Die Disco-Gruppe Boney M. feiert 2015 ihr 40-jähriges Jubiläum. Welthits wie "Daddy Cool", "Ma Baker" und "Rasputin" sind heute noch gefragt. Wir haben mit Produzenten-Mastermind Frank Farian über Erfolg, Playback-Tänzer und das neue Album.

Boney M., das waren Liz Mitchell, Marcia Barrett und Maizie Williams sowie der Tänzer Bobby Farrell. Eigentlich steckte hinter der Band aber Produzent Frank Farian, der Musik und Shows betreute. Nur Mitchell und Barrett sangen selber - die anderen bewegten die Lippen zum Playback. Und die männliche Stimme steuerte Farian selber bei. Das störte niemanden – im Gegensatz zum späteren Farian-Projekt Milli Vanilli, um das 1990 ein großer Skandal entbrannte, als bekannt wurde, dass die Frontmänner Robert Pilatus und Fabrice Morvan gar nicht selber sangen.

40 Jahre Boney M. - was ist das erste, was Ihnen in den Kopf kommt, wenn Sie an das Projekt denken?

Frank Farian: Mein Gott, wie schnell die Zeit vergeht! Mir kommt es vor, als wenn's vorgestern war. Alle Songs und alle Dinge, die ich da getan habe, laufen ab wie ein Film - aber rasend schnell.

Überrascht es Sie, dass die Boney-M.-Songs 40 Jahre später noch bekannt sind?

Heute nicht mehr so. Man macht immer wieder Best-ofs, und immer wieder werden große Stückzahlen verkauft. Man hört die Songs in Radiostationen auf der ganzen Welt, und man hört bei Chartshows, wie sehr die Leute auf diese Musik abfahren - nach wie vor, Jung und Alt.

Was macht die Songs so zeitlos?

Das kann ich gar nicht beantworten (lacht). Da müssen Sie die Fans fragen. Man macht etwas nach seinem Gefühl, voller Leidenschaft, und irgendwann steht man vor dem Ergebnis. Und dann wundert man sich.

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Sie haben damals noch viele andere Sachen produziert: Precious Wilson und Eruption, Chilly, Gilla - aber Boney M. ist dieser Übererfolg, der alles andere überschattet.

Ja, aber die Gruppe war ja auch etwas völlig anderes als Eruption, optisch und musikalisch. Eruption haben ihre Playbacks selbst gespielt, die haben Songs geschrieben. Boney M. war eine zusammengestellte Truppe von zwei exzellenten Sängerinnen, die wir gecastet haben, plus einem Tänzer und einer Tänzerin.

Die Leute hören mit den Augen. Die Performance war exzellent, und die Leute waren begeistert vom Stil und der Leichtigkeit dieser Musik, obwohl die Texte zum Teil ernste Hintergründe hatten. Aber so einen großen Erfolg kann man nicht planen.

Dieses Gesamtpaket von Boney M. - eine große Show, die über die Musik hinausgeht - ist das auch Teil Ihrer Rolle als Produzent?

Ich bin der Dirigent von diesem Musical-Orchester. Ich habe die erste Platte selbst gemacht, mit der tiefen Stimme und den Kopfstimmen. Wenn man so eine Band zusammenstellt, ist das wie ein Musiktheater. Stellen Sie sich mal vor, Lady Gaga hätte keine Kostüme! Das wäre eine fade Show.

Und die akribische Arbeit... Es war ja auch mein Baby. Ich konnte dafür Tag und Nacht arbeiten. Das macht ein Auftragsproduzent nicht. Diese Leidenschaft gehört dazu - und ohne meine Leidenschaft wäre Boney M. nie so groß geworden.

Bei Boney M. hat eine Räubergeschichte wie "Daddy Cool" Platz, eine religiöse Botschaft wie "Rivers Of Babylon", da gibt's Funk, Reggae und Swahili-Texte. Was ist der rote Faden?

"Daddy Cool". Diese Figur, die wir am Anfang mit Bobby zusammen kreiert haben, dann dieser Song: Das ist der rote Faden durch das ganze Repertoire. Es sind auch die Stimmen, mit denen man so viel anfangen konnte. Liz war eine sehr religiöse, fromme Frau - die Tochter eines Priesters. Es lag nahe, dass man Gospel probiert oder biblische Texte. Oder auf der anderen Seite dieser harte Junge. Der singt dann von "Ma Baker", "der fiesesten Katze im alten Chicago".

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Haben Sie die Songs gezielt für Boney M. produziert oder hatten Sie immer wieder Songs, bei denen Sie geschaut haben, zu welchem Act sie am besten passen?

Nein, überhaupt nicht! Die Songs wurden nicht nur für Boney M. produziert, sie wurden auch genau für die Stimmen und die Persönlichkeiten der Künstler komponiert. Auch die Texte wurden genau ausgesucht: Das kann Boney M. singen und sonst niemand. Eine Precious Wilson von Eruption hätte niemals "Brown Girl In The Ring" singen können. Nein, sie musste "I Can't Stand The Rain" singen, oder "One Way Ticket", ein Liebessong. Boney M. hat kaum Liebeslieder gesungen.

Sie hatten in ihrem Team sehr gute Musiker, die teilweise später mit eigenen Projekten bekannt wurden - etwa Drummer Keith Forsey, der später Billy Idol und "Don't You Forget About Me" produziert hat, oder an Michael Cretu, der als Keyboarder dabei war. Wonach haben Sie Ihre Mitstreiter ausgesucht?

Manchmal wurde uns ja vorgeworfen, wir sind Plastik (lacht). Aber das war alles andere als Plastik, das war harte Arbeit im Studio. Ich habe die Münchner Szene um Giorgio Moroder herum beobachtet. Da gab es eine unglaubliche Rhythmusgruppe - Schlagzeug: Keith Forsey, Gitarren: Nick Woodland, Mats Björkland. Ohne gute Musiker kann man keine gute Platte produzieren.

Als Komponist haben Sie sich bei der ersten Single "Zambi" genannt - was hat es damit auf sich?

(lacht) Ich war damals Schlagersänger und wurde belächelt. Hätte ich "Farian" hingeschrieben, hätte ich den Leuten einen klaren Wink gegeben: Ach, jetzt versucht er sich als internationaler Komponist und Produzent. Das musste 100 Prozent anonym sein. Ich mache das manchmal heute auch, damit die Leute sehen, die Rundfunkanstalten spielen das nicht nur, weil der Farian so bekannt ist. Es ist manchmal ganz gut, wenn man alles ein bisschen unter den Teppich kehrt.

Zu diesem Identitätsspiel zählt ja auch Frank Farian. Sie heißen eigentlich Franz Reuther. Gibt es einen Unterschied zwischen Frank Farian und Franz Reuther?

(lacht) Natürlich. Aber nicht musikalisch. Niemand in der Familie ruft mich Frank, ich heiße ja Franz. Das ist dann familiär, und im Business ist es eben Frank Farian.

War es damals eine bewusste Entscheidung, das unter "Frank Farian" weiterlaufen zu lassen?

Ja. Den Namen gibt es seit 1961. Stellen sie sich mal einen Franz Reuther mit silbernem Anzug auf der Bühne vor, der Rock'n'Roll macht. Da lachen doch alle Leute! Es gab diesen berühmten Sänger Fabian, und ich habe dann aus dem "b" ein "r" gemacht. Es musste nach Rock'n'Roll klingen.

1985 - nach zehn Jahren - kam das letzte Album von Boney M. Vielleicht ist es Zufall, aber wenn man sich die letzten Albumcovers anschaut, verschwindet die Band. Auf "Boonoonoonoos" sind sie als Silhouetten zu sehen, auf "Ten Thousand Lightyears" lösen sie sich quasi Richtung Weltall auf, und auf "Eye Dance" sind die eigentlich gar nicht mehr drauf.

(lacht) Die Leidenschaft und auch die Kreativität haben nachgelassen. Es gab viele Streitigkeiten, da verliert man schnell die Lust. Wenn die Leidenschaft nicht mehr da ist, sollte man Schluss machen.

Gab es da einen ganz speziellen Punkt, an dem Sie gemerkt haben, dass es vorbei ist?

Nein, das war ein Prozess. Es war ja mein Baby. Und wenn es immer weiter wächst und einem entgleitet, dann lässt man es irgendwann los.

Aber es ist quasi zurückgekommen.

Das war wieder ein langer Prozess. Wenn man dann merkt, wie sehr die Leute weltweit diese Musik lieben, dann kommt die Energie zurück. Und die Leute lieben die Nostalgie, die klassische Rockmusik, die klassische Discomusik.

Sind die Streitigkeiten und rechtlichen Kämpfe alle erledigt?

Es gibt ja nur noch drei Mitglieder. Bobby Farrell ist vor zwei Jahren verstorben, und alle Mitglieder erinnern sich jetzt nur noch an die guten Momente. Die schlechten Momente sind in den Hintergrund getreten. Und dann sieht man das Ganze etwas positiver. Aber im Grunde genommen ist die Sache beendet.

Es kommt doch ein neues Album.

Ja. Mit "Boney M. & Friends" wird es ein neues Album geben, und das wird mit Sicherheit das letzte sein.

Sie haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Bobby Farrell Playback sang. Warum hat das bei Boney M. niemanden gekratzt, während es zehn Jahre später Milli Vanilli angekreidet wurde, obwohl es das gleiche Prinzip dahinter war?

Es war nicht das gleiche Prinzip. Wir wollten ja eigentlich nur ein Tanzvideo zu "Girl You Know It's True" machen, dann hat sich das Ganze ein wenig verselbständigt. Das große Problem war, dass das Lied in Amerika ein Hit wurde - und dann war klar, dass es irgendwann abstürzt. Wenn man im Studio steht, macht man manchmal etwas, ohne einen Plan zu haben. So war das bei Milli Vanilli.

Hat es Sie überrascht, wie sehr die Leute das damals geärgert hat, wie stark die Reaktionen waren?

Ja, die Aggressivität hat mich überrascht. Man hat in Amerika ein paar hundert Platten auf die Straße gelegt und ist mit dem Bulldozer drübergefahren. (lacht) Aber die meisten sagen: Das war genial, das war wunderbare Musik, und - das darf man nicht vergessen – nach dem Skandal haben wir noch eine Million extra verkauft in Amerika.

Wenn Sie jetzt auf die ganze Geschichte von Boney M. zurückblicken, gibt es da etwas, was Sie heute anders machen würden?

Wenn wir heute wieder da stehen würden, hätten gute Ideen, die Leidenschaft und drei gute Mädels und einen Tänzer, würde ich alles genauso wiederholen. Es war eine unglaubliche Zeit und vor allem eine unglaublich erfolgreiche Zeit. Wir waren Freunde über Jahre hinweg, und alle haben gesagt: Frank, du bist der Boss, du bestimmst die Richtung und wir folgen dir. Das war ein wunderschönes Gefühl, und da kann man nicht sagen: Ich würde es heute anders machen. Niemals.

Sie sind 74. Nehmen wir an, der junge Franz Reuther würde heute bei Ihnen im Studio auftauchen. Was würden Sie ihm empfehlen?

Es gibt Künstler, die sich anbieten, und ich sage: Verfolge deine Idee und mach deine Musik, und auch, wenn viele Leute sagen, du hast keine Chance, mach und glaub an deine Sache. Das ist ganz wichtig. Das sage ich vielen jungen Musikern. Aber ob ich ihn heute produzieren würde - einen jungen Mann, der ein bisschen Rock'n'Roll macht... Heute hat jeder kleine Künstler ein Studio, einen Computer und kann selbst produzieren. Wenn ein junger Franz Reuther ins Studio käme, würde ich ihm einen guten Rat geben. Ob ich ihn produzieren würde, weiß ich nicht.

Sie haben bestimmt noch andere Projekte in der Mache außer dem neuen Boney-M.-Album oder?

Wir haben eine junge Rockgruppe. Sehr gutes Image und vor allem eine fantastische Sängerin. Sie ist 15 und hat aber eine Stimme, da denkt man, sie ist 30. Sehr, sehr, sehr, sehr gut. Da legen wir unseren Fokus drauf. Wir hoffen, dass wir bis Ende des Jahres das Album fertig haben und dann 2016 loslegen können. Davon erhoffe ich mir einiges - und vor allen Dingen ist es einfach geil, mit so einer Band zu arbeiten, die schon seit zwei Jahren auf der Bühne steht.

Wie heißt die Band?

Wir suchen einen neuen Namen. Der jetzige Name gefällt mir nicht, da suchen wir noch. Da wollen wir nicht den falschen Namen bekannt geben.

Es sind ja nicht nur 40 Jahre Boney M., sondern auch viele andere Projekte und die ganze Zeit davor - da haben sich ja sicher eine Menge Geschichten angesammelt. Haben Sie darüber nachgedacht, das niederzuschreiben und ein Buch zu veröffentlichen?

Schon sehr lange. Ich habe viel zu erzählen, und manchmal sind es ganz unglaubliche und auch lustige Geschichten. Es wird ein Buch geben über Frank Farian, nächstes oder übernächstes Jahr. Wenn der Film 2017 käme, dann würde auch das Buch zum Film veröffentlicht werden.

Wie wichtig ist Ihnen Anerkennung, abgesehen von Verkaufszahlen?

Anerkennung ist manchmal mehr wert als Geld. Anerkennung macht zufrieden. Jahrelang wurde ich als Schlagersänger immer belächelt. Man hat mich spüren lassen: Das ist der Saarländer, der es nicht fertigbringt, einen richtigen Hit auf die Beine zu stellen. Als dann der große Hit kam, "Rocky", und anschließend noch ein weltweiter Nummer-eins-Hit, "Daddy Cool" und Boney M.: Da war die Anerkennung da, und das hat mich unglaublich befriedigt.

Wenn wir noch zehn oder 20 Jahre vorausdenken: Was ist das Vermächtnis von Boney M.?

Boney M. ist ein Evergreen und die Songs sowieso. Sie werden in der Pop-Geschichte einen Top-20-Platz einnehmen weltweit, da bin ich mir ganz sicher.

Frank Farian wurde 1941 in Kirn in der Rheinland-Pfalz geboren und hatte 1976 mit dem Song "Rocky" seinen ersten Nummer-1-Hit. Als Produzent betreute er nicht nur Boney M., sondern auch Eruption, Precious Wilson, Gilla, Benny und Bruce Low. In den 1980ern arbeitete er mit Meat Loaf zusammen und startete die Rockband Far Corporation. Nach dem Erfolg und Niedergang von Milli Vanilli konnte er in den Neunzigern mit La Bouche und No Mercy weitere Erfolge feiern. 2006 arbeitete er am Boney-M.-Musical "Daddy Cool". Farian lebt heute in Miami, wo er an neuen Projekten arbeitet.