Was wäre gewesen, wenn die Mauer nie gefallen wäre? Wie sähen dann Deutschland und Europa heute aus? Und was bringen uns solche Gedankenspiele zum Verständnis der geschichtlichen Ereignisse im November 1989? Diese und weitere Fragen beantwortet uns der Zukunftsforscher und Alternativhistoriker Dr. Karlheinz Steinmüller im Interview.

"Was wäre gewesen, wenn ein bestimmtes historisches Ereignis nicht passiert wäre?" Mit dieser Frage beschäftigt sich die alternative Geschichtsforschung. Die spekulative Herangehensweise an die Geschichte soll zeigen, wie einzelne Ereignisse die Weltgeschichte beeinflusst haben. Auf der anderen Seite bietet sie die Möglichkeit zu zeigen, inwiefern bestimmte historische Entwicklungen unabhängig von einem Einzelereignis ohnehin eingetreten wären, erklärt Steinmüller. Die Alternative Geschichtsforschung oder kontrafaktische Geschichte soll damit auf "Mega-Trends" hinweisen, die auch durch einzelne Ereignisse auf keinen Fall verhindert worden wären.

Wie hat sich Deutschland in den letzten 25 Jahren verändert?

Im Interview mit unserem Portal erklärt Steinmüller, welche Ereignisse und Ursachen zum Fall der Mauer geführt haben, wieso Deutschland in die Wiedervereinigung hineingerutscht ist - und warum alles auch anders hätte kommen können.

Herr Steinmüller, in den 1980er-Jahren, selbst noch 1988 war das Ende der DDR kaum abzusehen. Wieso ging es plötzlich doch so schnell?

Dr. Karlheinz Steinmüller: Damals hat sich plötzlich ein Fenster der Möglichkeiten geöffnet. Das bestand vor allem in der wirtschaftlichen und politischen Schwäche der Sowjetunion. Die Sowjetunion konnte nicht mehr wie bisher ihre Macht über die osteuropäischen Staaten ausüben. Zudem war auch die wirtschaftliche Lage in der DDR so schlecht, dass sich die Bevölkerung endgültig von dem System verabschiedet hatte. In den 1980er-Jahren herrschte entgegen der offiziellen Propaganda eine Atmosphäre des Niedergangs. Selbst dem kleinen Teil der Bevölkerung, der die DDR getragen hatte, wurde nach und nach klar, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Selbst SED-Genossen warteten eigentlich nur noch den 40. Jahrestag der DDR ab – und hofften auf Veränderungen danach. Es entstand eine Situation, in der die Masse der Bevölkerung nicht mehr so wollte wie bisher – und die Herrschenden nicht mehr so konnten wie bisher.

Gerade bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig hätte die Lage eskalieren können.

Das stimmt. Wobei man sagen muss, dass die immer stärker werdende Oppositionsbewegung absolut auf friedliche Veränderungen hingearbeitet hat, was sich später in dem Ruf "keine Gewalt" ausgedrückt hat. Dennoch bestand die Gefahr, dass die DDR-Führung zu einer chinesischen Lösung – also dem blutigen Niederschlagen der Demonstrationen - hätte greifen können. Dazu ist es zum Glück nicht gekommen. Die Geschichte sähe sonst anders aus.

Plauen demonstriert für Freiheit

In der sächsischen Stadt nahmen die Proteste gegen die DDR-Führung ihren Anfang. © 1&1 Mail & Media

Was verhinderte die Eskalation?

Einerseits, dass sich die Opposition und die Demonstranten so friedlich verhalten und auch jede Provokation verhindert haben. Andererseits war die DDR-Führung in den entscheidenden Tagen wie paralysiert, unfähig zu entscheiden. Da kamen also mehrere - im Nachhinein glückliche - Umstände zusammen.

Einen alternativen Verlauf der Geschichte haben sie schon genannt – das gewaltsame Niederschlagen der Proteste. Was stand noch im Raum?

Da muss man erst einmal zwischen sehr konkreten und eher abstrakten Alternativen unterscheiden. Abstrakt stand die Alternative im Raum, dass sich das DDR-System von selbst erneuert. Diese Idee haben vor allem vom Sozialismus geprägte Intellektuelle wie Christa Wolf vorgebracht. Ihnen ging es um einen Sozialismus ohne stalinistische Vorzeichen, also eine reformierte DDR ohne Unterdrückung, vielleicht sogar anknüpfend an einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" in der Art des Prager Frühlings von 1968. Dafür hätte es allerdings einen ostdeutschen Gorbatschow gebraucht. Man muss aber dagegenhalten, dass eine DDR ohne Mauer konkret kaum vorstellbar ist. Die wirtschaftlichen Bedingungen und die Perspektiven waren schlicht zu schlecht, um die Bürger ohne ein hartes Grenzregime im Land zu halten.

Sie sprechen jetzt von abstrakten Alternativen – also zugleich völlig unrealistischen Möglichkeiten, wie sich die Geschichte entwickeln hätte können?

Dr. Karlheinz Steinmüller lehrt an der Freien Universität Berlin.

Ja. Dafür muss man sich schon sehr spezifische und sehr unwahrscheinliche Voraussetzungen ausdenken. In der Literatur um alternative Geschichtsverläufe oder dem verwandten "Science Fiction"-Genre gibt es dazu einige Spekulationen: So hätte in der DDR eine neue Energietechnologie erfunden werden können, die die Abhängigkeit von Braunkohle und sowjetischem Erdöl hätte beenden und der DDR einen wirtschaftlichen Aufschwung verschaffen können. Und der Autor Karsten Kruschel schreibt in seinem Essay "Herrliche Zeiten", dass die DDR in den 1980er-Jahren eine riesige Goldader findet. So saniert sie ihre Wirtschaft und überflügelt sogar Westdeutschland und die Wiedervereinigung findet unter umgekehrten Vorzeichen statt.

Was kann die Geschichtsforschung aus solchen am Ende ja vollkommen frei erfundenen Geschichten lernen?

Zunächst einmal, dass man vordergründige und tiefere Ursachen unterscheiden muss. Die Alternative Geschichtsforschung fragt ja auch nach den großen Trends hinter den realen geschichtlichen Entwicklungen, um so die Ursachen für eine bestimmte Entwicklung zu finden. Bezogen auf die DDR heißt das: Vordergründig haben Repression und die miserablen wirtschaftlichen Bedingungen für ihr Ende gesorgt. Man kann hier nach den Ursachen hinter den Ursachen fragen: Das ist bezogen auf die DDR am Ende das SED-Regime.

Was bedeutet das?

Der Niedergang der DDR war kein Zufall. Die schlechte wirtschaftliche Situation wurde von dem Regime erst erzeugt – durch die Unterdrückung jeder privaten Initiative, sei es in der Gesellschaft, sei es in der Wirtschaft – insbesondere durch die allumfassende staatliche Planwirtschaft. Dem Individuum wurde nichts zugetraut, individuelle Initiativen wurden erstickt. Alles musste von den Parteigremien sanktioniert werden. Insofern war es eine strukturelle Unterlegenheit und nicht nur, dass die DDR ihre groß angekündigten Volkswirtschaftspläne nicht erfüllen konnte. Die Diktatur hat – um es so einfach zu sagen – verhindert, dass sich die Menschen und mit ihnen die Wirtschaft entfalten konnten.

Als Folge davon entstanden dann auch die Massenproteste.

Ja. Am Ende muss man sagen, dass die Bürger dadurch gleich zwei Gründe hatten, zu rebellieren. Einerseits die schlechte wirtschaftliche Lage, vor allem im Vergleich zur BRD, die man ja ständig vor Augen hatte. Zum anderen, dass die Unterdrückung selbst gespürt wurde. Die Rebellion dagegen drückte sich dann vor allem in der Forderung nach Reisefreiheit aus. So kam beides zusammen: die wirtschaftlichen und die politischen Gründe.

Gehen wir einmal sowohl den abstrakten als auch den konkreten Möglichkeiten nach. Wie sähe Europa heute ohne Mauerfall aus?

Europa wäre immer noch gespalten in West und Ost. Man kann sich überlegen, wie sich bei fortgesetzter Spaltung die ursprüngliche Europäische Gemeinschaft, also insbesondere Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland und die Benelux-Staaten entwickelt hätten. Wahrscheinlich ist hier eine tiefere Integration. Wie sich diese dann wieder organisiert hätte, ist eine neuerliche Spekulation. Möglich ist beispielsweise, dass es eine föderal organisierte westdeutsch-französische Union mit oder ohne Benelux-Staaten und vielleicht später weiteren Staaten gegeben hätte. Denkansätze dazu gab es auf jeden Fall. Dass Großbritannien sich ebenfalls angeschlossen hätte, ist hingegen nahezu ausgeschlossen – zumindest fallen mir keine Bedingungen ein, unter denen das auch nur als Spekulation möglich gewesen wäre.

Nun ist die Mauer im November 1989 gefallen. Deswegen war aber noch lange nicht klar, dass Deutschland ein Jahr wiedervereinigt sein würde.

Das stimmt. Auch hier sprechen wir von eher abstrakten Alternativen. Also dass es weiter zwei Staaten auf deutschem Boden gegeben hätte. Sowohl Westdeutschland als auch die Siegermächte aus dem Zweiten Weltkrieg hätten die Einheit bei den 4+2-Verhandlungen aktiv verhindern müssen. Dass die Einheit zustande kam, ist auf den Wunsch der ostdeutschen Bevölkerung zurückzuführen – und nicht auf ein politisches Kalkül. Und dieser Wunsch hat – zum Glück – genau das Fenster der Möglichkeit getroffen, das 1990 bestand.

Was kann der Historiker daraus mitnehmen?

Dass es einen Mangel an Alternativdenken gab. Wenn man sich die politischen Doktrinen der 1970er- und 1980er-Jahre ansieht, fällt auf, dass es ein Denken in konkreten Alternativen fehlte. Es gab kein Konzept für eine Wiedervereinigung, allenfalls eines für eine Annäherung von Ost und West. Obwohl die Wiedervereinigung im Grundgesetz stand, wurde sie immer weiter in die Zukunft hinausgeschoben, war eigentlich nur eine eher unrealistisch erscheinende, blasse Möglichkeit. Und wenn man sie gedacht hat, dann immer unter der Prämisse, dass ein vereinigtes Deutschland hätte neutral sein müssen. Dabei galt es als absolut unrealistisch, dass die Siegermächte dem zugestimmt hätten. Hier zeigt sich, dass sowohl die Zukunftsforscher damals als auch die Politiker unterschätzt haben, dass eines der beiden Systeme so marode werden könnte, dass es implodiert. Für einen solchen Fall haben dann auch keine Pläne existiert.

Das heißt, wir sind sozusagen in die Wiedervereinigung hineingerutscht?

Ja. Hier hat in den Jahrzehnten zuvor das "Alternativdenken" vollkommen versagt. Es bestand eine Verengung auf ganz wenige Möglichkeiten – sowohl im Osten als auch im Westen.

Woher kommt das?

Einerseits hatte man es sich eigentlich ganz gut im Status quo eingerichtet; selbst in der geteilten Stadt Berlin. Die, die doch über die Wiedervereinigung geredet haben, wurden meist als ewig Gestrige oder Revanchisten abgetan. Denn das entsprach nicht der damals vorherrschenden politischen Korrektheit. Außerdem gab es ja eine gewisse Annäherung – verbunden mit Erleichterungen beispielsweise im Reiseverkehr. Andererseits herrschte eine gewisse Angst vor einer neuerlichen zentralen Position Deutschlands. Leicht konnte man argumentieren: Deutschland könne und solle nicht neutral werden und einen "Sonderweg" beschreiten, weil das zu gefährlich sei; die Sowjetunion würde eine Wiedervereinigung ohnehin nicht zulassen; zwei Deutschlands seien besser als eines und so weiter. Solche Argumentationsmuster, die die existierenden Verhältnisse verteidigen, finden sich immer wieder. Es ist allerdings keineswegs so, dass wir mangelndes Denken in Alternativen nur bezogen auf die 1980er-Jahre und die Wiedervereinigung finden.

Inwiefern kann man das auch auf andere, aktuell schwelende Konflikte anwenden, beispielsweise auf Israel oder die Teilung von Nord- und Südkorea?

In Südkorea herrschen unterschwellig Befürchtungen nach dem Motto: "Für uns wäre eine Wiedervereinigung viel schwieriger, teurer, schlimmer als für Deutschland". Und daraus entstehen dann die eben angesprochenen Denkverweigerungen. Das gilt auch für den Nahen Osten, wo bestimmte Optionen wie die Zwei-Staaten-Lösung gerade in Israel kaum diskutierbar sind. Aber so weit ins Ausland muss man gar nicht schweifen. Das kann man auch auf Europa beziehen. Auch wir verdrängen einige Risiken.

Was verdrängt Europa heute?

Wir haben sehr viele wiederstrebende und auch gefährliche Tendenzen innerhalb der Europäischen Union. Beispielsweise existieren in mehreren Ländern populistische und zumeist rechtsextreme Parteien und Gruppierungen, die sich das Antlitz von sozialen Bewegungen, von Interessenvertretungen der kleinen Leute geben. Das sind häufig nationalistische Bewegungen, die an die 1920er-Jahre und den sich herausbildenden Nationalsozialismus erinnern. Da gibt es eindeutig ein Gefährdungspotenzial. Wenn man dazu bedenkt, wie es in vielen europäischen Ländern wirtschaftlich aussieht, dass die Hälfte der jungen Bevölkerung arbeitslos ist, da wundere ich mich schon, dass diese Staaten nicht längst hochgradig destabilisiert sind – nicht nur als Zukunftsforscher, sondern auch als politisch denkende Person. Denn nach der Erfahrung gilt: Wenn eine junge Generation mit einer hohen Arbeitslosigkeit kämpfen muss und langfristig schlechte Perspektiven vor sich sieht, dann stehen die Zeichen auf Revolution. Insofern verdrängen auch wir heute manche Risiken. Nicht, dass sich die schlimmsten Befürchtungen unbedingt verwirklichen müssen: Wir sollten aber über solche Szenarien nachdenken – auch, um uns um Probleme frühzeitig und viel stärker kümmern zu können.

Dr. Karlheinz Steinmüller, geboren 1950, ist Mitgründer und Wissenschaftlicher Direktor der Z_punkt GmbH The Foresight Company. Der private Think Tank mit Sitz in Köln arbeitet für namhafte deutsche und internationale Unternehmen, aber auch für öffentliche Auftraggeber. Steinmüller war nach dem Physik- und Philosophiestudium in Chemnitz und Berlin zuerst an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften mit der Modellierung von Ökosystemen befasst. In den 1980er-Jahren begann er gemeinsam mit seiner Frau Angela Steinmüller Science Fiction zu schreiben. Seit 1991 ist er in der Zukunftsforschung tätig. Er lehrt an der Freien Universität Berlin Foresight-Methoden.