Leblos, enttäuschend, ohne Führung: Medienexperten kritisieren das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Fehler sehen sie insbesondere bei den Sendern und fordern ein Umdenken beim Format.

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Das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz bekam kein gutes Zeugnis. Glanzlos, leblos, enttäuschend – so die Kritik am medialen Showdown, der keiner war.

Dabei boten die 90 Minuten und vier Themen-Komplexe durchaus Chancen zu verbalem Schlagabtausch. Nur bei wenigen Themen vertraten die Kontrahenten kontroverse Ansichten. Am Ende wehten laue Lüftchen.

Experte für Körpersprache erklärt, warum Schulz TV-Duell verloren hat.

Woran lag es? Während Angela Merkel und Martin Schulz für fehlende Angriffslust und zu viele Politik-Floskeln kritisiert wurden, bemängeln Medien-Experten das Format der Sendung.

Eines, das keine "Führung hatte und schnell aus den Fugen geriet", wie Journalistik-Professor Klaus Meier im Gespräch mit unserer Redaktion resümiert.

TV-Duell überholt und ungeeignet?

Zuvor hatte Medienwissenschaftlers Bernd Gäbler das TV-Format "in seiner jetzigen Form als überholt" bezeichnet. "Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Format ‚TV-Duell‘ an Haupt und Gliedern reformiert werden muss, dann wurde er in diesem Jahr endgültig geliefert: Die Sendung war leblos und frei von jeder Überraschung", sagte Gäbler der Deutschen Presseagentur.

"Dieses Format eignet sich grundsätzlich kaum für eine Debatte von zwei Kanzlerkandidaten", erklärt Meier. Überholt sei das Format nicht, "denn das würde ja bedeuten, dass dieses Format früher gut war."

Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, sieht das etwas differenzierter. "Bei all seinen Schwächen ist das TV-Duell immer noch ein gutes Format. Zum Auftakt der Bundestagswahl bietet es den Wählern eine gute Orientierung", so Brettschneider im Gespräch mit unserer Redaktion.

Für Politinsider sei das Duell sicher langweilig, nicht aber für die Wähler – insbesondere für die unentschlossenen. Dennoch sieht er wie seinen Kollegen an vielen Stellen Handlungsbedarf.

Themen sollen bürgernäher werden

Das Hauptproblem sehen die Experten bei der Themenauswahl. "Sie muss bürgernäher werden", fordert Brettschneider. Mehr als eine halbe Stunde über ein einziges Thema zu sprechen, sei nicht Sinn und Zweck eines TV-Duells.

Die Medienexperten Klaus Meier, Jo Groebel und Frank Brettschneider kritisieren, dass am Sonntagabend wichtige Zukunftsfragen, vor denen Deutschland stehe, ausgeklammert worden seien.

Moniert wird vor allem, dass sich das Duell mehr als die Hälfte der Zeit um das Thema Migration und Flucht drehte. "Zentrale Themen, die viel näher an den Menschen sind, wie die mangelnde Gerechtigkeit in Deutschland, Digitalisierung und Bildungs(gerechtigkeit) wurden entweder gar nicht angesprochen oder nur ganz kurz", so Meier.

"Dass die Digitalisierung, Bildung und Arbeitsmarkt 4.0 nur kurz erwähnt wurden, ist fast schon ein Skandal", ärgert sich Medienexperte Jo Groebel im Gespräch mit unserer Redaktion.

Bessere Vorbereitung erwünscht

Wie sich Themen besser vorbereiten und in der Sendung steuern lassen, dafür gibt es mehrere Vorschläge. Brettschneiders Vorschlag: Bevor es zum Duell geht, könnten die Sender eine repräsentative Umfrage starten. "Die Wähler sollten entscheiden, worüber die Kandidaten reden", empfiehlt er.

Groebel fordert, die Redaktionen sollten Themen im Sinne des Agenda-Settings besser bestimmen und mehr Flexibilität an den Tag legen. So könnte man die Sendezeit überziehen, meint der Medien-Experte. Bei "Wetten, dass…" sei das schließlich früher auch möglich gewesen. "Wieso ist das bei einem TV-Duell nicht der Fall?", fragt Goebel. Es müsse Zeit dafür sein, auch die relevanten Themen anzusprechen.

"Es kann nicht sein, dass sich die Kandidaten die Themen erstreiten müssen." Dagegen habe man sich lieber auf Themen wie die Rente verlassen, die das etablierte Publikum ansprechen. Das junge Publikum habe man schlicht vergessen.

Zu viele Moderatoren

Ein zentraler Kritikpunkt an der Sendung ist zudem die Anzahl der Moderatoren. Merkel und Schulz stellten sich den Fragen der Journalisten Maybrit Illner, Sandra Maischberger, Claus Strunz und Peter Kloeppel.

"Vier Moderatoren braucht kein Mensch", so Brettschneider. Es sei absolut nachvollziehbar, dass alle Journalisten in gleichen Teilen zu Wort kommen wollen. Schließlich ständen sie in Konkurrenz zueinander. "Ein Moderator aber", erklärt Brettschneider, "kann viel besser nachfragen und nachhaken".

Meier sieht das ähnlich. Er spricht von einem Korsett, in das die Debatte gezwängt wurde. Jeder der Moderatoren möchte "sich selbst in ein gutes Licht stellen" und mit "seiner/ihrer Frage gut aussehen". Für das Duell sei das schlecht gewesen.

"Manchmal setzte ein Moderator nochmal eins drauf, obwohl das Thema schon ‚durch‘ war. Wenn wirklich einmal eine Duell-Situation aufkam, wurde diese sofort von den Moderatoren unterbrochen."

Auch Journalistik-Professor Gäbler kritisierte die Sender ARD, ZDF, RTL und Sat.1 dafür: "Die viel zu zahlreichen Moderatoren traten in einen Überbietungswettbewerb, beide Politiker ausschließlich mit Fragen zu traktieren, wie sie von rechts gestellt werden. Der Wähler, um den es ja angeblich gehen soll, schaute im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre."

Mehrere Duelle gefordert

Nur Jo Groebel hat eine etwas andere Einschätzung. Das TV-Duell auf vier Sendern laufen zu lassen, sei wichtig. Deswegen sei es in Ordnung auch vier Moderatoren für die Sendung auszusuchen. "Der Charme der Vier ist, dass man ein größeres Publikum anspricht."

Allerdings, so räumt Groebel ein, wäre eine andere Verteilung optimaler. Sein Vorschlag: Das Duell splitten und jeweils von zwei Moderatoren der jeweiligen Sender leiten zu lassen. Oder von senderneutralen Moderatoren

Eine Idee, der Brettschneider und Meier zustimmen – vor allem, um inhaltlich mehr in die Tiefe zu gehen. "Eine Sendung könnte sich mit innenpolitischen, die zweite mit außenpolitischen Themen beschäftigen", meint Brettschneider.

Meier sieht sogar eine Serie von zwei, drei oder vier Duellen als spannend an. Damit ließen sich die Unterschiede der politischen Konzepte besser herausarbeiten.

Allerdings war es nicht so, dass die TV-Sender kein weiteres Duell gewollt hätten. Es sei "kein Geheimnis", dass man sich ein weiteres Duell gewünscht hätte, sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey. "Es gab kaum Alternativen. Das Kanzleramt hat konkrete Vorgaben zum TV-Duell geschickt", sagt Goebel.

Ob die Vorschläge der Medienexperten Gehör finden werden, wird sich zeigen - spätestens in vier Jahren.