• US-Unternehmen wie Google und Facebook wollen ihren Mitarbeitern im Homeoffice das Gehalt kürzen.
  • Auch in der Schweiz wird ein solches Vorgehen bereits diskutiert.
  • Könnte das Modell auch in Deutschland funktionieren?

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In Ruhe ausschlafen, kein lästiger Stau auf dem Arbeitsweg, dafür entspanntes Arbeiten in vertrauter Umgebung – in der Pandemie haben viele Angestellte die Vorteile des Homeoffice für sich entdeckt. In den USA sorgt nun aber ein Gehaltsmodell für Aufsehen, das vielen Nachteile bringen könnte, die im Homeoffice arbeiten.

Tech-Giganten wie Facebook und Twitter bezahlen ihren Angestellten weniger Geld, wenn diese dauerhaft im Homeoffice arbeiten. Mit Google will das nächste Unternehmen das Modell einführen. Dabei wird das Gehalt an den jeweiligen Standort angepasst, unterscheidet sich also je nach Wohnort und Bundesstaat.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte Einblick in einen firmeninternen Lohnrechner bei Google erhalten. Damit können Angestellte des Unternehmens kalkulieren, wie sehr sie von eventuellen Kürzungen betroffen sind. Vor allem könnte es jene treffen, die bisher lange Anfahrtswege zum Firmenoffice in Kauf nehmen mussten.

Verdi-Vertreter fordert gleichen Lohn für gleiche Arbeit

Florian Haggenmiller von der Gewerkschaft Verdi kennt die Diskussion auch von den Ballungsräumen hierzulande. "Aber Wohnraum darf nicht entscheidend sein für das Entgelt", betont er im Gespräch mit unserer Redaktion. Noch gebe es seines Wissens keine Bestrebungen, Gehälter im Homeoffice auch in Deutschland zu kürzen. "Aber wir können uns vorstellen, dass es Arbeitgeber gibt, die über solche Modelle nachdenken."

Haggenmiller hat eine klare Position dazu: "Wir befürworten das überhaupt nicht. In den Tarifverträgen, die wir abschließen, beziehen wir solche Regularien nicht ein. Wir halten das für völlig falsch. Unser ganz klares Motto ist: 'Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.' Dann ist es auch egal, welcher Arbeitsplatz."

Aber können sich Arbeitnehmer hierzulande überhaupt vorstellen, im Homeoffice zu bleiben und weniger zu verdienen? Das hat das Meinungsforschungsinstitut Civey 1.156 Menschen für unsere Redaktion gefragt. Die für Deutschland repräsentativen Ergebnisse sind eindeutig: Rund 80 Prozent der Befragten wären nicht bereit, auf Geld zu verzichten, um dauerhaft im Homeoffice arbeiten zu können.

In den USA locken vor allem die günstigeren Lebenshaltungskosten viele Remote-Worker in den USA weg von den großen Ballungsräumen. Doch dieser Vorteil könnte nun dahinschmelzen. Reuters zeigt das Beispiel einer Google-Mitarbeiterin, die in Stamford, Connecticut lebt. Der Ort ist etwa eine Zugstunde von New York City und dem dortigen Office von Google entfernt. Laut dem Google-Gehaltsrechner würde die Frau 15 Prozent weniger verdienen, wenn sie im Homeoffice bleibt.

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Homeoffice kann Google-Angestellte bis zu 25 Prozent des Gehalts kosten

Angestellte, die aus San Francisco in das Gebiet um den Lake Tahoe ziehen, könnten sogar bis zu 25 Prozent einbüßen. Und das, obwohl die Lebenshaltungskosten dort kaum geringer sind als in der Pazifik-Metropole. Wer in Großstädten wie New York wohnt und von dort aus dem Homeoffice arbeitet, soll wiederum keine Gehaltseinbußen erleiden, wie ein Google-Vertreter betont.

Florian Haggenmiller hält die Argumentation nicht für logisch. "Wo ziehen sie die Grenze?", fragt der Gewerkschaftsvertreter und illustriert seine Argumentation anhand seiner eigenen Lebenssituation: "Ich wohne im süddeutschen Raum, am Alpenrand, aber dieses Gebiet ist trotzdem so teuer wie die Großstädte München oder Stuttgart."

Auch in der Schweiz wird über alternative Bezahlung im Homeoffice nachgedacht, wie das Blatt "20 Minuten" berichtet. Allerdings sollen Gehälter nicht gekürzt werden, sondern mit Prämien oder Boni Anreize geschaffen werden, im Büro zu arbeiten.

Google kein Vorbild? Deutschland mit Trend zum Homeoffice

"Ich kann mir durchaus vorstellen, dass so etwas als Instrument genutzt wird, um Homeoffice weniger attraktiv zu gestalten", sagt Florian Haggenmiller. "In den Bereichen, in denen wir Tarifverträge abschließen, haben wir jedoch gute Hebel, um das zu verhindern."

Haggenmiller wundert sich über die Initiative von Google. "Ich stelle bei uns einen umgekehrten Trend fest", sagt Haggenmiller. "Unternehmen versuchen, Flächen abzumieten und sich massiv zu verkleinern. Man will zum Beispiel nur noch ein, zwei Tage Anwesenheit im Büro haben. Deshalb wird Homeoffice dann gefördert."


Allerdings weiß Haggenmiller, dass sich auch hierzulande die Situation schnell ändern kann: "Generell gibt es keine Sau, bei der ich mir nicht vorstellen kann, dass sie durchs Dorf getrieben wird. Wichtig ist uns von Verdi, dass Beschäftigte gute Arbeitsbedingungen, wo auch immer Arbeit verrichtet wird, vorfinden."

In den USA zeigen die Maßnahmen bereits Wirkung. Reuters berichtet von einem Google-Mitarbeiter, der anonym bleiben wollte. Ursprünglich hatte dieser mit dem Gedanken gespielt, im Homeoffice zu arbeiten. Nun habe er sich dagegen entschieden und nehme lieber zwei Stunden tägliches Pendeln auf sich. Er habe nicht all die harte Arbeit geleistet, um befördert zu werden und dann eine Gehaltskürzung hinzunehmen.

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Über den Experten: Florian Haggenmiller ist Leiter der Bundesfachgruppen Telekommunikation und IT/DV bei der Gewerkschaft Verdi.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Florian Haggenmiller
  • Reuters.com: Pay cut: Google employees who work from home could lose money
  • 20min.ch: Jetzt drohen Homeoffice-Angestellten Lohnkürzungen
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