Die ukrainischen Streitkräfte leiden unter einem erheblichen Personalmangel – Männer im wehrfähigen Alter fehlen an allen Ecken und Enden. Nun schalten sich die Frauen ein. "Wenn ich will, dass der Krieg endet", sagt eine von ihnen, "dann muss ich selbst vorbereitet sein."

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Svitlana Korzun fühlt sich nutzlos. Die 23 Jahre alte Ukrainerin lebt jeden Tag mit der Gewissheit, allein aufgrund ihres Geschlechts nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Zwar leistet sie Freiwilligenarbeit in Frontnähe, spendet regelmäßig an das ukrainische Militär, sammelt auch Gelder und sendet diese an die Streitkräfte – dennoch glaubt sie, sie könnte mehr tun für ihr Land. Die Entscheidung sei noch nicht getroffen, erklärt sie im Gespräch mit unserer Redaktion, aber schon seit der Invasion denkt sie daran, dem Militär beizutreten. Gerade jetzt, wo die Situation an der Front immer brenzliger wird.

Ihr erster Schritt: Vorbereitung. Mit einem speziellen Training will sich die junge Ukrainerin auf den Ernstfall einstellen – egal, wie ihre Entscheidung letztlich ausfallen wird.

Ukrainisches Militär kämpft mit heftigem Personalmangel

Trainings dieser Art – und auch speziell für Frauen – werden in der Ukraine momentan immer beliebter. Schießübungen, das Umgehen mit Handgranaten, versteckte, explosive Fallen aufspüren – kämpfen. Frauen wollen sich mittlerweile ausbilden lassen. Denn der Personalmangel bei den ukrainischen Streitkräften schlägt immer mehr zu Buche.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine dauert nun fast schon zwei Jahre an. In dieser Zeit hatte die Ukraine viele Verluste zu beklagen. Und während sie zwar Unterstützung in Form von Waffen und Munition von westlichen Partnern erhält, kann sie in Personalfragen nur auf die eigenen Leute zurückgreifen. Doch im Vergleich zum großen Gegner Russland wirkt die Zahl der ukrainischen Männer im Wehrdienstalter geradezu mickrig. Deshalb gibt es in der Ukraine mehr und mehr Bemühungen, auch Frauen für den Militärdienst zu begeistern.

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Vereine wie Ukrainian Walkyrie wollen Frauen dabei helfen, sich auf mögliche Kämpfe vorzubereiten – gegen eine Spende von 35 Euro, die dann an das Militär weitergegeben wird. In einem Post auf Instagram schreiben sie zwar: "Wir trainieren Frauen nicht für das Militär, aber wir bereiten Frauen auf die Notwendigkeit vor, sich und ihre Angehörigen zu schützen." Ukrainische Frauen könnten auf dem Schlachtfeld eine verlässliche Schulter für ukrainische Männer werden, wenn sie es denn wollten, heißt es weiter.

Auf Anfrage unserer Redaktion erklärt die Organisatorin Daryna Trebukh, es liege in der Natur der Frauen, die Familie und die Kinder um jeden Preis zu schützen. Frauen könnten im Militär eine große Hilfe sein – wenn bestimmte Bedingungen erfüllt seien.

43.500 Soldatinnen beim ukrainischen Militär

Die Trainerin sieht Frauen vor allem in Unterstützungspositionen, Nachrichtendiensten, Aufklärung, Artillerie und der Luftfahrt. Rund 200.000 körperlich belastbare Männer könnten aus den hinteren Positionen durch Frauen ersetzt werden. Ein Grundstein dafür seien allerdings angemessene Gehälter bei den Streitkräften.

Sie sei zwar gegen die Mobilisierung von Frauen, sagt Trebukh, aber etwa Ein-Jahres-Verträge würde sie unterstützen. "Der 24. Februar 2022 hat bewiesen, dass zu diesem Zeitpunkt niemand gezwungen wurde, zum Melde- und Einberufungsamt zu gehen, im Gegensatz zu heute", sagt sie. "Damit ein bewusster Bürger zum Dienst motiviert werden kann, müssen menschenwürdige Bedingungen geschaffen werden, sowohl im Arbeits- als auch im Sozialbereich."

Laut einem Bericht der ukrainischen Streitkräfte vom November 2023 arbeiten rund 62.000 Frauen für das Militär. Rund 43.500 davon als Soldatinnen und mehr als 5.000 in den aktiven Kriegsgebieten. 2.500 Zivilistinnen hat der Verein Ukrainian Walkyrie eigenen Angaben zufolge bereits ausgebildet – und er ist nicht der einzige Anbieter solcher Kurse. Luft nach oben ist dementsprechend für die Anzahl der weiblichen Soldaten gegeben. Und auch, wenn Trainerin Trebukh Frauen verantwortungsbewusster und disziplinierter als Männer einschätzt, sagt sie: "Wir dürfen die Rolle der Frauen im Militär nicht idealisieren." Es gebe viele Faktoren und Bedingungen, um den Dienst für Frauen in der Zusammenarbeit mit Männern gerecht zu ermöglichen.

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Trainerin fordert militärische Grundausbildung für alle

Vorteile im Kampf gegen den Aggressor hingen zudem nicht vom Geschlecht ab. "Dies ist bedingt durch Professionalität, Zusammenhalt und die fortschrittlichen Kenntnisse und Fähigkeiten jedes Einzelnen von uns." Eine militärische Grundausbildung, findet sie zudem, sollte für alle zur Verfügung gestellt werden.

Für die 23-jährige Svitlana Korzun ist ein solches Training genau das richtige. Sie verfolge viele Militärs in den sozialen Medien und auch einige ihrer Freunde kämpften bereits an der Front. "Wir sprechen viel darüber, eigentlich fast nur", sagt sie. Und sie verstehe, wie wichtig es für das gesamte Militärsystem sei, genügend Leute zu haben. Sich für den aktiven Dienst zu entscheiden, sei allerdings schwer. Schließlich hängt das eigene Leben davon ab. Doch Korzun liebt ihr Land, sagt sie. "Und wenn ich will, dass der Krieg endet, dann muss ich selbst vorbereitet sein."

Vorbereitet werden Frauen beim Verein Ukrainian Walkyrie. Hier lernen sie Regeln für das Verhalten in einem Krisengebiet, den Umgang mit Waffen und die bewaffnete Selbstverteidigung, wie Organisatorin Trebukh erklärt. Hinzu kommen Erste Hilfe, Grundlagen der Minensicherheit, Arbeit an Funkstationen und weitere Hilfsmittel zur Selbstverteidigung etwa im Falle von Plünderungen.

Frauen kämen zu diesen Kursen, um Wissen darüber zu erlangen, wie sie sich und ihre Familien schützen können. Es gehe um "die Umwandlung von Panik und Angst in Zuversicht und nützliches Wissen", sagt sie. Seit Beginn der groß angelegten Invasion führt der Verein solche Schulungen bereits durch. "Einige der Teilnehmerinnen gingen danach zum Dienst", erklärt Trebukh. Auch Reservistinnen besuchten die Kurse, um ihre Kenntnisse und Fähigkeiten aufzufrischen. Man habe bereits eine eigene Subkultur geschaffen, sagt die Trainerin. Mit rund 5.000 Mitgliedern.

Drohnen als "Chance, den Krieg zu überleben"

Auch die Künstlerin Valeria Bezkluba bereitet sich vor. Allerdings auf eine andere Art: Drohnen.

Die 28-Jährige hat bereits das erste Training zur Steuerung von Aufklärungsdrohnen hinter sich, weitere Schulungen, etwa einen FPV-Pilotenkurs, werden folgen. FPV steht für First Person View und heißt in diesem Fall, dass die Person, die die Drohne steuert, eine Brille mit einer Live-Übertragung trägt.

Bezkluba sagt: "Wir sind mit einem enormen Ungleichgewicht bei den klassischen Kriegsmitteln wie Artillerie, Mehrfachraketenwerfern, Panzern, Flugzeugen, Marschflugkörper und ballistischen Raketen konfrontiert." Russland hingegen verfüge über eine fast unbegrenzte Menge dieser Mittel. Im Bereich Drohnen sieht sie die Chance der Ukraine, in diesem Krieg zu überleben.

"Der Einsatz, den die Ukraine in diesem Krieg bringt", sagt sie, "ist so hoch. Die gesamte Existenz einer 40-Millionen-Nation steht auf dem Spiel. Wir haben im Grunde keine andere Wahl, als zu versuchen, uns zu wehren und zurückzuschlagen." Auch sie denkt daran, dem Militär beizutreten – genauso wie die 23-jährige Freiwillige Svitlana Korzun, die einen Selbstverteidigungskurs absolvieren möchte.

Bisher habe sie an vielen taktischen medizinischen Schulungen teilgenommen – für Zivilisten im Allgemeinen und auch für Leute, die in der Nähe der Frontlinie arbeiten. Für sie ist das allerdings nicht genug. Momentan arbeitet sie in der Nähe der Front und hat bereits viele zerstörte Städte und Dörfer gesehen. "Ich kann mir nur vorstellen, wie schwer es ist, in den Schützengräben an der echten Front zu sein. Ich möchte also vorbereitet sein, vielleicht ja sogar eine Brigade finden, der ich beitreten möchte."

Mit einem solchen Kurs erhofft sie sich auch, zu verstehen, wo sie hilfreich sein könnte. "Die Armee wird die Zukunft für viele unserer Leute sein, wenn wir diesen Krieg gewinnen wollen", sagt sie.

Verwendete Quellen

Ukrainische Soldaten sind nach fast zwei Jahren an der Front kriegsmüde

An der Front im Osten nahe der ukrainischen Stadt Kupiansk halten Soldaten seit fast zwei Jahren gegen die russischen Angreifer die Stellung. Mit letzter Kraft, denn viele sind kriegsmüde. Mittlerweile hat die Ukraine Schwierigkeiten, Männer für den Kampf gegen Russland zu mobilisieren.
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