Die Politik fordert, Combat 18 zu verbieten. Doch die fehlende Struktur des rechten Netzwerks macht es den Behörden schwer, die gewaltbereiten Neonazis zu kontrollieren.

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Schon im Zusammenhang mit den Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) war häufiger vom Neonazi-Netzwerk Combat 18 (C18) die Rede. Inzwischen taucht die Organisation regelmäßig in Berichten auf.

Der Tatverdächtige im Fall des im Juni ermordeten Walter Lübcke etwa soll zumindest früher mit ihr in Kontakt gestanden haben. Bei einem Großeinsatz gegen einen Onlinehandel mit Sprengstoff fanden Beamte im August bei einem Verdächtigen Combat-18-Shirts.

Und im Sommer erhielten mehrere Moscheen in Deutschland sowie die Parteizentralen von SPD und Linken Bombendrohungen - unterzeichnet mit Combat 18.

Wer steckt hinter dem Netzwerk? Wie ist es organisiert? Und: Wie gefährlich ist es?

Was bedeutet der Name Combat 18?

Das englische Wort combat bedeutet Kampf – und die Ziffern 1 und 8 stehen für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets: A und H. Sie symbolisieren die Initialen Adolf Hitlers.

Wo hat das Netzwerk seinen Ursprung?

Combat 18 wurde 1992 in England gegründet, von Angehörigen der British National Party (BNP). Anfangs agierte sie als deren Saalschutz, um etwa Störungen bei Veranstaltungen zu verhindern.

In Großbritannien fiel die Gruppe nach Angaben des deutschen Verfassungsschutzes in den 90er-Jahren durch Gewalt und Einschüchterung politischer Gegner auf. Von dort aus entstand ein Netzwerk, das in vielen europäischen Ländern agierte.

Die Gruppe wollte einen nationalsozialistisch geprägten Staat aufbauen – und propagierte dabei Gewalt als legitimes Mittel. C18 gilt heute als militanter Arm des internationalen Neonazi-Netzwerks Blood and Honour (Blut und Ehre), das in Deutschland bereits seit 2000 verboten ist.

Wie viele deutsche Neonazis fühlen sich der Organisation zugehörig?

Darüber gibt es nach Angaben des Rechtsextremismus-Experten Dierk Borstel keine gesicherten Zahlen. Der Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund geht zwar eher von einer zwei- oder dreistelligen als von einer vierstelligen Zahl aus. Aber er betont selbst: "Jegliche Schätzung ist nicht seriös."

Dem Bundesamt für Verfassungsschutz zufolge gab es seit den 2000er-Jahren immer wieder vereinzelte Hinweise auf "lokale C18-Sektionen" in Deutschland. Sie hatten der Einschätzung nach aber keinen Bestand.

Seit einigen Jahren geht die Behörde allerdings davon aus, dass Neonazis die C18-Strukturen im Land ausgebaut haben – bestehend aus "wenigen regionalen Kleingruppen und Einzelpersonen".

Ein Neonazi aus Hessen, Stanley R., gilt als eine zentrale Figur von C18 in Deutschland. "Laut einem internen Vermerk des Landeskriminalamts Hessen soll er möglicherweise sogar Europa-Chef von C18 sein", berichtete das NDR-Magazin Panorama im Juni.

Wie ist das Netzwerk organisiert?

Die Strukturen sind sehr lose und das Netzwerk deswegen schwer durchschaubar, betont Politikwissenschaftler Borstel: "Der Gruppe geht es um führerlosen Widerstand. Jeder einzelne ist dazu aufgerufen, sich als Teil von Combat 18 zu verstehen, sich selbst zu bewaffnen und für sich zu schauen: Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Handeln gekommen?"

Es gebe keine Satzung, keine Liste mit Mitgliedern, keine Mitgliederversammlungen. Maximal T-Shirts oder Tätowierungen deuteten nach außen hin auf eine Zugehörigkeit hin.

Wo tauschen sich die Anhänger aus?

"Viele radikalisieren sich im Internet", sagt Borstel. "Sie finden dort Texte, wie man sich bewaffnet, wie bewaffneter Widerstand funktioniert oder etwa Videos von Attentätern wie zuletzt in Halle."

Sie tauschten sich in überwachungssicheren Messenger-Diensten oder über Foren im Darknet aus. Ein Gemeinschaftsgefühl bekommen die C18-Neonazis dem Experten zufolge etwa über das Blood-and-Honour-Netzwerk, über Musik und Konzerte.

"Zeit Online" gab im Juni einen kurzen Einblick in einen als Verschlusssache eingestuften Bericht des Bundesinnenministeriums: Demnach wird Combat 18 vom Verfassungsschutz intensiv beobachtet.

Das Netzwerk unterscheide zwischen Vollmitgliedern und Unterstützern und sei vor allem in Süd- und Westdeutschland sowie Thüringen aktiv. Es gebe regelmäßige Pflichttreffen, vor allem am Rande von Konzerten.

Wie schätzt das Bundesamt für Verfassungsschutz Combat 18 ein?

Im September 2017 hatte die Bundespolizei gemeinsam mit Spezialkräften der GSG 9 zwölf deutsche Neonazis kontrolliert, die aus Tschechien zurückkehrten: Die Einsatzkräfte beschlagnahmten unter anderem eine geringe Menge Munition.

Die Männer, die sich zu Combat 18 zählen, sollen bei einem Waffentraining gewesen sein. Der Verfassungsschutz schätzte die Lage aus diesem Anlass öffentlich ein – sah damals jedoch wenig Grund zur Sorge: "Aktuell liegen keine Erkenntnisse zur Umwandlung von C18 Deutschland zu einer militanten oder gar bewaffneten Gruppierung vor", schrieben die Experten.

Es gehe den Neonazis eher darum, sich selbst aufzuwerten und nach außen hin gefährlich zu wirken. Einen gewissen Hang zu Waffen und eine grundsätzliche Gewaltbereitschaft erkannte der Verfassungsschutz aber immerhin schon.

Was sagen die Verfassungsschützer zu den aktuellen Entwicklungen?

Das Bundesamt für Verfassungsschutz gibt auf Nachfrage keine weitere Auskunft zu Combat 18 - "aufgrund aktueller Prüfungen". Am Dienstag gab es eine öffentliche Anhörung der Präsidenten der Nachrichtendienste vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium im Bundestag.

Dort wurde Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang auch gefragt, warum Combat 18 kein Thema im aktuellen Bericht seiner Behörde sei. Weil das Netzwerk zahlenmäßig so klein sei, antwortete er nach Angaben einer Sprecherin.

Für wie gefährlich hält Rechtsextremismus-Experte Dierk Borstel das Netzwerk?

"Es ist ein gewaltbereites, terroristisches Netzwerk, das unübersichtlich im Dunkelfeld agiert", sagt Borstel. Es gefährde zwar nicht die Sicherheit der Bundesrepublik – aber das Leben einzelner Menschen. Durch die losen Strukturen seien die C-18-Anhänger unberechenbar: "Bei vielen wissen die Behörden nicht: Wo steht derjenige gerade? Wie gefährlich ist er?"

Gehen die Behörden also zu sorglos mit Combat 18 um? Ein generelles Versäumnis sieht Borstel hier nicht. "Ich neige nicht zu Pauschalisierungen, etwa, dass die Polizei auf dem rechten Auge blind ist", sagt der Experte. Nach dem NSU-Untersuchungsausschuss habe es jedoch an Selbstkritik und Veränderungsbereitschaft gefehlt – aus seiner Sicht ein Versäumnis der Politik.

Wie wahrscheinlich ist ein Verbot von Combat 18?

Das Neonazi-Netzwerk müsse "zügig verboten werden", verlangte die SPD im August. Einige Landesinnenminister, darunter CDU-Vertreter, schlossen sich der Forderung an. Und auch die AfD hat sich im Oktober für ein Verbot der Gruppe ausgesprochen.

"Nach Erkenntnissen der Bundes- und Landesverfassungsschutzämter ist 'Combat 18' eine neonazistische, rassistische, fremdenfeindliche, demokratiefeindliche und gewaltbereite Gruppierung", teilt das Bundesinnenministerium auf Anfrage mit.

Die Aktivitäten würden aufmerksam verfolgt. Zu Verbotsüberlegungen im Einzelfall äußere sich das BMI jedoch grundsätzlich nicht. "Für ein Verbot bräuchte es vereinsähnliche Strukturen", sagt Dierk Borstel. Die Combat 18 eben nicht habe.

Auf Repression folge Innovation, gibt er außerdem zu bedenken. Das Blood-and-Honour-Netzwerk etwa sei mit dem Verbot nicht aus Deutschland verschwunden. "Die Strukturen bestehen immer noch."

Borstel plädiert stattdessen für Deradikalisierung: "Auch einsame Wölfe hinterlassen Spuren im Internet. Es gilt, sie aufzuspüren, Kontakt aufzunehmen, in Diskussion zu treten." Dafür brauche es jedoch weitaus mehr Fachleute und Angebote. Aus Sicht des Politikwissenschaftlers wäre deren Ausbau "erheblich sinnvoller als ein Verbot, das am Ende symbolisch bleibt".

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Professor Dierk Borstel, Professor für praxisorientierte Politikwissenschaft an der Fachhochschule Dortmund
  • Gespräch mit einer Sprecherin des Bundesamts für Verfassungsschutz
  • E-Mail-Anfrage beim Bundesinnenministerium
  • Süddeutsche Zeitung: "Drei Länder drängen auf Verbot von 'Combat 18'"
  • Bundesverfassungsschutz: "Beschlagnahme von Munition bei Angehörigen von 'Combat 18 Deutschland'"
  • ARD/NDR: Stephan E.: "Zweifel an Geheim-Treffen mit 'Combat 18'"
  • FAZ: "Antrag der Bundestagsfraktion: AfD will Verbot von 'Combat 18'"

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