Die Anstrengungen der Anti-Terror-Koalition konzentrieren sich auf die Bekämpfung des sogenannten "Islamischen Staats" (IS). Aber manche Experten meinen, dass die Al-Nusra-Front eine noch größere Gefahr darstellt - vor allem, weil sie sich intelligenter vernetzt habe und auf öffentlich zur Schau gestellte Grausamkeiten verzichte.

Die Al-Nusra-Front und der "Islamische Staat" haben eine gemeinsame Vergangenheit.

Die Nusra-Front ging im Jahr 2011 aus Mitgliedern von Al-Kaida im Irak und des Islamischen Staats im Irak hervor. Ihr gemeinsamer Anführer war Abu Bakr Al-Baghdadi, heute selbst ernannter Kalif und Oberhaupt des IS.

Mittlerweile sind die Gruppen verfeindet und haben sich zwischenzeitlich sogar heftig bekämpft.

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In der öffentlichen Wahrnehmung gilt der IS - unter anderem wegen der Anschläge in Europa - als die größte Bedrohung für westliche Länder. Doch nach Meinung einiger Experten ist die Gefahr durch die Al-Nusra-Front nicht zu unterschätzen. Erst jüngst hat eine Studie aus den USA diese These wieder untermauert.

Laut den Autoren von "Al Qaeda and ISIS: Existential threats to the US and Europe" (Al-Kaida und ISIS: Eine existenzielle Bedrohung für die USA und Europa) ist die Al-Nusra-Front vor allem gefährlich, weil sie über "ein weitreichendes Netzwerk mit lokalen Oppositionsgruppen" verfügt.

"In der Bevölkerung akzeptiert"

An diesem Netzwerk arbeitet die Al-Nusra-Front schon seit längerem; es garantiert ihr eine tiefe Verwurzelung in den oppositionellen Kreisen in Syrien, wie der Syrien-Experte Charles Lister sagt.

Anders als der IS sei die Al-Nusra-Front wegen ihres entschlossenen Kampfes gegen das syrische Regime und ihrer verhältnismäßig zurückhaltenden Durchsetzung der Scharia "bei oppositionellen Kräften immer noch sehr akzeptiert".

Auch europäische Fachleute schreiben der Al-Nusra-Front ein intelligenteres Vorgehen zu, als es der IS an den Tag legt. In einem Bericht der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) heißt es, die Al-Nusra-Front stehe für den Ansatz, "exzessive Gewalt zu vermeiden, die Bevölkerung zu gewinnen und mit anderen Aufständischen zusammenzuarbeiten".

Dazu gehörten zumindest in der Vergangenheit offenbar auch Rebellengruppen, die vom Westen unterstützt werden, wie Joshua Landis, der Leiter des Zentrums für Studien des Mittleren Ostens an der University of Oklahoma, in seinem Blog schrieb.

Al-Nusra als moderate Kraft?

Wie viele Kämpfer sich derzeit unter dem Dach der Al-Nusra-Front versammeln, ist unklar. Oft kursiert die Zahl von etwa 10.000 Kämpfern. Dass die Nusra-Front eine Stimme in der Region hat, wird auch dadurch deutlich, dass der katarische Sender Al-Dschasira mehrere Interviews mit Al-Nusra-Anführer Abu Mohammed Al-Dscholani ausgestrahlt hat.

Die Londoner Quilliam-Stiftung, die sich als Think Tank gegen Extremismus versteht, kritisiert dies als "Teil eines Normalisierungsprozesses, den Al-Kaida in Syrien seit langem anstrebt". Al-Kaida wolle vermitteln, dass die Al-Nusra-Front "die Moderaten" seien.

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Ideologisch und ihre Ziele betreffend gibt es jedoch zwischen IS und Al-Nusra-Front keine großen Unterschiede - auch die Al-Nusra-Front möchte "den Westen zerstören", wie Syrien-Experte Charles Lister sagt.

Wie der IS hat auch Al-Nusra in Syrien schon zahlreiche Anschläge verübt, vor allem mit Autobomben und Selbstmordattentätern - von den Anschlägen, zu denen sich andere Al-Kaida-Ableger in der Vergangenheit bekannt haben, ganz zu schweigen.

"Wetteifern unter Terrorismus-Experten"

In der Studie "Al Qaeda and ISIS: Existential threats to the US and Europe" des American Enterprise Institute (AEI) und des Institute for the Study of War wird den USA und ihren Verbündeten im Anti-Terror-Kampf unter anderem empfohlen, die regionalen Stützpunkte und Rückzugsorte der Al-Nusra-Front zu zerstören.

Dies sei von höchster Wichtigkeit bei der Verteidigung der Sicherheit und der Werte der USA und Europas - zumal "die Aktivitäten von ISIS und Al-Kaida mit russischer und iranischer Politik interagieren".

Bei aller Bedrohung, die von der Al-Nusra-Front ausgeht, warnt die Nahost-Expertin Karin Kneissl aber auch davor, solche Studien sogenannter Think Tanks überzubewerten. "Think Tanks verfolgen immer auch Interessen, sie sind keine neutralen Recherche-Institute", sagt sie.

Beim AEI ziehe sich etwa eine Anti-Iran-Haltung wie ein roter Faden durch die Ergebnisse ihrer Studien. Dies, so Kneissl, erkenne man auch an dem für sie nicht nachvollziehbaren Vorwurf, Russland und der Iran stünden in Verbindung mit IS und Al-Nusra-Front.

Zudem gebe es unter Terrorismus-Experten eine Art Wetteifern, "um die Frage, welche Terrororganisation am gefährlichsten ist. Vor einem halben Jahr war das die Terrorgruppe Khorarsan, heute ist von ihr keine Rede mehr."

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