Die Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd stürzen US-Präsident Donald Trump in die größte Krise seiner Amtszeit, die Stimmen gegen ihn werden immer lauter. Wenn sein Herausforderer Joe Biden je eine Chance hatte, dann jetzt.

Mehr aktuelle News finden Sie hier

Donald Trump hielt sich zunächst zurück. Fast eine Woche lang hatte der US-Präsident den Demonstrationen und Krawallen in seinem Land weitgehend tatenlos zugesehen, ehe der Druck auf ihn zu groß geworden war.

Am Montagabend demonstrierte er kurzerhand seine ganze Macht und drohte damit, die anhaltenden Unruhen nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd notfalls mit dem Militär zu beenden. So schnell Trump in Erscheinung trat, so schnell verschwand er aber auch wieder in seinem Regierungssitz.

Ein paar Meilen nordöstlich des Weißen Hauses nutzte sein Kontrahent die Gunst der Stunde: Joe Biden, designierter Präsidentschaftskandidat für die US-Demokraten, legte am Dienstag in Philadelphia seinen ersten großen Auftritt seit Wochen hin. Dabei kritisierte er den Umgang Trumps mit dem Fall Floyd scharf.

Joe Biden: "Das Land schreit nach einer Führung, die uns vereinen kann"

Biden sagte: "Wenn friedliche Demonstranten nach einem Befehl des Präsidenten vertrieben werden von den Stufen des Weißen Hauses und dabei Tränengas benutzt wird, nur um ein Foto von einer der ältesten Kirchen des Landes zu machen, kann man es uns nicht übel nehmen, wenn wir annehmen, dass es dem Präsidenten mehr um Macht als um Grundsätze geht. [...] Dass er (Trump, Anm.d.Red.) mehr daran interessiert ist, seine Unterstützer zu befriedigen, als auf die Bedürfnisse derjenigen einzugehen, für die er verantwortlich ist. [...] Er muss sich um alle kümmern, nicht nur um diejenigen, die ihn wählen."

Der Tod von Floyd sei ein Weckruf für die Nation gewesen, so Biden weiter. "Das Land schreit nach Führung, einer Führung, die uns vereinen kann."

Verunsicherung in den USA ist groß - das spielt Biden in die Karten

Biden kam seit Beginn der Coronakrise im öffentlichen Diskurs so gut wie gar nicht vor. Wenn er zu sehen war, dann fast ausschließlich aus dem Keller seines Hauses heraus. Doch nun ist Bidens Zeit gekommen. Wenn der Ex-Vizepräsident je eine Chance hatte, dann jetzt.

Die Corona-Pandemie hat Trump mitten im Wahljahr in die größte Krise seiner Amtszeit gestürzt. Die US-Wirtschaft ist eingebrochen, Trump ist damit sein Kern-Wiederwahlargument abhandengekommen. Und nun wüten auch noch im ganzen Land Proteste - aus Zorn über den Tod von Floyd, über Polizeigewalt, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit.

Anstatt aber das Land zu beruhigen und zu einen, setzt Trump auf Eskalation. Er wirkt nervös und die Verunsicherung in der Bevölkerung ist groß. Biden spielt das in die Karten.

Umfrageschock für Trump

In Zeiten der Krise wächst die Sehnsucht nach Stabilität, Verlässlichkeit, Empathie. Alles nicht gerade Trumps Stärke - Biden kann hier eher glänzen. In einer großen Wahlumfrage von ABC News und der "Washington Post" liegt der Herausforderer landesweit 10 Prozentpunkte vor dem Präsidenten.

Derweil wird von Biden erwartet, dass er in den kommenden Wochen deutlich mehr in Erscheinung tritt als zuletzt. Aus seinem Team wurde demnach verlautbart, so berichtet es die "Süddeutsche", dass Biden "das Bild des Mannes abschüttelt, der tagein, tagaus in seinem Keller hockt", während die USA in der größten Krise seit Jahrzehnten stecken.

Lesen Sie auch: Präsidentschaftskandidat Joe Biden: Wie aus einer anderen Zeit

Mit Material der dpa.

Wegen Protesten: Trump verlegt Soldaten nach Washington

Das US-Militär meldet die Verlegung von rund 1.600 Soldaten auf Stützpunkte rund um Washington. Angesichts der anhaltenden Proteste in den USA sollen die örtlichen Sicherheitskräfte unterstützt werden. (Teaserbild: imago images/Eibner Europa)
Teaserbild: © picture alliance/AP Photo