Eine Hirnoperation veränderte das Leben von Monica Lierhaus radikal. So radikal, dass die Sportjournalistin unlängst in einem Interview sagte, sie würde sich der OP heute nicht mehr unterziehen. Vertreter von Behindertenverbänden kritisieren sie dafür scharf. Im Interview erklären sie, warum.

Ein Interview

Frau Pagel-Steidl, die querschnittsgelähmte Autorin Christiane Link sagt, Monica Lierhaus schade mit ihrem Kommentar Menschen mit Behinderung. Wie fielen die Reaktionen unter Ihren Vereinsmitgliedern aus?

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Jutta Pagel-Steidl: Die Mehrheit hat mit Entsetzen reagiert. Denn die Botschaft, die ankam, ist: Ein Leben mit einer solchen Behinderung ist nicht lebenswert. Insbesondere für Eltern von Menschen mit Behinderung kommt diese Aussage einem GAU gleich.

Inwiefern?

Pagel-Steidl: Es macht Menschen mit Behinderungen Angst, wenn Menschsein gleichgesetzt wird mit jung, dynamisch, erfolgreich sein. Fürchterlich ist aber auch, wenn Mütter immer wieder zu hören bekommen, wie viel ihr behindertes Kind kostet und dass man das doch mit der Pränataldiagnostik hätte vermeiden können. Anstatt zu zeigen, welche positiven Seiten ein Leben mit Behinderung haben kann, zeichnet die Gesellschaft das Bild eines perfekten Menschen, in dem Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Behinderung keinen Platz haben. Dabei gehört das alles zum Leben dazu.

Gehört nicht auch dazu, ehrlich zu sagen, dass das Leben mit einer Behinderung ungleich schwerer ist?

Ilja Seifert: Wer wie Frau Lierhaus in der Öffentlichkeit steht, bekommt – gewollt oder nicht – eine andere Wahrnehmung. Dass sie ehrlich war, spielt keine Rolle. Das hätte sie auch im Privaten sein können. Sie hat aber mit ihrem Interview die Arbeit von vielen zunichte gemacht, die zeigen, dass auch ein Leben mit Behinderung lebenswert ist. Jetzt sieht alles wieder nach Aussichtslosigkeit und ewigem Leid aus. Darum wäre es besser gewesen, sie hätte geschwiegen.

Pagel-Steidl: Niemand sucht sich seine Behinderung aus. Aber wenn man lernt, die Herausforderungen, die eine Behinderung mit sich bringt, anzunehmen, wird klar: Man kann trotzdem Spaß und Freude am Leben haben.

Sie sei zu 85 Prozent wieder hergestellt, sagte Lierhaus. Trost spendet ihr diese Erkenntnis aber offensichtlich nicht. Woher, glauben Sie, kommt diese negative Einstellung?

Seifert: Für mich belegen Frau Lierhaus' Aussagen, dass sie ihre jetzige Lebenssituation nicht annimmt, sondern einem immerwährenden Vorher-Nachher-Vergleich unterwirft. Das ist nach einem solchen Einschnitt wie bei ihr normal. Aber nach fünf Jahren sollte diese Sichtweise nicht mehr dominieren. Zumal es ihr im Vergleich zu anderen Behinderten sehr gut geht. Sie ist ja immer noch eine fähige, attraktive Frau und Journalistin. Wenn sie nicht vor der Kamera stehen kann, dann soll sie eben schreiben.

Von Lebensträumen Abschied zu nehmen und sich neu zu erfinden, fällt sicher nicht vielen leicht.

Seifert: So versinkt man aber in Selbstmitleid und verklärt einen abstrakten Lebensentwurf zur Idylle, von dem niemand weiß, ob er ohne diesen Einschnitt real geworden wäre – anstatt sich den heutigen Herausforderungen zu stellen.

Pagel-Steidl: Menschen müssen sich vorbehaltlos akzeptieren lernen. Niemand sollte das Lebensrecht des anderen infrage stellen. Auch wer sich nur durch Lautsprache verständlich machen kann, hat etwas zu sagen. Wir setzen uns dafür ein, dass alle Menschen – unabhängig von ihrer Behinderung – in allen Lebensbereichen teilhaben können.

Hat es Sie geärgert, dass der verunglückte "Wetten, dass...?"-Kandidat Samuel Koch Verständnis für Lierhaus zeigt?

Seifert: Monica Lierhaus und Samuel Koch nehmen sich beide zu wichtig. Sie stehen in der Öffentlichkeit, haben aber beide meines Wissens für Menschen mit Behinderung noch nichts gemacht, außer ihr Schicksal zu vermarkten. Anders als Wolfgang Schäuble. Politisch stehe ich ihm zwar nicht nahe, aber er, der erfolgreich und sportlich war, hat seine Behinderung nie zum Thema gemacht. Dabei wäre es schön, wenn er sich als Finanzminister zum Beispiel mehr um den Nachteilsausgleich für Behinderte kümmern könnte. Ich rechne ihm aber hoch an, dass er – anders als Koch und Lierhaus – als Politiker auftritt und nicht als Behinderter.

Ilja Seifert ist Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbands in Deutschland, Jutta Pagel-Steidl Geschäftsführerin des Landesverbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderungen in Baden-Württemberg.
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