Der Mord an Boris Nemzow hat weltweit für Entsetzen gesorgt. Er war einer der schärfsten Kritiker des russischen Regimes. In einem Interview 2014 redete er sich in Rage, beschimpfte Wladimir Putin mit Mutterflüchen. Seit dem hatte er Angst um sein Leben, weiß Boris Reitschuster. Der Russland-Experte kannte den Oppositionellen gut. Im Gespräch erklärt er, welche Mordtheorie er für möglich hält und warum Putin gar keinen Befehl zum Mord geben musste.

Herr Reitschuster, der Mord an dem russischen Oppositionellen Boris Nemzow schockiert die ganze Welt. Warum musste er sterben?

Boris Reitschuster: Das ist eigentlich ganz eindeutig. Boris Nemzow war innerhalb der Opposition derjenige, der Wladimir Putin am schärfsten kritisierte. Er hat einen absoluten Tabubruch gewagt, indem er ihn mit russischen Mutterflüchen beschimpft hat. Was so viel bedeutet, wie: Putin ist verrückt. Nemzow hatte danach große Angst. Er hatte mich gefragt, ob er übertrieben hat und dafür umgebracht werden könnte.

War ihm vorher nicht klar, welche Folgen seine Aussagen haben würden?

Das war ihm wohl klar. Er hat sich bei einem Interview eines ukrainischen TV-Senders in Rage geredet. Er ist ein emotionaler Mensch, kein nüchterner so wie viele westliche Politiker. Ihm konnte schon mal etwas rausrutschen. Das Interview hat er mir im Juli vorigen Jahres vorgespielt.

Es gibt verschiedene Verschwörungstheorien. Welche sind das?

Die Theorien, dass das rechte Lager oder sogar Islamisten hinter dem Attentat stecken, halte ich für Unsinn. Ich denke, dabei handelt es sich um typische Nebelkerzen. Das ist die alte KGB-Schule, dass man solche Nebelkerzen zündet, um von den wahren Hintergründen abzulenken.

Welche Theorie halten Sie für wahrscheinlich?

Ich denke, wenn der lautstärkste Putin-Kritiker an einem solchen Ort umgebracht wird, muss man sehr naiv sein oder stark verdrängen, um zu glauben, dass das ein herkömmlicher Mord ist. Normale Mörder suchen die Dunkelheit, suchen das Verborgene. Sie begehen ihre Untaten nicht da, wo am allermeisten Überwachung ist. Und von daher denke ich, dass das ein Signalmord war – wer auch immer dahintersteckt.

Welche Ungereimtheiten im Mordfall Nemzow gibt es?

Die Liste der Merkwürdigkeiten ließe sich lange fortsetzen. Alleine die Tatsache, dass die meisten Kameras offenbar nicht funktionierten, spricht für sich. Dann stellen sich natürlich zwei Fragen: Wurden die Kameras bewusst abgestellt oder wussten die Täter davon, dass sie nicht gelaufen sind?

Zudem hatte das Auto der Täter angeblich kein Nummernschild – und das im Moskauer Zentrum, in der Nähe vom Kreml, wo es vor Polizei nur so wimmelt. Dass man sich da ohne Nummernschild bewegen kann, ist etwas, das ich mir nicht vorstellen kann. Eigentlich töten Killer meistens auch die Zeugen, damit sie niemand identifizieren kann. Der Begleiterin von Nemzow ist – Gott sei Dank – nichts passiert. Es ist eigentlich das genaue Gegenteil von dem, wie Kriminelle Morde ausführen.

Nemzow wollte nach Hause laufen und nicht mit dem Taxi fahren. War er sich der Gefahr, der er sich aussetzte, nicht bewusst?

Ich habe mit ihm öfter darüber gesprochen. Er sagte: "Wenn jemand den Auftrag gibt mich zu töten, kann mich niemand davor schützen – auch kein Leibwächter."

Welche Folgen hat der Mord für Putin?

Nach Außen ramponiert der Mord Putins Ruf noch weiter. Aber im Kreml heißt es ganz offen: "Das ist uns egal". Nach Innen festigt es aber Putins Macht, weil sie sich im Wesentlichen auf die Angst der Menschen stützt. Die ist tief verwurzelt und jetzt noch viel größer. Jeder Russe wird sich dreimal überlegen, ob er Putin lautstark kritisiert oder Stimmung gegen ihn macht.

Putin will, dass der Mord schnell aufgeklärt wird …

In den Worten ist immer alles wunderbar, was Putin macht. Wenn die Worte gelten würden, wäre Russland ein Schlaraffenland, wo Demokratie und Rechtsstaat gelten würden. Die Reaktion der Oppositionellen auf die Ankündigung Putins, den Mord zu untersuchen, ist auch bezeichnend. Sie haben gesagt: "Na, dann haben wir die Garantie, dass der Mord nicht aufgeklärt wird." Für sie klang es schon fast wie eine Drohung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Mord nie aufgeklärt wird ebenso wie die anderen politischen Morde der vergangenen Jahre. Ein Mörder wird vielleicht sogar noch gefunden, aber die Männer im Hintergrund – da bin ich ziemlich überzeugt – die werden nicht gefunden werden.

Könnte es einen direkten Befehl aus dem Kreml gegeben haben?

Ich denke, Putin hat ein derartiges Klima der Angst und Gewalt geschaffen, dass er im Zweifelsfall gar keinen Befehl mehr geben muss.

Putin erfreut sich innenpolitisch offenbar großer Beliebtheit. Wie gefährlich war Nemzow wirklich für ihn?

Wir haben es mit einer Diktatur zu tun. Deshalb sind auch die Umfragewerte mit großer Vorsicht zu genießen. Man muss einfach sagen, dass es Putin gelungen ist, die Opposition zu marginalisieren. Direkt für den Moment war Nemzow machtpolitisch defintiv keine Gefahr für Putin. Nemzow war auch wegen der ständigen Hasskampagnen, in denen man ihn als Vaterlandsverräter und Spion diffamiert hat, sehr unpopulär. Er war nur eine Herausforderung für Putin, weil er ihn so scharf kritisiert hat, weil er Tabus brach, weil er ihn persönlich angriff, weil er Putins Umgebung als kriminelle Clan bezeichnet hat.

Zudem wollte Nemzow gerade einen Bericht darüber veröffentlichen, dass in der Ukraine russische Truppen präsent sind. Ich denke, dass der Kreml das auch wusste, schließlich werden die Oppositionellen vom Geheimdienst überwacht. Die Indizien in Sachen Ukraine sind aber auch ohne Nemzows Bericht erdrückend. Es handelt sich schlicht um Verdrängung, wenn man denkt, dass da keine russischen Soldaten sind. Nun besteht die Gefahr, dass durch ein Anheizen des Ukraine-Konflikts von dem Mord abgelenkt werden könnte.

Welche Opposition bleibt?

Alexej Nawalny ist beliebter als Nemzow. Ich bin mir sicher, dass er mutig genug ist, um weiterhin nicht zu schweigen. Dennoch ist eines passiert: Bislang hieß es, wenn einer so weit oben war wie Nemzow – immerhin war er Vize-Premier –, der ist unantastbar. Aber dieses Tabu ist nun gebrochen. Das heißt auch: Keiner ist sicher.

Gilt das auch für Putin selbst?

Ich glaube, dass Putin ganz genau weiß, dass es für ihn unglaublich schwierig wird, den Kreml als freier, lebendiger und reicher Mann zu verlassen. Deswegen muss er sich mit aller Gewalt an die Macht klammern.

Boris Reitschuster, Journalist und Russland-Experte, leitete für das Nachrichtenmagazin "Focus" das Moskauer Büro. 2008 wurde er mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet. Reitschuster hat unter anderem im Mai 2014 das Buch "Putins Demokratur" veröffentlicht.