Seit 2021 ist Julija Swyrydenko ukrainische Wirtschaftsministerin und erste Vize-Ministerpräsidentin. Gerüchte über einen möglichen Machtwechsel mit ihrem Chef Dennis Schmyhal kochen immer wieder auf. Wer ist die junge Politikerin, die sich in kurzer Zeit zu einer der schillerndsten Figuren des Landes entwickelt hat?

Ein Porträt
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In Interviews wirkt sie betont gefasst. Stark auf ihre Seriosität fokussiert, staatsmännisch – fast schon ein wenig steif. Julija Swyrydenko ist gerade einmal 38 Jahre alt und schon eine der mächtigsten Frauen in der Ukraine. Die Wirtschaftsministerin und erste stellvertretende Ministerpräsidentin hat ein freundliches Auftreten.

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Mit ihren langen, tiefbraunen Haaren, ihrer großen, eleganten Brille, dem gefestigten Blick. Ihren Gesprächspartnern schaut sie gern tief in die Augen, wirkt aber dennoch leicht distanziert. Sie beantwortet komplizierte Fragen mit wohlüberlegten Worten – verständlich zwar, aber immer gespickt mit einer Nuance Brillanz. Swyrydenko weiß, wie sie ihre Professionalität am besten verkauft.

Im November 2021 übernahm die damals 35-jährige das Amt ihres Vorgängers Timofy Mylanov. Er bezeichnet sie laut "forbes.ua" zu dieser Zeit als systematisch und ergebnisorientiert, lobte sie für ihre umfassende Vision. Sie sagt später: "Als ich vor zwei Jahren das Amt übernahm, konnte ich nicht ahnen, welcher schwierige Weg vor uns allen liegt."

Russland war noch nicht in die Ukraine einmarschiert. Es hatte zwar Warnungen gegeben, aber dass die junge Politikerin künftig weltweit Kredite einholen, sich um eine Wirtschaftskrise, um Kriegswirtschaft und Wiederaufbau und um eine überbordende Arbeitslosigkeit in ihrem Land würde kümmern müssen – damit hatte sie wohl nicht gerechnet.

"Symbol für die Widerstandsfähigkeit des ukrainischen Volkes"

Heute fällt ihr Name regelmäßig, wenn es darum geht, wer möglicherweise irgendwann den amtierenden Ministerpräsidenten Schmyhal ersetzen könnte. Im Jahr 2023 ist sie eine der "100 Next Leaders", die das Magazin "Time" jährlich nominiert. Ihre Bürgin, die US-Handelsministerin Gina Raimondo, schreibt über Swyrydenko: "Ich habe mich mehrmals mit ihr getroffen und war jedes Mal beeindruckt und inspiriert von ihrer Stärke, ihrem Durchhaltevermögen, ihrer Brillanz und ihrem Mut." Die junge Politikerin sei ein "Symbol für die Widerstandsfähigkeit des ukrainischen Volkes".

Geboren wurde Swyrydenko im Dezember 1985 in Tschernihiw, wo sie später auch ihre ersten politischen Gehversuche machen würde. Ihr Masterstudium im "Management von Antimonopolaktivitäten" an der Kiewer Handels- und Wirtschaftsuniversität schloss sie mit Auszeichnung ab und begann dort auch ein Graduiertenstudium in "Ökonomie und Management der Volkswirtschaft". Noch währenddessen stieg die damals 22-Jährige als Finanzökonomin in die Privatwirtschaft ein, später war sie technische Gutachterin des Tschernihiwer Intercity-Büros.

2011 wurde sie bereits von der Regionalverwaltung Tschernihiws einberufen, um im chinesischen Wuxi Investoren anzuwerben und damit die Wirtschaftsleistung der Region zu stärken.

Ihr Weg führte sie dann über die Staatliche Regionalverwaltung von Tschernihiw (2015) bis hin zum Nationalen Ministerium für Wirtschaft, Handel und Landwirtschaft (2019). Dort wurde die Ökonomin schnell zur stellvertretenden Wirtschaftsministerin und Vize des Leiters des Präsidialamtes, Andrij Jermak.

Bis zur Beförderung eher unbekannt

Dennoch, schreibt der ukrainische Journalist Denis Trubetskoy, sei Swyrydenkos Beförderung zur Wirtschaftsministerin und Vize-Ministerpräsidentin eine Überraschung gewesen. Sie sei ein weiteres, sehr junges Gesicht im Team um den Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gewesen – "und selbst im politischen Kiew nur wenigen ein Begriff". Heute sei sie allerdings längst keine Unbekannte mehr.

Offenbar gibt es regelmäßig Gerüchte darüber, dass es bald personelle Veränderungen innerhalb der Regierung geben werde. Doch Trubetskoy hält es für unwahrscheinlich, dass der amtierende Ministerpräsident Schmyhal seinen Posten räumen muss. Und selbst wenn, auch seine Nachfolge sei Swyrydenko keineswegs gesichert. Mit ihr konkurrieren würde der weitere Vize-Ministerpräsident und Digitalminister Mychajlo Fedorow.

Swyrydenko wird international für ihre Kommunikationsfähigkeiten geschätzt. Diese Begabung wurde auch zu ihrem wichtigsten Instrument. Denn seit dem russischen Einmarsch musste sie sich zunächst um internationale Hilfen und Kredite bemühen. Sie führte 2023 eine ukrainische Delegation in den USA an, in deren Gesprächen es um weitere Finanzhilfen für das vom Krieg gezeichnete Land ging. Bei der Bewilligung eines der größten finanziellen Hilfspakete der Europäischen Union spielte die Wirtschaftsministerin eine tragende Rolle.

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Fokus auf Förderung von "Made in Ukraine"

Dennoch fokussiert sich die Politikerin weiterhin darauf, dass die Ukraine ihre Wirtschaftsleistung wieder selbstständig ankurbelt, und wirbt sowohl in sozialen Medien als auch in Interviews und politischen Reden regelmäßig dafür, ukrainische Produkte den internationalen vorzuziehen.

"Alle Unternehmen – sowohl diejenigen, die seit der Unabhängigkeit auf dem Markt sind, als auch diejenigen, die während der groß angelegten Invasion gegründet wurden – stärken gerade jetzt unsere Wirtschaft", schreibt sie etwa auf Instagram. Jeder Ukrainer könne dabei unterstützen, indem er Produkte von einheimischen Herstellern kaufe. "Immerhin fließen im Durchschnitt 40 Prozent der Kosten für in der Ukraine hergestellte Waren in Form von Steuern, Gebühren und nichtsteuerlichen Ausgaben in den Haushalt zurück."

All dieses Geld werde zur Unterstützung des Militärs, zur Zahlung von Gehältern und zur Versorgung der Städte verwendet. Mit einer Informationskampagne, die zum Frühlingsanfang startete, will sie die Ukrainerinnen und Ukrainer von diesem Mehrwert überzeugen. "Jeder profitiert, wenn es in der Ukraine hergestellt wird" – das ist Swyrydenkos Credo.

IT-Sektor in der Ukraine besonders stark

Und offenbar hat sie damit auch Erfolg. 2022 fiel das Bruttoinlandsprodukt zunächst um 29,1 Prozent. Doch seit Beginn 2023 schreiben ukrainische Unternehmen wieder mehr Stellen aus. Sowohl in der Metallverarbeitung, der Lebensmittelindustrie, dem pharmazeutischen und dem Bausektor gab es in diesem Jahr deutliche Erholungsdynamiken.

Schon Ende 2023 begann die Wirtschaftsleistung laut der Ministerin wieder zu wachsen. "Es ist zwar nur ein kleiner Anstieg von fünf Prozent," erklärt Swyrydenko in einem Interview mit dem Sender "Radio France Internationale", "aber das bedeutet, dass die wichtigsten Wirtschaftszweige wieder zu wachsen begonnen haben". Der IT-Sektor konnte laut der Ökonomin Nataliia Slaviuk sogar im ersten Kriegsjahr 2022 weiter Gewinne einfahren.

In Zukunft will Swyrydenko internationale Unternehmen ermuntern, in die Ukraine zu kommen. Ihre Strategie für 2024 beschreibt sie im "Time"-Magazin so: "Wir werden den Aufschwung beschleunigen, die Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes ankurbeln, die Exporte steigern, mehr Investitionen in die realen Sektoren der Wirtschaft anziehen und ganz allgemein neue Investitionsmöglichkeiten schaffen." Wenn ihr das gelingt, könnte ihre politische Karriere gerade erst begonnen haben.

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