Ungenierter Lobbyismus und entfesselte Finanzmärkte. Für viele Menschen hat Europa seinen Zauber verloren. Doch nun besteht die Chance, dies zu ändern.

Ein Kommentar
von Michael Wollny

Emmanuel Macron hat gezeigt, dass man selbst in Zeiten nationalistischer Rückwärtsgewandtheit mit einem proeuropäischen Bekenntnis Wahlen gewinnen kann. Ein Signal, das man nicht nur in Brüssel und Berlin mit Erleichterung zur Kenntnis genommen hat.

Was nun allerdings Sorge bereitet, ist die politische Betriebsblindheit, mit der eine falsche Botschaft in dieses Signal hineininterpretiert wird.

Europa im Wandel Woran denken Sie bei "Europa"?
  • A
    An unverständliche Politik
  • B
    An ein Gemeinschaftsgefühl
  • C
    An Frieden und Vielfalt
  • D
    An seltsame Vorschriften und Bürokratie

Zwar profitierte Macron von einem bemerkenswert vitalen demokratischen Pflichtbewusstsein, welches die Gewissenhaften - wenn schon nicht für Emmanuel Macron - dann doch gegen Marine Le Pen an die Urne gerufen hatte.

Sehnsucht nach einer Idee von Europa

Mit Frankreichs neuem Präsidenten verknüpft sich allerdings weit über die Front gegen den Front hinaus die unmissverständliche Sehnsucht nach einer grundlegenden Wiederbelebung der europäischen Idee - statt nur nach dem Dreh an wirtschaftspolitischen Stellschrauben.

Die EU ist in der Wahrnehmung vieler Menschen in Europa schließlich zum Synonym für ungenierten Lobbyismus multinationaler Großkonzerne verkommen, die EZB zur Chiffre eines entfesselten Finanzmarktkapitalismus.

Das mag in der Bewertung nicht ganz fair sein, ist in der Konsequenz aber doch recht logisch. Schließlich wird der idealistische Zauber einer europäischen Idee seit Jahrzehnten radikal ökonomisiert und auf materielle Wertschöpfung reduziert.

Gelingt es dann nicht, die Vorteile zu erklären, verselbständigen sich die Nachteile, solange der Förderung einer europäischen Identität mit Betonung pluralistischer Werte nicht der gleiche Stellenwert eingeräumt wird.

Europa braucht mehr Emotionalität

Ökonomische Effizienz ersetzt die Empathie, die aber Europa als Gemeinschaftsgefühl für die Menschen in einer globalisierten Welt erst erlebbar macht. Hier bildet sich der Spannungsriss, in den Populisten ihren Keil treiben.

Und so greifen auch bei den politischen Reflexen nach Macrons Wahlsieg technokratische Denkmuster ins Leere, wenn die vermeintlichen Lösungen eigentlich Teil des Problems sind.

Europa ist keine Firma. Europa ist vor allem auch ein Gefühl, ein realer Traum, die Verwirklichung einer Vision. Europa ist interkulturelle Emotionalität und ein grenzenloses Privileg von Freiheit.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass einer der leidenschaftlichsten Vordenker der europäischen Idee Brite ist und es vor 70 Jahren schon besser wusste. Ein "vereinigtes Europa" hatte sich Winston Churchill 1948 gewünscht, das mit moralischer Überzeugung "die Achtung und die Dankbarkeit der Menschheit" gewinnen sollte.

Egal wo in Europa: Überall ist Zuhause

Der exzentrische Premier wünschte sich eine Gemeinschaft, in der Menschen verschiedenster Nationalitäten eine europäische Identität entwickeln könnten, die es ihnen erlauben würde, an jedem Ort Europas die Gewissheit zu haben: "Hier bin ich zu Hause."

Ein kontinentales Zuhause vor der eigenen Haustür zwar, ergo mit Unterstützung, aber ohne Mitgliedschaft Großbritanniens - das war Churchills Wunsch. Womit sich sieben Jahrzehnte später der Kreis zum Brexit schließt.

Doch es ist dieses Pathos, die Empathie und Leidenschaft sowie ein gesundes Maß an altruistischer Überzeugung, mit der Churchill damals von seinem Europa träumte - und das Europa heute fehlt.

Wer Europa sagt und Euro meint, beweist ein mehr als nur um zwei Buchstaben reduziertes Vorstellungsvermögen, egal ob er Politiker ist oder als Defätist nur gerne über solche schimpft.

Europas Narrativ ist mehr als nur ein Wirtschaftsraum, mehr als nur Währungsunion, gemeinsamer Zolltarif oder unpopuläre Freihandelsabkommen. Europas ist mehr als nur die Summe seiner 28 Teile.

Das Selbstverständliche ist keine Selbstverständlichkeit

Weil man es Gott sei Dank nicht anders kennt, wird leichtfertig als selbstverständlich empfunden, was keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.

Doch die Ignoranz gegenüber einer historischen Leistung, mit welcher nach 1945 der Grundstein gelegt wurde für Jahrzehnte des Friedens, legt bisweilen den Verdacht von kollektiver Amnesie einer geschichtsvergessenen Wohlstandsgesellschaft nahe.

Zur Erinnerung: Europa ist ein Meisterwerk diplomatischer Architektur auf den Trümmern eines durch infernalische Weltkriege verheerten Kontinents. Dieses Europa ist Verpflichtung gegenüber mehr als 60 Millionen Toten, ist Mahnmal gegen unvorstellbare Unmenschlichkeit, gegen Terror, Tyrannei und Despotismus.

Die unwiderrufliche Erinnerung an dieses Erbe stellt den Menschen wieder in den Mittelpunkt und macht die europäische Idee wieder zu dem, was sie ist: Hoffnung und Notwendigkeit.