• Die Infrastruktur von Mariupol ist nach Behördengaben zu rund 80 Prozent zerstört.
  • Mehr als die Hälfte ihrer Bewohner sind aus der ukrainischen Hafenstadt geflohen.
  • Menschenrechtsorganisationen berichten zudem, dass Tausende Menschen aus der Stadt nach Russland verschleppt wurden.
  • Die frühere Grünen-Abgeordnete Marieluise Beck glaubt: Es geht Wladimir Putin um die "Auslöschung" der Stadt.

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Grosny und Srebrenica stehen als Städtenamen für den Schrecken des Kriegs. Die tschetschenische Hauptstadt Grosny wurde während der Tschetschenien-Kriege in den 90er- und Nullerjahren großflächig zerstört. In der bosnischen Kleinstadt Srebrenica töteten bosnische Serben im Juli 1995 mehr als 8.000 bosniakische Jungen und Männer. Im aktuellen Krieg Russlands gegen die Ukraine steht nun der Name Mariupol für besonderes Leid.

Seit Wochen ist die Hafenstadt im Osten der Ukraine umkämpft. 80 Prozent der Infrastruktur sollen durch russische Angriffe zerstört sein. Es sei unmöglich, in der Stadt noch zu wohnen, sagte der Bürgermeister Wadym Bojtschenko. Es gebe dort weder Wasser noch Strom, Heizung oder Kommunikationsverbindungen. Vor dem Krieg hatte Mariupol rund 440.000 Einwohner. Anfang der Woche hielten sich noch ungefähr 160.000 Menschen in der Stadt auf.

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Strategisch wichtige Stadt

Es gehe dem russischen Präsidenten Wladimir Putin um die "Auslöschung" Mariupols, sagt die frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck gegenüber unserer Redaktion. Anders könne man die Zerstörung nicht nennen. Beck hat zusammen mit ihrem Mann Ralf Fücks die Denkfabrik Zentrum Liberale Moderne in Berlin gegründet. Die beiden halten sich derzeit in der Ukraine auf.

"Putin hofft, das Gebiet dauerhaft besetzen zu können, damit das Asowsche Meer vollkommen in seine Hand zu bringen und damit Russlands Herrschaft über die Schwarzmeerküste auszuweiten", glaubt Beck. "Wenn Mariupol fällt, ist der Weg nach Odessa für das russische Militär offen."

Die fortschreitende Zerstörung von Mariupol könnte die Ukraine langfristig wirtschaftlich erheblich schwächen. Nicht nur wegen der zerbombten Gebäude. Durch die russische Belagerung hat die Ukraine 30 bis 40 Prozent ihrer Metallproduktion verloren. "Die Werke von Mariupol tragen zu mehr als einem Drittel der Stahlproduktion der Ukraine bei", sagte der Generaldirektor des Konzerns Metinvest, Jurij Ryschenkow, in der Nacht zum Mittwoch beim Fernsehsender Ukrajina 24.

80 Prozent der städtischen Infrastruktur sollen zerstört sein. Das teilte der Bürgermeister der Stadt mit. Es sei praktisch unmöglich, in der Stadt zu leben.

Menschenrechtsorganisationen werfen Russland Verschleppungen vor

Längst ist die Rede von einer humanitären Katastrophe. Menschenrechtsorganisationen werfen der russischen Seite zudem Kriegsverbrechen vor. Sie berichten von der zwangsweisen Verschleppung ukrainischer Bürgerinnen und Bürger. "Betroffene wurden gegen ihren Willen nach Russland oder in die derzeit unkontrollierten Gebiete der Krim und des Donbass gebracht", heißt es in einem Appell, den mehr als 20 ukrainische Menschenrechtsorganisationen unterzeichnet haben. Unter ihnen sind die Organisation Center for Civil Liberties, das Ukrainische Institut für Menschenrechte und der Verband jüdischer Organisationen und Gemeinden in der Ukraine.

Betroffen sind demnach mehrere Tausend Menschen aus Mariupol. Aber auch aus anderen ukrainischen Städten seien Menschen nach Russland gebracht worden, wo sie dem Appell zufolge in Internierungslagern untergebracht werden. Wie so häufig in diesem Krieg gilt allerdings: Unabhängig überprüfen lassen sich diese Vorwürfe derzeit nicht.

Westen schließt Eingreifen aus

Die internationale Gemeinschaft steht vor einem Dilemma: Nichtstun bedeutet, die Menschen in Mariupol ihrem Schicksal zu überlassen. Wenn aber zum Beispiel die Nato als westliches Militärbündnis eingreift und gegen Russland vorgeht, könnte das nach Ansicht vieler Politiker und Experten den Beginn eines dritten Weltkriegs bedeuten. Die westlichen Staaten und ihre Bündnisse lehnen ein Eingreifen in diesen Krieg daher kategorisch ab.

Marieluise Beck dringt allerdings darauf, die Ukraine weiter für die Verteidigung auszustatten: "Es ist nicht einzusehen, weshalb wir den Ukrainern das vorenthalten, was sie nötig brauchen, um die Zivilbevölkerung vor russischen Bomben- und Artillerieangriffen zu schützen." Die ukrainische Seite könne zum Beispiel in die Lage versetzt werden, selbst eine Flugverbotszone zu errichten. Die polnische Regierung hat bereits vorgeschlagen, eigene Kampfflugzeuge an die Ukraine zu liefern, wenn sie selbst dafür zur Entschädigung Flugzeuge von den USA erhält. Die US-Regierung hat dieses Modell aber abgelehnt.

Wenig Fortschritte bei Evakuierungsmission

Andere Staaten versuchen währenddessen, möglichst viele Menschen aus Mariupol herauszuholen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will zusammen mit der Türkei und Griechenland eine Evakuierungsmission ermöglichen. Fluchtkorridore waren in den vergangenen Wochen aber immer wieder gescheitert. Die russische Seite müsste zustimmen und mitarbeiten. Russlands Präsident Putin soll Macron nun in einem Telefonat lediglich gesagt haben, dass er über den Vorstoß nachdenke.

Marieluise Beck ist skeptisch, was den Erfolg einer solchen Mission angeht. Sie glaubt, dass die Gefahr vor allem für ukrainische Männer groß ist: Frauen und Mädchen würden die Belagerer vielleicht gehen lassen. "Niemals aber ist vorstellbar, dass russische Soldaten Kämpfer aus Mariupol friedlich abziehen lassen würden."

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Marieluise Beck, Zentrum Liberale Moderne
  • Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa)
  • Center for Civil Liberties: Euromaidan SOS Appeal regarding illegal movement of Ukrainian citizens from Mariupol and other Ukrainian cities to Russia