Nur noch kurz die Welt retten? Von wegen. Am Montagabend diskutierte Frank Plasberg mit seinen Gästen bei "Hart, aber fair", ob, wie und mit welchen Konsequenzen die Klimakrise gemildert werden kann. Ein Talk mit bitteren Botschaften und der Erkenntnis: Ohne Einschränkungen geht es nicht.

Christian Vock.
Eine Kritik
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Die Flutkatastrophe vor wenigen Wochen im Ahrtal hat nicht nur die Menschen vor Ort hart getroffen, sondern auch ein Fenster in die Zukunft geöffnet. Denn solche Extremwetterereignisse werden wir aufgrund der Klimakrise noch viel häufiger erleben. Gleichzeitig dürften nicht wenige Menschen hoffen, gemeinsam vielleicht doch noch irgendwie das Ruder herumreißen zu können. Dementsprechend fragt Frank Plasberg in seiner Montagsrunde diesmal: "Kranke Wälder, überflutete Täler – wird jetzt ernst gemacht beim Klimaschutz?"

Mit diesen Gästen diskutierte Frank Plasberg:

  • Peter Wohlleben, Förster und Buchautor
  • Carla Reemtsma, Aktivistin für Klimaschutz bei Fridays For Future
  • Anne Spiegel (B’90/Die Grünen), Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität von Rheinland-Pfalz
  • Sebastian Lachmann, Industriekaufmann beim Bergbau- und Kraftwerksbetreiber LEAG in Cottbus
  • Dorothea Siems, Wirtschaftsjournalistin, Chefökonomin der "WELT"

Darüber diskutierte Frank Plasberg mit seinen Gästen:

Wenn man über Klimaschutz spricht, dann muss man auch über Wälder sprechen und genau hierfür wurde Förster Peter Wohlleben eingeladen. Und der Förster erklärt erst einmal die positive Rolle, die ein Wald im Rahmen der Klimakrise spielen kann: "Ein intakter, alter Laubwald kann sich im Vergleich zur freien Landschaft um zehn Grad runter kühlen. Über solchen alten Wäldern regnet es mehr, solche alten Wälder bremsen Hochwasserereignisse." Auch jeder Gartenbesitzer oder Stadtentwickler könne durch das Pflanzen von Bäumen das Mikroklima verbessern und die Umgebung kühlen.

"Wir müssen nicht auf die Chinesen warten", erklärt Wohlleben mit Blick auf deren Ziel, Klimaneutralität bis 2060 zu erreichen, denn das sei zu spät. Lokal könne man schon eine Menge machen. Gleichzeitig weist Wohlleben aber auf die Grenzen von Neupflanzungen hin: "Eine frisch gepflanzte Aufforstung gast in den ersten Jahren bis Jahrzehnten aus dem Boden mehr CO2 aus als die neugepflanzten Bäume aufnehmen." Wald käme von alleine zurück und kurzfristig könne man mit Neupflanzungen nichts kompensieren. Stattdessen fordert Wohlleben andere Mittel zum Klimaschutz: "Wir müssen Wald schützen, wir müssen den Holzverbrauch reduzieren, wir müssen insgesamt den Konsum reduzieren – und das hört man halt nicht gerne."

"Es ist komplex, das weiß man wenn man eine solche Sendung plant", baut Plasberg eine Überleitung zum nächsten Thema: Dem deutschen Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen. Der betrage nur zwei Prozent, China sei jedoch für 30 Prozent verantwortlich. Umgerechnet auf die Einwohner sieht es aber anders aus. Mit acht Tonnen pro Kopf liegt der deutsche Verbrauch dann aber eben doch höher als weltweit (fünf Prozent) und europaweit (sechs Prozent).

Das liege unter anderem an der energieintensiven deutschen Wirtschaft, aber auch am Atomausstieg, erklärt Dorothea Siems. Die Transformation liege deshalb nicht auf den Schultern des Einzelnen, sondern "das geht an die ganz großen Strukturen und da geht es darum: Können wir unseren Wohlstand erhalten". Wenn man "einfach mal" die Auto- oder Stahlindustrie abwickle, habe man zwar CO2 gespart, aber auch den Wohlstand massiv reduziert. Global gesehen sei dadurch nichts gewonnen, "denn dann wird es uns keiner nachmachen".

Carla Reemtsma weist noch einmal auf den auch historisch gesehen immensen CO2-Ausstoß Deutschlands hin, will auch deshalb die Aussagen Siems’ nicht so stehen lassen: "Ja, das ist eine extreme Herausforderung, das bedeutet eine große Transformation. Das bedeutet vor allem auch eine Transformation, in der wir uns nicht alleine auf technologische Innovationen verlassen können. Wir müssen wegkommen von dieser Illusion eines grünen Wachstums, was es einfach nicht gibt."

"Die Alternative ist doch, dass wir hier verarmen", wirft Siems ein und bringt das bekannte Argument der verloren gehenden Arbeitsplätze – allerdings ohne das Alternativszenario zu nennen, wenn alles weitergeht wie bisher. Carla Reemtsma versucht dennoch, Siems Einwurf an anderer Stelle geradezurücken. Natürlich müsse "diese Transformation so aussehen, dass man Perspektiven schafft, gerade eben für solche Regionen, für solche Arbeitsplätze in diesen Industrien. Das aber auszusitzen und zu sagen: Hm, weil es vielleicht Widerstände und Herausforderungen gibt, machen wir keinen Klimaschutz und steuern ungebremst in die Klimakrise, die viel, viel katastrophalere Folgen hat".

Dass man der Klimakrise etwas entgegen setzen muss, darin dürften sich alle in der Runde einig sein, bei der Frage nach dem Wie hingegen nicht. Und genau bei diesem Wie fordert Sebastian Lachmann zum einen endlich Verlässlichkeit und zum anderen eine Richtung: "Wir erwarten von der Politik Umsetzung. Beim Kohleausstieg, egal, ob 2030 oder 2038, habe es geheißen: "‘Transformation der Energiewirtschaft.‘ Was ist bis heute passiert, was haben wir geschafft? Sind die Erneuerbaren ausgebaut worden? Wurden die Netze in den Süden gelegt? Wir haben noch gar nichts geschafft." Lachmanns Fazit: "Wir müssen endlich mal Einsteigen in die Umsetzung."

Die Zahlen des Abends:

Nach knapp 25 Minuten Diskussion heißt es in einem Einspieler: "Ein Kind, das im Jahr 2021 geboren wird, wird im Laufe seines Lebens viel mehr Klimaextreme erleben als ein Mensch, der heute 60 Jahre alt ist. So erwarten internationale Klimaforscher durchschnittlich knapp dreimal so viele Flussüberschwemmungen, knapp dreimal so viele Ernteausfälle, doppelt so viele Waldbrände, zwei- bis dreimal so viele Dürren und siebenmal mehr Hitzewellen. Das klingt schlimm. Kommt aber nur, sagen die Forscher, wenn weltweit alle Länder ihre bis jetzt gemachten Klimazusagen auch tatsächlich einhalten. Sonst wird es noch schlimmer."

Das Problem beim Umgang mit der Klimakrise:

Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn Frank Plasberg und seine Redaktion diese Zahlen gleich zu Beginn gebracht hätten. Dann hätte die Runde und auch der Zuschauer von Anfang an ein klares Szenario gehabt, welche Zukunft denn da als Alternative diskutiert wird, wenn anderem als dem Erreichen der Klimaziele Vorrang gegeben wird. In den Diskussionen über die Klimakrise herrscht nämlich oft genug das gleiche Phänomen wie beim politischen Handeln beziehungsweise Nicht-Handeln: Die Klimakrise wird nicht vom Ende her gedacht.

Stattdessen herrscht zu oft die Einstellung, dass nur so viel Klimaschutz möglich ist, wie es ohne große Einschränkungen beim Lebensstandard möglich ist. Wenn man aber ein Problem hat und den ehrlichen Willen, es zu lösen, dann sollte man sich überlegen, was man dafür tun muss – und das dann auch tun. Umso mehr, wenn es ein so existenzielles Problem wie die Klimakrise ist.

Der Schlagabtausch des Abends:

Es gab an diesem Abend nicht den einen großen Schlagabtausch. Zwar verschaffte sich vor allem Dorothea Siems gerade im direkten Vergleich zu Anne Spiegel und Sebastian Lachmann durch beharrlich-lautes Weiterreden Gehör, aber es blieb alles in einem völlig akzeptablen Diskussionsrahmen.

Das Zitat des Abends:

Dorothea Siems wollte Reemtsmas Aussage mit dem ungebremsten Zusteuern auf die Klimakrise nicht stehen lassen und erklärte, dass Deutschland schon ambitioniertere Klimaziele als andere Länder habe. Das wiederum wollte dann Peter Wohlleben geraderücken: "Wenn man von Schlafmützen der Schnellste ist, ist das nicht gut."

So schlug sich Frank Plasberg:

Insgesamt gut. Man kann natürlich auch diesmal wieder Plasbergs Hang kritisieren, selbst die interessantesten Wortbeiträge durch das Beharren auf das Zeigen der vorbereiteten Einspielfilme abzuwürgen, doch an diesem Montagabend hielt sich Plasberg in dieser Hinsicht einigermaßen zurück.

Das Fazit des Abends:

Es war ein Abend, der die Komplexität der Aufgaben und Herausforderungen, die vor der neuen Bundesregierung, vor den Regierungen aller Länder und nicht zuletzt vor uns allen liegen, widerspiegelte – mit Praxisbeispielen und in der Theorie. Gleichzeitig war es auch ein Abend, der zwischen bitteren und wenig hoffnungsvollen Botschaften und dem Hauch einer Aufbruchsstimmung schwankte.

Und es war ein Abend, der sich mit der Vielzahl von Themen, die für sich schon mehrere Talkrunden füllen würden, vielleicht ein bisschen übernommen hat. Denn so konnten zum einen die einzelnen Themen nicht lang genug und zum anderen nicht tief genug diskutiert werden. Denn wie auch Sebastian Lachmann zwischendrin über die Besetzung des Abends feststellte: "Wir sind alle keine Wissenschaftler in den Fachgebieten. Die sollten aber das Thema mal vernünftig diskutieren."

All das heißt aber nicht, dass der Abend keine Erkenntnisse brachte: Fehlender politischer Wille, die menschliche Trägheit, Gewohnheiten zu ändern, schleppender Netzausbau, zu wenig Zeit für Veränderungen, limitierte Möglichkeiten beim aktiven Klimaschutz – die Runde führte nicht nur eine Menge an Gründen auf, wo es bei der Rettung der Welt hakt, sie ließ dabei auch heraushören, was das bedeuten wird: Ohne Einschränkungen und Verzicht wird es nicht mehr gehen. Oder mit anderen Worten: Die Klimakrise muss endlich einmal vom Ende her gedacht werden.

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