An zu viel Ruhm in jungen Jahren sind schon viele Kinderstars zerbrochen. Andere mussten schneller erwachsen werden, als ihnen lieb war. Ein Schicksal, das auch "Stranger Things"-Star Millie Bobby Brown ereilen könnte? Zumindest werden die besorgten Stimmen lauter.

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Gerade erst ist Millie Bobby Brown vom "Time Magazine" unter die 100 einflussreichsten Personen der Welt gewählt worden - als jüngster Mensch bisher und neben Künstlern wie Nicole Kidman, Hugh Jackman und Gal Gadot.

Die 14-Jährige fasziniert - und polarisiert. Bei der Staffel-Premiere der Netflix-Serie "Stranger Things" vergangenen Herbst wirkte sie neben ihren gleichaltrigen Co-Stars mindestens zehn Jahre älter: Sie erschien in einem Lack- und Leder-Ensemble mit Perücke und reichlich Make-up, was von Fans und Beobachtern teils besorgt kommentiert wurde.

Neben ihren Co-Stars aus "Stranger Things" wirkt Millie Bobby Brown mindestens zehn Jahre älter.

Gibt es Grund, sich Sorgen um die Schauspielerin zu machen?

Durchaus, urteilt Psychiater Borwin Bandelow. Der 66-Jährige hat sich intensiv mit den Schicksalen von Kinderstars auseinandergesetzt. Er ist davon überzeugt, dass man sich im Grunde um fast jeden Star sorgen muss.

Bandelow: Ohne Narzissmus wird man kein Star

Um wirklich berühmt zu werden, brauche man einen gewissen Narzissmus, ist Bandelow überzeugt. "Man kann ein Kind, das überhaupt keine narzisstischen Eigenschaften hat, nicht dazu zwingen, ein Star zu werden", sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Primär gehe es darum, Aufmerksamkeit zu erzwingen, die man andernorts nicht bekomme. Kinderstars lernten schon in frühen Jahren, "welche Knöpfe sie drücken müssen und brauchen diese Aufmerksamkeit mehr als andere".

Auf der anderen Seite stünden Eltern, die diese Entwicklung aktiv förderten. "Diese beiden Sachen kommen zusammen: So entsteht ein Kinderstar."

Das Kind als Projektionsfläche - für Fans, aber auch für die Eltern

Die Rolle der Eltern ist auch laut Petra Jagow ganz entscheidend. Die 55-Jährige ist Diplompsychologin und Coach.

"Es gibt zwei mögliche Fälle: Entweder triezen die Eltern das Kind. Oder sie beschützen es", sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Wenn das Kind von sich aus den Wunsch äußere, sich auszuprobieren, könne das zu wertvollen Erfahrungen führen.

Im ungünstigsten Fall sehen Eltern die Kinder jedoch als Projektionsfläche nach dem Motto: Sind wir nicht toll, weil wir so ein tolles Kind in die Welt gesetzt haben? Das Kind ist unter Umständen gar nicht so motiviert, berühmt zu werden. Die Eltern sehen jedoch die Einnahmequelle - "die Möglichkeit, das Kind auszubeuten", konkretisiert Jagow.

Vor "Stranger Things" stand die Familie vor dem Bankrott

Bei Millie Bobby Brown nimmt die Familie in ihrer Karriere einen immensen Stellenwert ein: Als sie sieben Jahre alt war, verkauften die Eltern ihren gesamten Besitz und zogen von Großbritannien nach Florida, um der Tochter eine Karriere als Schauspielerin zu ermöglichen.

"Die Eltern haben hier maximalen Aufwand betrieben und sind ein Risiko eingegangen: Das spricht dafür, dass auch bei den Eltern dieser Ehrgeiz und Geltungsdrang vorgelegen hat", argumentiert Psychiater Bandelow.

Brown bekam kleine Gastrollen in "Grey's Anatomy" oder "Intruders - Die Eindringlinge", doch der große Erfolg blieb aus. Die Familie stand vor dem Ruin, als die damals elfjährige Millie die Rolle der "Eleven" (in der deutschen Übersetzung "Elf") in "Stranger Things" ergatterte.

"Unglaublicher Druck" - auf eine damals Elfjährige

Für Brown müsse das ein "unglaublicher Druck" gewesen sein, schätzt Diplompsychologin Jagow. "Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die Verantwortung für das Einkommen einer Familie und für den Erfolg hängt nicht an einem Erwachsenen, sondern daran, dass das Kind Erfolg hat."

Kindliche Unbefangenheit sei gar nicht mehr möglich, "wenn man weiß: 'Ich darf nicht scheitern.'" Browns Eltern hätten ihr "zumindest nicht mehr ermöglicht, Kind zu sein. Das Wohl und Weh der Familie hing davon ab, dass das klappt. Und es ist ja auch Spitz auf Knopf ausgegangen."

Heute stellt sich die gesamte Familie in den Dienst von Millie Bobby Browns Karriere: Ihr Vater kümmert sich um die Verträge, ihre älteren Geschwister managen ihre Social-Media-Auftritte.

Das Produkt: Lolita

Gerade ihr Auftreten ist es, das mit das größte Befremden auslöst: In Interviews wirkt Brown bisweilen übertrieben, so als würde sie eine Frau spielen, die sie noch nicht ist.

Auf so manchem Titelblatt posierte sie mit lasziv geöffnetem Mund, wird von ihrem Stylisten Thomas Carter Phillips inszeniert wie eine Erwachsene.

Petra Jagow rät jedoch zur Vorsicht: "Was hier inszeniert wird, ist nicht das 14-jährige Mädchen, sondern das Produkt. Das ist der Marktwert."

Das sei weniger Teil von Browns Persönlichkeit, sondern der Zeitgeist. "Wir leben in einer Zeit der perfekten Bilder. Wer nicht auf Instagram gekonnt inszeniert ist, der kommt auch nicht vor."

Von außen sei schwer zu beurteilen, was dahinterstecke: "Möglicherweise bedient sie etwas, was ihr nicht gefällt, von dem sie aber weiß, das ist Teil der Vermarktung", erläutert die Psychologin. "Es kann aber auch sein, dass sie sehr stabil ist und das trennen kann: 'Das ist mein öffentliches Image - und da drin bin ich.'" Das müsse sich über die Zeit zeigen.

Aufwachsen unter den Augen der Öffentlichkeit

Sogar Browns erste Beziehung zu Popsänger Jacob Sartorius (15) spielt sich vor den Augen der Öffentlichkeit ab - auch weil sie und Sartorius diese auf Instagram selbst thematisieren.

Teils schlägt der 14-Jährigen in sozialen Medien blanker Hass entgegen. Auf Twitter kursierten Berichten zufolge homophobe Memes mit Brown, worauf sie ihr Konto Mitte Juni zwischenzeitlich stilllegte. Aktuell datiert der letzte Eintrag vom Dezember 2017.

David Harbour, Browns Co-Star aus "Stranger Things" (Chief Jim Hopper), ließ kürzlich mit einer Aussage aufhorchen. "Sie befindet sich im Kreuzfeuer von etwas extrem Gefährlichem, und anscheinend kümmert das niemanden", sagte Harbour in einem Interview. "Ich glaube, es ist sehr schwer, so früh so berühmt zu sein, wenn sich das Gehirn noch entwickelt. Ich hoffe, sie bekommt die Unterstützung, die sie braucht."

Wer die Kurve nicht kriegt, scheitert

Ob aus einem Kinderstar ein gesunder Erwachsener wird, hängt maßgeblich von seiner Persönlichkeitsentwicklung ab. Und auch die Rahmenbedingungen müssen passen.

Es sei als Promi zwar nicht ganz einfach, in einen "normalen" Beruf zu wechseln, "aber es geht", weiß Coach Petra Jagow. Wer aber nur seine Berühmtheit und weder Schulabschluss noch Ausbildung habe, stehe vor einem Problem.

Die erste Variante "Heintje": Man bleibt auch als erwachsener Kinderstar sehr kindlich. Oder man verzweifelt, weil man immer noch als der ehemalige Kinderstar wahrgenommen wird. Einen Imagewechsel, wie er "Harry Potter"-Star Emma Watson gelungen ist, "kriegen viele nicht hin", urteilt Jagow.

Die dritte Variante: "Da ist nichts und ich bin auch nicht mehr niedlich." Man stürzt ab wie Macaulay Culkin oder Britney Spears.

"Für einen Narzissten ist es Gift, wenn er einen Abstieg erleben muss" erläutert Psychiater Borwin Bandelow. "Und einen Abstieg mit 55 Jahren zu verkraften, ist viel einfacher als mit 18 Jahren."

Der Abstieg komme aber unweigerlich, "denn ein erwachsener Kinderstar ist kein Kinderstar mehr. Die Aufmerksamkeit wird ständig weniger, andere sind gefragter, es kommen keine Rollen mehr, sie fallen in ein tiefes Loch".

Gerade Normalität sei es, an der es Kinderstars später fehle, analysiert Jagow. "Denn ab dem Zeitpunkt, in dem sie prominent sind, tendiert der Ausschnitt von Menschen, die unbefangen mit ihnen umgehen, gegen null."

Es brauche auch Freunde, "die sich trauen zu sagen, 'Hey, das lassen wir dir nicht durchgehen, da kannst du dreimal berühmt sein!'." Sonst gebe es keine Möglichkeit zu beurteilen: "Behandeln die mich gut, weil ich prominent bin, oder mögen die mich?"

Millie Bobby Brown rät die Expertin, "eine Auszeit zu nehmen, bevor vielleicht ihr Körper ihr eine verordnet. Dass sie mal Luft holen und diese ganze Maschine, die sie da am Laufen hält, verlassen kann." Auch ein Kinderstar wie Brown brauche Urlaub, idealerweise "unabhängig von ihrer Familie, mit Gleichaltrigen, die nicht wissen, wer sie ist. Damit sie zu sich zurückkommt".