• Russlands Präsident Wladimir Putin schwört auf den russischen Philosophen Iwan Iljin.
  • Früher eher unbekannt, ist der Philosoph inzwischen Bestandteil der Abitur-Prüfungen in Russland.
  • Iljin propagiert einen "christlichen Faschismus" und bestreitet die Eigenständigkeit einer ukrainischen Nation.
Ein Porträt

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Das Leben von Iwan Iljin hätte auch einen ganz anderen Weg einschlagen können. Als Enkel des Kommandanten der Palastwache und Patensohn von Zar Alexander III. stand ihm eine große Zukunft offen. Er studierte Jura in Moskau, wo er nicht weit vom Kreml entfernt aufgewachsen war und in elitären Kreisen verkehrte.

Doch die Oktoberrevolution 1917 änderte alles in Russland, auch Iljins Lebensweg. Der Sohn einer Deutschen war zwar begeisterter Hegel-Fan, aber nicht davon, was die Bolschewiki unter Lenin daraus machten. So musste er 1918 ins Exil und wurde zeitlebens kein gern gesehener Gast in der Sowjetunion mehr. Auch seine rund 50 Werke, die er auf Deutsch und Russisch verfasste, wurden in der Sowjetunion verboten und gerieten in Vergessenheit. Bis vor Kurzem.

Iljin: Ukraine ohne Zugehörigkeit zu Russland undenkbar

Denn seit einigen Jahren hat der russische Philosoph einen prominenten Fan: den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Für Putin bietet die von Iljin vertretene Weltanschauung viele Anknüpfungspunkte. So war Iljin zeitlebens der Meinung, dass eine unabhängige Ukraine ohne Zugehörigkeit zu Russland undenkbar sei und jeder, der dies fordere, als Feind Russlands zu betrachten sei.

Er schaffte damit die ideologische Grundlage für den Angriffskrieg, den Putin derzeit in der Ukraine durchführt. Und auch schon vorher wurde er gerne vom russischen Präsidenten beworben: Als die russische Armee 2014 die Krim besetzte, ließ Putin den höheren Beamten und Regionalgouverneuren Iljins Buch "Unsere Aufgaben" geben, um sie ideologisch einzustimmen.

Selbst in Ansprachen an die Nation erwähnte Putin den Philosophen und sorgte damit für eine große Aufmerksamkeit. Als der russische Präsident am 24. Februar im Fernsehen die sogenannte "Spezialoperation" gegen die Ukraine ankündigte, berief er sich auf Iljin. Inzwischen gehören seine Werke sogar zum Kanon russischer Abitur-Prüfungen.

Christlicher Faschismus: Forderung nach einem starken Führer Russlands

Iljin gilt als Begründer des "christlichen Faschismus". Nach seiner Verbannung aus der Sowjetunion fand der Philosoph zunächst in der Heimat seiner Mutter eine neue Bleibe. In Berlin arbeitete Iljin am "Russischen Wissenschaftsinstitut" und zeigte sich als Freund der Nationalsozialisten.

In Adolf Hitler sah er eine Antwort auf die Barbarei der Bolschewiki. Entsprechend forderte er auch für Russland einen starken Führer: "Wir werden unsere Freiheit und unsere Gesetze von unserem russischen Patrioten erhalten, der Russland die Erlösung bringt", so Iljins Ansicht dem US-amerikanischen Historiker Tmothy Snyder zufolge.

Mit diesen Vorstellungen kann auch Putin sich identifizieren. Iljin hingegen musste sich bald mit den Schattenseiten des Faschismus auseinandersetzen: 1937 entzogen die Nazis ihm seine Beamtenstelle und 1938 emigrierte er schließlich in die Schweiz, wo er bis zu seinem Tod in Zollikon nahe Zürich lebte und auch begraben wurde.

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2005 ließ der russische Oligarch Viktor Wekselberg Iljins Überreste nach Russland überführen und dort im Beisein von Wladimir Putin beerdigen. Mit dem Körper wurde nun auch die Ideologie des "christlichen Faschismus" reimportiert und erfuhr in den Folgejahren einen regelrechten Hype.

Putin, der den Zerfall der Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnete, sah in einem der größten Gegner der Bolschewiki einen Verbündeten im Geiste. "Es wird die historische Stunde kommen, da (das russische Volk) aus einem scheinbaren Sarg auferstehen und seine Rechte zurückfordern wird", von Iljin 1950 wenige Jahre vor seinem Tod verfasst, kann als Leitmotiv dessen verstanden werden, was Putin seit seiner Wahl zum Präsidenten als seine Aufgabe versteht: Die Wiedergeburt des russischen Zarenreiches und die Rückeroberung verlorener Territorien gegen den Widerstand des Westens.

Dass Putin sich mit dem Verweis auf einen Philosophen, der offen faschistisches Gedankengut propagierte und sich auch als einen solchen verstand, selbst entlarvt, ist vielleicht die eigentliche Pointe der Geschichte.

Verwendete Quellen:

  • Zeit.de: Er hat’s erfunden
  • Die-Tagespost.de: Putins Selbstverständnis basiert auf Iwan Iljins Staatideologie
  • Nzz.de: Der russische Philosoph aus Zollikon, der die Politik des Kremls mitbestimmt
  • Timothy Snyder: The Road to Unfreedom. Russia, Europe, America. New York, 2018.
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