Account bezeichnet sich die 36-Jährige als "Mutter, Flüchtling und Feministin". Die 1982 in Somalia geborene Muslimin tritt in der traditionell demokratisch wählenden Großstadt Minneapolis bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus an. 2016 war sie bereits in das Parlament von Minnesota gewählt worden.
  • Rashida Tlaib: 2008 war die Anwältin die zweite Muslimin, der es gelang, einen Sitz im Parlament eines US-Bundesstaats zu erringen. Dass sie im Herbst als erste Amerikanerin mit palästinensischen Wurzeln im Repräsentantenhaus in Washington Platz nehmen wird, gilt als sicher: Sie tritt in ihrem Wahlkreis in Detroit ohne Gegenkandidaten an. Bei den Vorwahlen ihrer Partei hatte sie bereits fünf starke Konkurrenten aus dem Rennen geworfen.
  • Kara Eastman: Die 46-Jährige setzte sich mit einem progressiven Profil bei den Vorwahlen in einem Wahlkreis in Nebraska gegen einen etablierten Kandidaten durch. Die Sozialarbeiterin ist der Überzeugung, dass politische Außenseiter die Demokraten beleben müssen, und ist eine Vertreterin der Bewegung "Medicare for all": Sie wollen, dass jeder Amerikaner das Recht auf eine Krankenversicherung hat.
  • Alexandria Ocasio-Cortez: Fast schon ein Polit-Star ist die Tochter puertoricanischer Amerikaner aus New York. Die 28-Jährige gewann bei den demokratischen Vorwahlen gegen einen Partei-Promi, will eine Job-Garantie für jeden Bürger einführen und die für Abschiebungen zuständige Zoll-Behörde abschaffen.
  • Jahana Hayes: 2016 wurde sie als "Lehrerin des Jahres" ausgezeichnet, jetzt hat die 45-Jährige entschieden, in die Politik zu gehen. Hayes wuchs bei ihrer Großmutter auf und wurde selbst schon als Teenagerin Mutter. Sie könnte als erste dunkelhäutige Vertreterin der Demokraten des Bundesstaats Connecticut ins Repräsentantenhaus einziehen.
  • Stacey Abrams: Als erste dunkelhäutige Frau könnte die 44-Jährige den Bundesstaat Georgia regieren – wenn sie die Gouverneurswahlen im Herbst gewinnt. Der Juristin wird nachgesagt, dass jeder ihr zuhört, wenn sie das Wort ergreift. Im Wahlkampf setzt Abrams vor allem auf die Mobilisierung der afro-amerikanischen Bevölkerungsgruppe.
  • Christine Hallquist: Viel Aufmerksamkeit hat auch die Kandidatin der Demokraten für den Gouverneursposten in Vermont erfahren: Die Unternehmerin wäre die erste Transgender-Frau an der Spitze eines Bundesstaates. Die Erfolgsaussichten sind nicht schlecht: Das kleine Vermont ist der Heimatstaat der Linken-Ikone Bernie Sanders und gilt als besonders liberal.

USA befinden sich in "Prozess der Veränderung"

Im Herbst wählen die Amerikaner das komplette Repräsentantenhaus, ein Drittel der Senatoren und 36 Gouverneure der Bundesstaaten neu. Bisher sind weiße Männer auf diesen Posten deutlich überrepräsentiert.

Doch das könnte sich möglicherweise ändern. "Minderheiten waren in den USA immer präsent, aber sie waren lange vom politischen System, von der politischen Teilhabe ausgeschlossen", sagt Sarah Wagner.

"Das macht die Zwischenwahlen in diesem Jahr so spannend. Die Kandidaten zeigen, dass sich das Land in einem Prozess der Veränderung befindet."

Progressive gegen Etablierte – ein offenes Rennen

Allerdings betont Amerika-Expertin Sarah Wagner: Von einer echten "Anti-Establishment-Welle" könne man noch nicht reden. In zahlreichen Wahlkreisen und in mehreren Staaten haben sich konservative oder zur Mitte neigende Demokraten parteiintern durchgesetzt.

"Bei den Gouverneursvorwahlen im Mittleren Westen haben zum Beispiel viele ältere, weiße Männer gut abgeschnitten, die eher das traditionelle Bild des moderaten Partei-Establishments verkörpern", sagt Wagner.

Zudem müssen die Vertreter des linken Flügels noch beweisen, dass sie im Herbst gegen ihre Konkurrenten von den Republikanern gewinnen. Die Siegchancen dürften sehr unterschiedlich ausfallen.

"Bei Gouverneurswahlen muss man den ganzen Staat bereisen und verschiedene Wählergruppen ansprechen", erklärt Sarah Wagner.

Zwei haben hingegen besonders gute Chancen: "Rashida Tlaib und Ilhan Omar dagegen treten bei den Kongresswahlen in Wahlkreisen an, die seit Jahrzehnten in demokratischer Hand sind."

"Ausdruck des demografischen Wandels"

Wie Tlaib und Omar kandidieren besonders viele progressive Kandidaten in Großstädten. Die städtischen Zentren der USA haben wenig mit den ländlichen Gegenden gemein, in denen US-Präsident Donald Trump viele Wähler hat.

Verschärft sich also die gesellschaftliche Spaltung des Landes, wenn die Demokraten zunehmend linke Kandidaten oder Vertreter von Minderheiten ins Rennen schicken?

Sarah Wagner glaubt das nicht. "Die Polarisierung in den USA verstärkt sich bereits seit Jahrzehnten", sagt sie. "Dass Vertreter von Minderheiten zunehmend ins politische System drängen, ist eher ein Ausdruck des demografischen Wandels. Sie konnten zudem viele neue Wähler ansprechen."

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Verwendete Quellen: