Michael Wendler hat den Schlussstrich unter sein bisheriges Leben gezogen. Er wolle nicht mehr länger für RTL tätig sein, weil der Privatsender "gleichgeschaltet" sei. Zudem verbreitet der Schlagersänger Verschwörungserzählungen zum Coronavirus. Wie gefährlich sind die Mitteilungen angesichts tausender treuer Fans?

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Die Liste verlängert sich um einen weiteren prominenten Namen: Erst stieg Xavier Naidoo, dann Attila Hildmann und nun Michael Wendler in den Club der Verschwörungserzähler ein.

Öffentlichkeitswirksam erklärte der Schlagersänger am Donnerstagabend auf Instagram und Facebook seinen Ausstieg aus der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar". Die Begründung: "Nahezu alle Fernsehsender inklusive RTL" seien "gleichgeschaltet" und "politisch gesteuert", weil sie die staatlichen Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus nicht hinterfragen würden.

Wendler selbst leugnete die Corona-Pandemie und warf der Bundesregierung "grobe und schwere Verstöße gegen die Verfassung und das Grundgesetz" (sic!) vor. Seinem Manager zufolge will der in den USA lebende Musiker nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Die Bundesrepublik sei dem Untergang geweiht.

Wendler hat in seiner Karriere eine treue Fanschar um sich versammelt. 294.000 Menschen haben sein Instagram-Profil abonniert, 144.000 folgen dem 48-Jährigen auf Facebook. Und innerhalb kürzester Zeit folgen ihm bereits über 49.000 Nutzer auf dem frisch eingerichteten Kanal in dem Messenger-Dienst Telegram (Stand jeweils 9.10., 17:45 Uhr). Die Folgen von Wendlers Verlautbarungen sind daher durchaus gefährlich.

Wendler: Vorbild für viele

"Prominente wie Michael Wendler haben eine ganz andere Anhängerschaft als politische Parteien. Weil er zudem seinen Fans über die sozialen Medien Einblicke in sein Privatleben gibt, genießt er ein gewisses Vertrauen. Für viele ist er ein Vorbild", sagt die Sozialpsychologin Pia Lamberty im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie forscht an der Uni Mainz insbesondere zu Verschwörungsideologien.

Lamberty betont: "Wendler erzielt deshalb eine ganze andere Wirkung und erreicht Leute, die mit politischen Themen bisher kaum oder gar nicht in Berührung kamen." Diese Menschen habe er nun mit den Klassikern der Verschwörungsszene konfrontiert: Lügenpresse, ein von außen gelenkter Staat und eine Fake-Pandemie.

"Auf seinem Telegram-Kanal hat er sofort Nachrichten des Who-is-Who der deutschen verschwörungsideologischen Szene geteilt, von Personen die bereits mit eindeutig antisemitischen Inhalten aufgefallen sind. Das ist nicht ungefährlich", sagt Lamberty.

Da einer aktuellen repräsentativen Studie zufolge rund ein Drittel aller Deutschen eine generelle Tendenz haben, an Verschwörungen zu glauben, "besteht die Gefahr, dass etliche Fans ihrem Star folgen", sagt die Expertin. Durch seine Bekanntheit normalisiere Wendler verschwörungsideologische Inhalte und bringe "sie faktisch an Leute aus der Mitte der Gesellschaft".

"Verschwörungstheorien haben in Krisenzeiten immer besonderen Zulauf"

Die Autorin und Netzaktivistin Katharina Nocun schreibt auf Twitter zudem, es sei kein neues Phänomen, dass Prominente an Verschwörungsmythen glauben. Zusammen mit Lamberty hat die Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin das Buch "Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen" verfasst, das im Mai erschienen ist.

So war Nocun zufolge der Popsänger Prince überzeugt davon, die Bevölkerung werde durch Chemtrails vergiftet. Der Soul- und R&B-Sänger Xavier Naidoo sprach bereits 2014 auf einer Kundgebung sogenannter Reichsbürger in Berlin. In den vergangenen Monaten verbreitete er zunehmend Falschnachrichten zur Corona-Pandemie und zur Klimakrise sowie QAnon-Erzählungen, wonach etwa die USA von einem Ring prominenter Kinderschänder unterwandert seien.

Dass in der Coronakrise vermehrt solche Erzählungen zu hören sind, überrascht Josef Holnburger nicht. "In Krisenzeiten haben Verschwörungstheorien immer besonderen Zulauf", erklärte der Politikwissenschaftler unserer Redaktion bereits im Mai.

Holnburger analysiert unter anderem die Reichweite von hunderten Telegram-Kanälen, die Verschwörungserzählungen verbreiten. Gerade zu Beginn der Coronakrise im Frühjahr schossen die Abonnentenzahlen und damit auch die Reichweite in die Höhe. Mit andauernder Pandemie flachte die Aufmerksamkeitskurve jedoch ab – teilweise gingen die Abonnentenzahlen sogar zurück. Mit Wendler könnte nun eine neue Dynamik entstehen.

Gefahr für die Demokratie

Wie gefährlich diese Mythen sind, zeigen wissenschaftliche Studien. Demnach geht der Glaube an Verschwörungserzählungen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einher, Gewalt zu befürworten oder gar selbst gewalttätig zu werden. "Verschwörungserzählungen können dazu dienen, Gewalt gegen andere zu legitimieren, und sie schirmen gleichzeitig die eigene Gruppe gegen Kritik ab", fassen Nocun und Lamberty in ihrem Buch zusammen.

Hinter den kruden Geschichten und bekannten Köpfen stecken also oft antidemokratische Tendenzen, die alles andere als harmlos sind.

Verwendete Quellen:

  • Telefonat mit Pia Lamberty
  • Social-Media-Kanäle von Michael Wendler
  • Twitter-Kanälevon Katharina Nocun und Josef Holnburger
  • Material der Nachrichtenagentur dpa
  • Die Welt: "Fast ein Drittel der Deutschen glaubt an Verschwörungstheorien"

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