Kanzlerin Angela Merkel ist die Spitzenkandidatin der CDU bei der Bundestagswahl 2017. Selbst ihre Kritiker konnten ihr bei der jüngsten Wahl nichts anhaben. Offenbar hat Merkel ihre Partei fest in der Hand. Warum das so ist, erklärt ein Merkel-Kenner.

"Wir sind die Partei der Einheit", sagte Ursula von der Leyen. Die Bundesverteidigungsministerin war euphorisiert, weil sie auf dem Parteitag der CDU in Essen als Stellvertreterin von Angela Merkel wiedergewählt wurde. Von der Leyen verdeutlichte die Geschlossenheit in der CDU.

Es wirkt fast so, als stehe jeder hinter der Kanzlerin - selbst wenn sie diesmal bei der Wiederwahl nur 89,5 Prozent der Delegiertenstimmen erhielt. Auch die sogenannte Flüchtlingskrise und das Emporschießen der AfD können der 62-Jährigen vor der Bundestagswahl 2017, bei der sie zum vierten Mal als Spitzenkandidatin antreten wird, innerparteilich offenbar nichts anhaben.

Merkel-Kenner: "Keine ernstzunehmende Machtalternative"

Es gebe zwar Kritiker innerhalb der Union, natürlich vor allem wegen der Flüchtlingskrise und dem Umgang damit, sagt F.A.Z.-Journalist Ralph Bollmann im Gespräch mit unserer Redaktion. Bollmann gilt als Merkel-Kenner und beobachtet sie seit Jahren genau. Einst schrieb er das viel beachtete Portrait "Die Deutsche: Angela Merkel und wir".

Diese Kritik hat sich auch auf dem Parteitag gezeigt, vor allem in dem Beschluss, den erst in dieser Legislaturperiode mit der SPD geschlossenen Kompromiss zum Doppelpass wieder aufzukündigen - gegen den erklärten Willen der Kanzlerin.

Dennoch ist Merkel alternativlos. Bollmann erklärt, warum: "Ihre Kritiker haben keine ernstzunehmende Machtalternative."

Eine solche Machtalternative könnte gemäß politischer Vita von der Leyen sein. Doch die 58-Jährige steht steht als Vertraute fest an der Seite der Regierungschefin.

Das gilt auch für Wolfgang Schäuble. Der Bundesfinanzminister ist mit 74 Jahren zu alt, um als Kanzlerkandidat anzutreten, erklärt Bollmann. "Zum anderen ist er loyal, weil er die Machtsituation einschätzen kann", schildert der wirtschaftspolitische Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

In der Griechenland-Krise und am Beginn der Flüchtlingskrise habe er die Kanzlerin kritisiert, danach aber nicht mehr. "In einem Notfall, wenn Merkel ausfällt, wäre er eine Option. Nicht proaktiv von sich aus."

"Konrads Erben" können Merkel nichts anhaben

Selbst neue Gruppen wie der CDU-Kreis "Konrads Erben" können der Parteichefin nichts anhaben, erklärt Bollmann. Bei "Konrads Erben" handelt es sich um einen Zusammenschluss ehemaliger Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung, die auf eine vermeintlich konservativere Politik wie unter Bundeskanzler Konrad Adenauer pochen.

Bollmann kritisiert: "Es ist schon kurios, wenn man sich auf Konrad Adenauer beruft und Kanzlerin Merkel sozialdemokratische Politik vorwirft. In der Wirtschaftspolitik steht Merkel klar rechts von Adenauer. Er hat einst eine Rentenreform gemacht, bei der die Renten auf einen Schlag um mehr als 60 Prozent erhöht wurden", schildert der Journalist.

Davon sei Merkel trotz Mütterrente und Rente mit 63 meilenweit entfernt, sagt er und nennt ein weiteres Beispiel: "Als es mit der Griechenland-Krise losging, hat Helmut Kohl 2010 klar gemacht, dass er den Griechen finanziell viel schneller unter die Arme gegriffen hätte."

Ex-Kanzler Helmut Kohl kritisierte Merkel

In der sogenannten Flüchtlingskrise hatte Kohl seine Nachfolgerin zudem für die Grenzöffnung kritisiert – und damit kaum Gehör in den eigenen Reihen gefunden. Immer häufiger wurden Stimmen laut, Merkel habe im Laufe ihrer Karriere alle Konkurrenten und Kritiker in der CDU beseitige geräumt.

Bollmann sieht das anders: "Frau Merkel hat, mit wenigen Ausnahmen, niemanden beiseite geräumt. Sie hat einfach gewartet, bis ihre innerparteilichen Gegner an sich selbst gescheitert sind. Das hat auch deshalb so gut funktioniert, weil sie immer wieder unterschätzt wurde – erstaunlicherweise bis in die allerjüngste Vergangenheit."

Zum einen sei ein Regierungschef ja nicht verpflichtet, sich Leute heranzuziehen, die die eigene Position gefährden, meint er. "Zum anderen ist es nicht gesagt, dass ein vermeintlich konservativeres Profil der Union wirklich helfen würde. Sie würde Wähler und Koalitionsmöglichkeiten in der Mitte verlieren, und trotzdem würde sie es wahrscheinlich nicht schaffen, die AfD wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen."

Ralph Bollmann, Jahrgang 1969, ist seit 2011 wirtschaftspolitischer Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Zuvor war der Absolvent der Deutschen Journalistenschule München 13 Jahre lang Politikredakteur der "taz". Bollmann veröffentlichte im Klett-Cotta-Verlag das viel beachtete Porträt "Die Deutsche - Angela Merkel und wir".