Kurz bevor der Präsidentschaftswahlkampf in den USA in die heiße Phase startet, ist in den USA eine Debatte über das Alter der Kandidaten entbrannt. Immerhin sind drei Favoriten älter als 70 Jahre. Im Gespräch mit der Redaktion erklärt der Gerontologe Andreas Kruse, Chef der Altenberichtskommission der deutschen Regierung, welche Qualitäten das Alter bietet, ob das wichtigste Amt der Welt das Leben verlängert und wieso man in den USA positiver über das Altern spricht als in Europa.

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Herr Kruse, 1841 wurde der damals 67-jährige William Henry Harrison 9. US-Präsidenten – das galt damals als uralt. Heute ist mit Donald Trump ein 72-jähriger Mann US-Präsident, der recht vital zu sein scheint. Ab wann ist man denn alt?
Andreas Kruse: Ein festes Lebensalter, ab dem ein biologischer oder physiologischer Sprung zu einer verminderten Leistungsfähigkeit führt, lässt sich nicht definieren. Wir sprechen lieber von einem Alterungsprozess, also einer kontinuierlichen Veränderung, der sich über die gesamte Biografie erstreckt.

Die älteren Menschen von heute weisen eine im Durchschnitt bessere Gesundheit und höhere körperliche Leistungsfähigkeit auf als ihre Eltern oder Großeltern. Ältere Menschen von heute erreichen im Durchschnitt ein höheres Lebensalter als ältere Menschen in der Vergangenheit, wobei dieses höhere Lebensalter vielfach auch mit einem Mehr an Jahren in Gesundheit und Selbstständigkeit verbunden ist. Das Altern selbst erfährt also einen Gestaltwandel, der nicht nur auf den Einzelnen Auswirkungen hat, sondern auf ganze Gesellschaften und Kulturen.

Der US-Präsident teilt sich eine Eigenschaft mit anderen älteren Menschen in einflussreichen Positionen: Sie sind trotz der Strapazen und ihres Alters auffallend agil. Besteht da ein Zusammenhang?
Die fernere Lebenserwartung hängt unter anderem davon ab, ob ich das Gefühl habe, mein eigenes Leben in den Dienst einer Sache zu stellen und die mir verbleibende Zeit mit einem mich erfüllenden Tun zu verbringen. Wenn ein Mensch in seiner Tätigkeit eine besondere intrinsische Motivation und Herausforderung erlebt, ohne sich zu überfordern, wirkt sich dies positiv auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und natürlich Lebenszufriedenheit und Lebensbindung aus. Diese psychologischen Faktoren üben umso mehr Einfluss auf die Lebenserwartung aus, je älter man wird. Klar ist: Keine noch so erfüllende Tätigkeit kann eine schwere Krankheit stoppen. Der Gewinn an Lebensqualität, der durch die Art und Weise entsteht, wie wir uns selbst und unser Handeln deuten, ist aber nicht zu unterschätzen.

Einflussreiche Menschen haben in der Regel eine hervorragende medizinische Versorgung. Hängt es auch vom Geldbeutel ab, wann wir alt sind?
Die soziale Ungleichheit nimmt mit zunehmendem Alter zu. Die Schere bei den Einkommen und Vermögen geht immer weiter auseinander. Wenn Menschen im jungen Alter wenig Vermögen bilden und nur einen geringen Bildungsstand erwerben konnten, addieren sich die Benachteiligungen über das Leben hinweg. Dies beeinflusst die medizinische Versorgung, die auch davon abhängt, was wir uns leisten können.

Ist das Alter überhaupt ein taugliches Maß, um die Leistungsfähigkeit eines Menschen zu beurteilen?
Das Älterwerden ist mit zunehmenden körperlichen Risikofaktoren verbunden: Krankheiten zeigen chronische Verläufe, sie lassen sich schwerer behandeln. Je älter die Menschen eines Geburtsjahrgangs werden, desto verschiedenartiger werden sie – und damit sinkt die Möglichkeit, verallgemeinernde Aussagen zu treffen. Der Manager, der mit 70 noch topfit ist, ist damit genauso wenig repräsentativ wie der 80-Jährige, der schwer erkrankt ist.

In Amerika bewerben sich mit Joe Biden, Bernie Sanders und Donald Trump drei Herren jenseits der 70 um das mächtigste Amt der Welt. In Europa enden die meisten Politikerkarrieren hingegen schon mit 70. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?
In den USA findet die offene und verdeckte Abwertung des Alters nicht in dem Maße statt, wie wir es in Europa erleben. Bei der Frage, wie wir Alter und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren, gibt es in Deutschland noch immer Abwehrreflexe. Menschen, die das achte Lebensjahr überschritten haben, sprechen wir oftmals Leistungsfähigkeit ab. Die Amerikaner sehen das bisweilen anders, denn dort finden wir sehr viel mehr Menschen, die bis ins hohe Alter zu arbeiten. Deshalb wird die Auseinandersetzung darüber, was im Alter noch geht, in den USA deutlich positiver geführt, insbesondere mit Blick auf die Entwicklungspotentiale, die mit dem hohen Alter einhergehen.

Eine Studie aus den USA zeigt, dass das Merkmal, älter als 75 Jahre alt zu sein, die meisten US-amerikanischen Wähler abschreckt – weit hinter den Merkmalen Muslim, Homosexualität oder Weiblichkeit. Neigen wir dazu, Alte zu diskriminieren?
Von Diskriminierung will ich nicht sprechen, aber eine emotionale Reserve gegen das Alter können wir schon beobachten. Wenn Menschen ein hohes Lebensalter erreicht haben oder körperlich alt aussehen, sprechen wir ihnen automatisch die Leistungsfähigkeit ab, ohne uns das Individuum in seinen verschiedenen Merkmalen und Lebensbezügen anzusehen. Das muss nicht immer eine Diskriminierung sein. Aber es ist hoch problematisch, wenn man einem Menschen nur aufgrund seines Lebensalters bestimmte Leistungsbereitschaften – oder schlimmer noch – ein Maß an praktizierter Mitverantwortung in der Gesellschaft abspricht.

Leiden Demokratien darunter, wenn Alte überdurchschnittlich hohen Einfluss in entscheidenden Positionen haben?
Was wir bei politischen Entscheidungen immer brauchen, ist eine Perspektivenvielfalt. Wir dürfen alten Menschen nicht die Fähigkeit und Bereitschaft absprechen, sich in die Lebenssituation einer jungen Generation zu versetzen. Aber das Denken in weiteren Zeiträumen und die Frage, welche Auswirkungen heute getroffene Entscheidungen in der Zukunft haben, ist eher eine Perspektive der Jugend. Das zeigen ganz aktuell auch die Friday for Future-Demonstrationen, an denen überwiegend junge Menschen teilnehmen. Natürlich kann sich auch ein älterer Mensch mit der Frage der Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Sie werden aber bei jungen Menschen, die von den Auswirkungen oftmals ganz direkt betroffen sind, ein anderes Momentum erleben. Wichtig ist in der Politik deshalb eine Generationenmischung, in der Menschen die Herausforderungen für ihre jeweilige Altersgruppe besonders akzentuieren. Und diese Akzente unterscheiden sich bisweilen zwischen jungen, mittelalten und alten Menschen.

Nelson Mandela, Winston Churchill und Konrad Adenauer waren Staatenlenker im hohen Alter, die den Verlauf der Geschichte verändert haben. Gibt es Charaktermerkmale, die im Alter besonders ausgeprägt sind und sich positiv auf Entscheidungen auswirken?
Ich spreche lieber von Entwicklungsmöglichkeiten, die nicht zur Realität werden müssen, es aber können: Im hohen Alter beginnen viele Menschen damit, über sich zu reflektieren und zu bewerten, ob vergangene Entscheidungen moralisch gut waren. Diese Form der Selbstkritik ist auch ein wichtiges Potenzial in der Politik. Zum zweiten besitzen alte Menschen eine hohe Offenheit für umfassendere Zusammenhänge. Sie fragen sich, welche Auswirkungen die eigene Entscheidung für nachfolgende Generationen haben kann. Und drittens spüren ältere Menschen oftmals eine Verantwortung dafür, das eigene Wissen an nachfolgende Generationen weiterzugeben – auch das ist keine schlechte Eigenschaft in der Politik. Damit Menschen von diesen Potenzialen Gebrauch machen, müssen sie aber Zeit ihres Lebens zu einer gesunden Selbstreflexion bereit gewesen sein.

Eine Frage, die besonders in der Politik eine Rolle spielt, ist das Vermögen, mit Kritik umgehen zu können. Werden alte Menschen in dieser Hinsicht gelassener? Oder wehren sie Kritik mit Blick auf ihre eigene Lebensleistung ab?
Die Kritikfähigkeit im hohen Alter hat viel damit zu tun, wie ein Individuum über sein Leben hinweg mit Kritik umgegangen ist. Wenn Menschen bereit waren, Kritik zu formulieren, ohne Menschen dabei abzuwerten und Bereitschaft gezeigt haben, Kritik anderer Menschen anzunehmen, können sie im hohen Lebensalter eine sehr feine Kritikfähigkeit weiterentwickeln. Wer jedoch eher narzisstisch war und Kritik stets als Beleidigung empfunden hat, für den könnte im hohen Lebensalter die Totalsicherung der eigenen Lebensleistung im Vordergrund stehen: In diesem Falle geht dem Menschen Toleranz, Gelassenheit und Selbstkritikfähigkeit ab.

Manchmal kann es auch gefährlich werden, Entscheidungen mit Blick auf die eigene Lebenserfahrung zu rechtfertigen. Ein Beispiel ist Donald Trump, der mit dem Versprechen "Make America Great Again" antrat, ohne zu konkretisieren, was früher mal "great" war. Sind ältere Menschen besonders anfällig dafür, die Vergangenheit zu romantisieren?
Es gibt einen Typus Mensch, der die alten Zeiten und die eigene Vergangenheit verklärt, statt die Potenziale der Gegenwart und der Zukunft zu sehen. Das ist nicht unbedingt eine Frage des Alters. Doch tritt im hohen Alter aber tendenziell das Langzeitgedächtnis eher in den Vordergrund, sodass Inhalte aus der Vergangenheit bedeutsamer werden. Gleichzeitig nimmt bei nicht wenigen Menschen die Neugierde im Alter ab – obwohl auch dies nicht sein muss. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass sich alte Menschen mit anderen Generationen auseinandersetzen, um zu verhindern, dass es zu Verklärungen kommt, um zu verhindern, dass man Offenheit und Neugierde einbüßt.

Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse studierte Psychologie mit Musik in Bonn, Aachen und der Kölner Musikhochschule für Musik. Nach der Promotion in Psychologie, habilitierte er sich an der Universität Heidelberg, wo er seit 1997 lehrt und das Institut für Gerontologie leitet. Kruse war von 2009 bis 2014 Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und ist Mitglied in diversen universitären und außeruniversitären Gremien. Seit 2003 ist er Vorsitzender der Altenberichtskommission der Bundesregierung. Der zweifache Familienvater ist Träger des Bundesverdienstkreuzes.
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