Die Schreckensherrschaft des Islamischen Staats (IS) scheint sich nahezu ungebremst auszubreiten. Zurzeit schaut die Welt auf Kobane, wo sich seit Wochen kurdische Kämpfer gegen den IS wehren. Doch auch in anderen Teilen von Syrien und dem Irak toben Schlachten um die Vorherrschaft in der Region. Welche Gebiete kontrolliert der IS bereits? Und welche drohen in seine Hände zu fallen?

Die Terrormiliz IS hat innerhalb eines Jahres einen beängstigenden Vormarsch hingelegt. Einst aus einem Ableger von Al Kaida hervorgegangen, hat sie sich inzwischen zur wahrscheinlich einflussreichsten Terrororganisation entwickelt. Seit April 2013 trat sie unter dem Namen "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS) auf, inzwischen nennt sie sich nur noch "Islamischer Staat" – ohne regionale Einschränkung. Der Name verdeutlicht den Anspruch der Gruppe.

Rakka - Hochburg des IS

Inmitten des syrischen Bürgerkriegs beginnt der Siegeszug des IS. Im Frühsommer 2013 übernahm er unter seinem neuen Führer Abu Bakr al-Bagdadi nach und nach Stützpunkte der konkurrierenden Nusra-Front im Osten und Norden von Syrien. "Sie profitierten davon, dass viele Nusra-Führer und Mitglieder zu ihnen überliefen", schreibt der Terrorismus-Experte Guido Steinburg in einer Analyse für die Bundeszentrale für politische Bildung. "ISIS kämpfte zwar gelegentlich gegen Regimetruppen, konzentrierte sich aber darauf, seinen Einfluss in dem bereits von Rebellen gehaltenen Gebiet auszuweiten."

Im Mai gelang ihnen der erste große Coup: Sie eroberten die Provinzhauptstadt Rakka, die die Rebellen zuvor vom syrischen Regime erkämpft hatten. Seit dem gilt die Stadt als Hochburg des Islamischen Staats. Auch im Irak marschierte der IS voran: Ende 2013 eroberten sie Falludscha und Teile von Ramadi, beides Städte im Westen der irakischen Hauptstadt Bagdad. Im Juni 2014 folgten weitere Städte, darunter Mosul im Nordirak. Kurz darauf rief IS-Chef Bagdadi das Kalifat aus. Mittlerweile kontrollieren seine Kämpfer weite Teile Syriens und des Iraks.

Guerillakrieg als Grundlage für militärischen Erfolg

Wie konnte es passieren, dass die Terroristen des IS die irakischen Streitkräfte so überrannt haben? "Sein militärischer Erfolg erklärt sich neben der Schwäche der Sicherheitskräfte mit der mobilen Taktik der Kämpfer", schreibt der Sicherheitsexperte Stephan Rosiny vom GIGA Institut für Nahost-Studien in einer Analyse. In Mosul hätten sie auf Pick-Ups und erbeuteten Humvees die Frontlinie durchbrochen und einen Guerillakrieg gestartet, während sie im Hinterland gleichzeitig Bombenanschläge verübten. Zudem schüchtern sie ihre Gegner durch exzessive Gewalt massiv ein.

Zugute kommt IS auch die instabile Lage in Syrien und dem Irak. Wo der Staat wenig oder keine Kontrolle mehr hat, entsteht ein Machtvakuum – in das sind die Terroristen gestoßen. Hinzu kommt eine sehr gute militärische, finanzielle und personelle Ausstattung: Den IS-Kämpfern steht ein umfangreiches Arsenal an erbeuteten und gekauften Waffen zur Verfügung, laut Medienberichten verdienen sie Millionen durch Ölverkäufe, Eroberungen und Erpressungen. Es gibt Schätzungen, die von mehr als 50.000 Mann sprechen, die inzwischen für den IS kämpfen sollen – Tendenz steigend.

... dann wäre der Weg nach Bagdad frei ...

So drängt der Islamische Staat weiter voran, längst nicht nur in Kobane. Im Sindschar-Gebirge im Nordirak sollen mehrere Tausend Jesiden vom IS umzingelt sein. Sie waren im August vor den Terroristen hierher geflüchtet, nun droht ein Massaker. Umkämpft ist auch die Provinz Anbar im Westen des Landes. Sie ist strategisch wichtig: Hier befinden sich viele militärische Anlagen und Waffen. Wenn sie in die Hand des IS fällt, wäre der Weg nach Bagdad frei, das die Terroristen bislang noch nicht erobern konnten.

Bei ihrem Vormarsch haben sie dabei nicht nur Städte im Visier, sondern auch strategische Punkte wie Dämme und Ölfelder. So soll laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag ein Ölfeld in der syrischen Provinz Homs teilweise unter Kontrolle des IS gelangt sein.

Unbesiegbar ist die Terrormiliz trotz ihres erstaunlichen Vormarschs nicht. Vergangene Woche sollen sie einige irakische Städte wieder verloren haben – an eine Front aus Regierungstruppen, Kurden und Schiiten-Milizen, die aus der Luft von den USA und arabischen Staaten unterstützt wurden. Diese Zusammenarbeit könnte eine Lösung sein: "Gegen ISIS spricht seine Neigung, alle seine zahlreichen Feinde zur gleichen Zeit zu bekämpfen", schreibt der Experte Steinberg.