Wolfgang Schäuble ist einer der dienstältesten und angesehensten Politiker der Bundesrepublik, aber er wird derzeit wegen seiner Griechenland-Politik auch heftig angefeindet. Der ARD-Film "Schäuble – Macht und Ohnmacht" zeichnete die Karriere des Bundesfinanzministers nach – seltene Einblicke in den Alltag eines Machtmenschen.

Helmut Kohls Kanzlerschaft, deutsche Einheit, Attentat, Spenden-Affäre, Griechenland-Krise: Die Karriere von Wolfgang Schäuble (CDU) ist von Höhen und Tiefen bestimmt, wie sie nur wenige Berufspolitiker erleben. Der bald 73-Jährige, der seit 1972 im Bundestag sitzt, ist als Bundesfinanzminister immer noch einer der einflussreichsten Macher des Landes. Zuletzt sorgte er als knallharter Gegenspieler seines griechischen Amtskollegen Giannis Varoufakis für Schlagzeilen. Der ARD-Film "Schäuble – Macht und Ohnmacht" zeichnet die Laufbahn eines Mannes nach, der so populär und zugleich so umstritten wie nie zuvor ist.

Wolfgang Schäubles Bruch mit Helmut Kohl

Deutscher Finanzminister halte Eurogruppe für "seine Spielwiese."

Loyalität und Sturheit – so benennt Schäuble selbst seine hervorstechenden Eigenschaften als Politiker. Beide haben ihn weit nach vorne gebracht, aber manchmal auch im Weg gestanden. In den 1980er-Jahren hält er seinem Kanzler Helmut Kohl in der Flick-Affäre den Rücken frei und 1998 wagt er es nicht, Kohl bei dessen letzter und erfolgloser Kanzlerkandidatur die Gefolgschaft zu verweigern – aus Loyalität. Erst im Zuge der CDU-Spendenaffäre Ende der 1990er-Jahren werden die Männer zu Feinden. "Das war eine Intrige mit kriminellen Elementen", erklärt Schäuble in Richtung Kohl, der ihn mit dem Wissen um eine zwielichtige Parteispende des Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber erpresst haben soll. Er bezichtigt Kohl, der Schreiber nicht gekannt haben will, deutlich wie nie zuvor der Lüge.

"Kohl hatte Kontakt mit Schreiber. Das hat er mir gezeigt." Das Ehrenwort, mit dem der Altkanzler bis heute seine Aussageverweigerung zu den Parteispendern begründet, könnte laut Schäuble ebenfalls eine Lüge gewesen sein. In Wahrheit, so vermutet er, stammt ein Teil des dubiosen Parteigeldes aus schwarzen Kassen aus der Zeit der Flick-Affäre.

Lange Zeit war der gebürtige Freiburger der politische Ziehsohn Kohls. 1984 holt er ihn ins Kabinett, 1989 macht er ihn zum Innenminister. Schäuble ist entscheidend an den Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung beteiligt. "Das war der Höhepunkt meines politischen Lebens, ganz klar", sagt der CDU-Politiker. Wenig später der dramatische Einschnitt in Schäubles Leben: ein psychisch Kranker feuert 1990 bei einer Wahlkampfveranstaltung zwei Schüsse auf Schäuble ab. Der Familienvater kommt mit dem Leben davon, sitzt aber fortan im Rollstuhl. Verzweifelte Momente im Krankenbett, er fragte sich: Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?

"Meine große Tochter hat mir solche blöden Gedanken sehr schnell abgewöhnt", bekennt Schäuble nachdenklich. Fast emotional wird er, als es um einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt 2010 geht. Als er Merkel seinen Rücktritt anbietet, ruft die Kanzlerin seine Frau Ingeborg an und bittet sie, ihm diesen Unsinn auszureden. Schäuble mit brüchiger Stimme: "Damit habe ich nicht gerechnet. Das hat mich schon bestärkt." Doch das Verhältnis war nicht immer ungetrübt. Dass Merkel 2004 nicht ihn, sondern den politisch schwächeren Horst Köhler als Bundespräsident vorschlug, hat er verwunden – aber nicht vergessen.

"Ich kann nicht mit einem solchen Popstar konkurrieren"

In den vergangenen Monaten war Schäuble meist als Gegenspieler von Giannis Varoufakis in den Schlagzeilen. Der alte, graue Deutsche und der smarte, jugendlich wirkende Grieche – ein enormer Gegensatz. "Ich kann nicht mit einem solchen Popstar konkurrieren", sagt Schäuble ironisch, "ich bin ein alter, manchmal mürrisch aussehender Mann." In der politischen Arena freilich schenkt er dem damaligen Finanzminister Varoufakis im monatelangen Verhandlungspoker nichts, bis er schließlich sogar unter vier Augen – ohne Erlaubnis der Kanzlerin – mit einem Grexit gedroht haben soll, wenn Griechenland nicht weitere Reformen beschließen würde. Fragen dazu weicht Schäuble im ARD-Film aus, aber er sagt, es wäre unverantwortlich gewesen, als Plan B "nicht darüber nachzudenken."

Seine Amtskollegen loben ihn für sein politisches Talent. "Er spricht Klartext, das ist ungewöhnlich für einen Politiker", sagt der finnische Finanzminister Alexander Stubbe. Der Österreicher Hans Jörg Schelling ist von der natürlichen Autorität beeindruckt. Varoufakis hat für den Deutschen, der in Griechenland wegen der harten Sparpolitik schon mal als "Nazi" bezeichnet wird, erwartungsgemäß weniger schmeichelhafte Worte parat. "Schäuble denkt, die Eurogruppe ist sein Spielplatz und die anderen folgen ihm."

Den Deutschen lassen solche Vorwürfe kalt. Zu viel hat er in seiner Karriere gesehen, zu viel erlebt, zu viel auch erlitten. Wie hat er sich über die Jahre verändert? Schäuble sagt: "Ich habe mehr Spuren und Narben, insbesondere aus öffentlichen Auseinandersetzungen." Allzu viele werden wohl nicht mehr dazukommen. Weitere vier Jahre wird er sich bei der Bundestagswahl 2017 mit fast 75 Jahren wahrscheinlich nicht mehr antun.