Beim Brexit-Referendum stimmten die Bewohner Nordirlands klar gegen einen EU-Austritt. Geholfen hat es nicht: Nordirland gehört zu Großbritannien und ist damit ebenfalls seit dem 1. Februar kein Teil der Europäischen Union mehr. Viele Menschen verfolgten die Entwicklungen am Freitag am Fernseher. So auch eine Gruppe im "Europa Hotel" in Belfast.

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Welcher Ort könnte angemessener sein, um diesen Abend zu verbringen, als das legendäre "Europa Hotel" von Belfast. Es führt den inoffiziellen Beinamen "meistbombardiertes Hotel der Welt". Während des Nordirlandkonflikts war das Hochhaus mit säulengeschmücktem Eingang Ziel von mehr als 30 Bombenanschlägen. Einmal gab ein IRA-Mann die Bombe einfach an der Rezeption ab. Für die pro-irische Terrororganisation war das 1971 eröffnete Luxushotel ein verhasstes Symbol britischer Macht.

"Brexit ist ein Desaster"

An diesem Freitag feiern in der Bar drei Brüder den 50. Geburtstag des Jüngsten, zusammen mit einem Schwager und zwei Freunden. Es sind pro-irische Katholiken, und dementsprechend heftig fallen ihre Kommentare zum Brexit aus - der an diesem Abend natürlich ihr Thema ist. "Boris Johnson ist ein zwanghafter Lügner!", entfährt es dem einen. Und der andere ergänzt: "Er hält sich für Winston Churchill!"

"Brexit ist ein Desaster", sagt John, der hier sowas wie der Wortführer ist. "Wir sind alle aus Nordirland. Wir haben 40 Jahre Unruhen durchgemacht. Und der eine Grund, der diese Unruhen beendet hat, war folgender: Irgendwann waren wir nicht mehr Iren oder Briten, wir waren Europäer. Boris Johnson und seine Konservative Partei haben nun dafür gesorgt, dass wir uns nicht länger als Europäer fühlen können."

Michéal (l-r), Seamus, Gerry, Eugene und John trinken im "Europa Hotel" gemeinsam Guinness.

Hotel war zeitweise eine Ruine

Warum treffen sich die Brüder ausgerechnet im "Europa Hotel"? "Weil es so oft bombardiert wurde", antwortet John und lacht ein dröhnendes Lachen. Nein, das sei natürlich ein Witz, stellt er klar. Das Hotel liege einfach so zentral. Und das war auch der Grund, warum eben diese Adresse während des Nordirlandkonflikts zum bevorzugten Aufenthaltsort von Reportern aus aller Welt wurde.

"Größtmögliche Medienaufmerksamkeit war garantiert", erinnert sich Paul McCann, der direkt hinter dem Hotel aufgewachsen ist und noch immer dort wohnt. "Es war wirklich jede Woche in den Nachrichten." Wie durch ein Wunder wurde durch all die Explosionen niemand getötet, allerdings glich das Hotel zeitweise einer Ruine.

Peadar Whelan (62) war genau damals für die IRA aktiv. "Ich bereue nichts", sagt der stämmige Mann mit grauen Haaren und zerfurchtem Gesicht der Deutschen Presse-Agentur. Wegen eines versuchten Mordanschlags auf einen Polizisten wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, 16 Jahre saß er ab. Unter ähnlichen Umständen würde er wieder so handeln, versichert er.

Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Irlands

Whelan ist davon überzeugt, dass er noch die Wiedervereinigung Irlands erleben wird - paradoxerweise gerade dank des Brexits. Denn der von den Briten erzwungene Austritt aus der Europäischen Union werde den Prozess der Abnabelung Nordirlands vom Vereinigten Königreich beschleunigen - so seine Überzeugung.

Sein Freund Robert Mc Clenaghan (62), ebenfalls ein ehemaliger IRA-Mann, sieht es genauso: "Brexit könnte sehr positiv sein", sagt er mit breitem Grinsen. Boris Johnson könne sich auf Dauer nicht querstellen: "In den nächsten fünf Jahren werden wir unser Referendum bekommen." Ein Referendum über die Wiedervereinigung Irlands.

Im "Europa Hotel" läuft unterdessen der Countdown zum Brexit. Über der Bar hängt ein großer Fernsehschirm, und dort zählt der Fernsehsender BBC die Minuten und Sekunden. Die Brüder haben mittlerweile noch andere Gäste in ihren Kreis integriert, wie das in Irland eben so geht. Zwei Deutsche sind mit dazugekommen - und ein nordirischer Protestant, Edward. Früher hätte man gesagt: einer von der anderen Seite.

Brexit ohne Freudenschreie

Sie haben ihn sofort als solchen erkannt. Schon der Name Edward, so erzählen sie schmunzelnd, sei typisch für einen Protestanten. Und dann so kleine Dinge, die sich Außenstehenden nur schwer beschreiben lassen. Bestimmte Wörter, eine leichte Akzentverschiebung. Das hält sie allerdings nicht davon ab, Edward jetzt ein Guinness nach dem anderen zu spendieren - das unverwechselbare lakritzfarbene Bier mit dem schneeweißen Kopf.

"Wir Nordiren haben durch die Wirren alle eine schwere Kindheit und Jugend gehabt", sagt Mícheál. "Das hat dazu geführt, dass wir offen sind für Neues. Wir trauern keiner guten, alten Zeit hinterher." Abkapselung sei ihnen fremd, und deshalb wolle hier auch niemand den Brexit.

23 Uhr britischer und irischer Zeit, Mitternacht in Brüssel. "Wir sind draußen", verkündet die BBC. Im "Europa Hotel" löst das keinen Freudenschrei aus, eher ein paar Seufzer. Aber was dann folgt, kann doch Mut machen: Die mittlerweile etwas angeheiterten katholischen Zechbrüder stoßen mit Edward, dem Protestanten, an. Und natürlich mit den Deutschen. "Wir bleiben Freunde!", rufen sie. Man umarmt sich, man macht Erinnerungsfotos. "Im Grunde wollen wir doch alle das gleiche", sagt Edward, der ebenfalls gegen den Brexit gestimmt hat. "Wir wollen, dass unsere Kinder in einer besseren Welt leben." (awa/dpa)

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