• Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens, Schulschließungen, Quarantäneregeln: Diese Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind für die Menschheit nicht neu.
  • Auch zu Zeiten der Pest und der Spanischen Grippe gab es strenge Lockdowns.
  • Die damaligen Regeln erinnern stark an die aktuellen, aber es gibt auch Unterschiede.

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Eine Seuche bricht aus und breitet sich innerhalb kurzer Zeit über mehrere Länder und Kontinente aus. Weil zahlreiche Menschen an der Krankheit sterben, sollen weitere Ansteckungen vermieden werden. Dazu werden Patienten isoliert, Veranstaltungen abgesagt, Bewohner sollen ihre Häuser möglichst nur zum Einkaufen verlassen.

Diese Regeln wurden den Menschen im 16. Jahrhundert in Italien auferlegt. Ein italienischer Arzt wollte die Pest eindämmen – mit Maßnahmen, die den aktuellen Corona-Einschränkungen auffällig ähnlich sind. Auch zur Zeit der letzten gewaltigen Pandemie, der Spanischen Grippe, gab es vergleichbare Regeln. Das ist kein Zufall.

Gesundheitspolitik entstand in der Pestwelle während der frühen Neuzeit

Das heutige Vorgehen gegen eine Ausbreitung von COVID-19 orientiert sich an den Maßnahmen, die während der Pestwelle in der frühen Neuzeit getroffen wurden.

Im 14. Jahrhundert breitete sich die Krankheit in Italien aus. Schätzungen zufolge ist zwischen 1347 und 1357 ein Drittel der europäischen Bevölkerung an der Pest gestorben. In den nächsten Jahrhunderten suchten weitere Pestwellen Teile der Welt heim.

Aufgrund der enormen Bedrohung der öffentlichen Gesundheit nahmen die politischen Obrigkeiten das Vorgehen gegen die Seuche in ihre Hände. "Frühe Mediziner hat es bereits in der Bronzezeit gegeben", sagt Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven. Er ist Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Erlangen-Nürnberg, Seuchengeschichte zählt zu seinen Forschungsschwerpunkten. "Aber erst in der Auseinandersetzung mit der Pest hat die Gesundheitspolitik begonnen." Damit wurde die Eindämmung der Krankheit erstmals in der Geschichte zur Staatsaufgabe.

Menschen durften ihre Häuser nur zum Einkaufen verlassen

Auch damals wurde eine Art Lockdown verhängt, der das öffentliche Leben zum Stillstand brachte. Der italienische Arzt Quinto Tiberio Angelerio (geb. 1532, gestorben 1617) stellte für die sardische Küstenstadt Alghero laut "National Center for Biotechnology Information" 57 Regeln auf. Er hatte vorher in der sizilianischen Stadt Messina praktiziert und das dortige Vorgehen gegen die Pest beobachten können.

Angelerio legte den Handel mit Menschen außerhalb Algheros lahm, indem er eine dreifache Absperrung entlang der Stadtmauer errichten ließ. Weiterhin bestimmte er, dass nur ein Mensch pro Haushalt das Haus verlassen durfte und auch nur zum Einkaufen.

Beim Abstandhalten während der Pest-Pandemie half ein Stock

Private Treffen und Veranstaltungen waren verboten, stattdessen wurde Abstandhalten zum Gebot. Um anderen nicht zu nahezukommen, sollten Menschen einen knapp zwei Meter langen Stock als Orientierungshilfe bei sich tragen.

Die Bürger sollten ihre Häuser und Kleidung reinigen und desinfizieren, beispielsweise durch Hitze im Ofen, und billige Möbel sollten sie gleich verbrennen. Außerdem wurde regelmäßiges Lüften der Räume vorgeschrieben und die Luft in der Stadt sollte – gemäß damaligem Wissen – durch das Abfeuern von Kanonenkugeln gesäubert werden.

Nachbarn verrieten sich gegenseitig beim Missachten der Regeln

Infizierte wurden in eigens dafür eingerichteten Krankenstationen isoliert und für Menschen, die Kontakt zu Erkrankten hatten, galt eine strenge Ausgangsbeschränkung. Wachleute bewachten Kranke und Kontaktpersonen, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten.

Die verseuchten Häuser, vor denen sie standen, wurden mit einem roten Kreuz markiert und wer eine neue Pest-Infektion nicht nach spätestens sechs Stunden meldete, wurde bestraft. Weiterhin sollten die Stadtbewohner es melden, falls sich jemand den Regeln widersetzte, sie bekamen dafür sogar Geld.

Ärzte wie Angelerio konnten die Ansteckungen damals nicht medizinisch erklären. Sie wussten lediglich, dass die Pest ansteckend war und vermuteten, dass dies mit mangelnder Hygiene zusammenhing, mit Gestank, Unrat und Fäulnis.

Damit griffen sie eine Idee aus dem Mittelalter auf, in Wahrheit jedoch wurde die sogenannte Rattenpest durch die im Fell der Nager lebenden Flöhe übertragen oder durch Flöhe, die zwischen Menschen wanderten.

Masken sollten Tröpfcheninfektionen mit der Spanischen Grippe verhindern

Nichtdestotrotz: Die damaligen Mutmaßungen über Ansteckungen führten dazu, dass sich Angelerios Maßnahmen als effektiv erwiesen. Heute betrachtet die Wissenschaft das Vorgehen des italienischen Arztes als äußerst erfolgreich, auch weil Forschende einige seiner Erkenntnisse inzwischen wissenschaftlich belegen können. "Deswegen wurde vieles davon heute neu aufgegriffen", sagt Leven.

Und auch während der Spanischen Grippe zwischen 1918 und 1920 wurden ähnliche Regeln aufgestellt: Schulen und Vergnügungsstätten wurden geschlossen und die Menschen sollten Masken tragen. Im Gegensatz zur Pest, die als Infektionskrankheit durch Bakterien übertragen wird, ist die Spanische Grippe als Viruserkrankung medizinisch mit COVID-19 vergleichbar. Der Erreger befällt ebenfalls primär die Atemwege, daher sollten Tröpfcheninfektionen damals auch durch Mund-Nasen-Bedeckungen verhindert werden.

Viruserkrankung vor 100 Jahren war tödlicher als der Corona-Erreger

Insgesamt seien den Bürgern damals die Eindämmungsregeln aber weder konsequent noch über einen längeren Zeitraum auferlegt worden, sagt Leven. Hier besteht also ein Unterschied zum Vorgehen in der Corona-Pandemie. So starben allein zwischen Herbst 1918 und Frühjahr 1919 in Deutschland 300.000 Menschen an der Spanischen Grippe. "Die Menschen waren so traumatisiert durch den Krieg, sie haben das Sterben hingenommen."

Die Krankheit wurde nicht als existenzielle Bedrohung gesehen, die Pest hingegen schon – und heute gilt das Coronavirus als Gefahr für die öffentliche Gesundheit. "Im Vergleich war die Spanische Grippe aber tödlicher als Corona", sagt Leven. Als sie sich vor rund 100 Jahren kurz nach dem Ersten Weltkrieg auf der ganzen Welt ausbreitete, starben vor allem junge, fitte Menschen.

Ausgezehrte Menschen überstanden die Spanische Grippe paradoxerweise

Was widersprüchlich klingt, erklärt der Wissenschaftler so: "Gesunde und gut ernährte Körper haben auf das Virus mit einer Immunüberreaktion geantwortet und nicht überlebt." Jemand, der ausgezehrt vom Krieg war, hatte dafür keine Reserven, daher wurde die deutsche Bevölkerung am wenigsten von der Spanischen Grippe heimgesucht.

Im Unterschied dazu und zur Pest-Pandemie sei heute glücklicherweise eine medizinische Behandlung möglich, sagt Leven. "Dafür stehen 25.000 Intensivbetten zur Verfügung, das ist enorm." Außerdem stand rund ein Jahr nach Ausbruch von COVID-19 ein Impfstoff zur Verfügung – so schnell, wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Über den Experten: Prof. Dr. Karl-Heinz Leven ist Medizinhistoriker und Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Seuchengeschichte.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Prof. Dr. Karl-Heinz Leven
  • National Center for Biotechnology Information: Bianucci, Raffaella et al. (2013): Quinto Tiberio Angelerio and New Measures for Controlling Plague in 16th-Century Alghero, Sardinia.
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