Anti-Trump, Sonnyboy, Mr. Charming – für Kanadas Premierminister Justin Trudeau gab es in den vergangenen Jahren viele Spitznamen. Seine Karriere als internationaler Politikstar ist jedoch mittlerweile stark angeknackst - und ausgerechnet jetzt, am Montag, stehen die Unterhauswahlen an.

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2015 war er angetreten als Feminist, Förderer der indigenen Bevölkerung, Befürworter des ökologischen Wandels und eines multikulturellen Kanadas. Justin Trudeau war eine Lichtgestalt am Politikhimmel, ein Überflieger aus dem Bilderbuch.

Er besetzte sein Kabinett mit genauso vielen Frauen wie Männern, darunter auch vier Sikhs und zwei kanadische Ureinwohner. Auf die Frage, warum er eine Geschlechtergleichheit in seinem Kabinett für wichtig halte, antwortete Trudeau damals: "Weil wir das Jahr 2015 haben."

Dafür erntete er Anerkennung und Respekt. Er hatte außerdem bereits während seines damaligen Wahlkampfes versprochen, die Diskriminierung gegenüber der First Nations zu beenden. Er bezog die indigene Bevölkerung in seine Politik mit ein und arbeite mit einigen ihrer Organisationen zusammen.

Im Zuge seiner Arbeit ließ Trudeau außerdem die Gewalt gegen tausende indigene Frauen und Mädchen untersuchen und stellte Gelder für die Verbesserung der Lebenssituation in den Reservaten bereit. Und dennoch muss er auch Kritik dafür einstecken, dass immer noch viele indigene Stämme nicht an das Versorgungsnetz angeschlossen sind.

Popularität ließ schnell nach

Dass er Cannabis legalisiert und sein Versprechen, 25.000 Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen – zumindest bis auf den zuvor angekündigten zeitlichen Rahmen – gehalten hatte, kam bei seinen Befürwortern ebenfalls gut an. Dennoch ist die "Trudeaumania" mittlerweile abgeflaut. Trudeau könnte der erste kanadische Premierminister seit den 1930er-Jahren werden, dem das kanadische Volk keine zweite Amtszeit gönnt.

Aktuellen Umfragen zufolge liegen er und sein konservativer Herausforderer Andrew Scheer gleichauf. Nach dem Rekordsieg vor vier Jahren für die Liberalen ist es jetzt also ein Wahlkampf mit Hindernissen. Aber was ist während seiner ersten Amtsperiode passiert, dass Trudeau nun nicht mehr die breite Zustimmung genießt? Ehrlichkeit und Transparenz hatte er versprochen – und einige Skandale geliefert. Er stolperte über seine eigene Moral und seine "Political Correctness".

Sexuelle Belästigung einer Journalistin

Bereits im Jahr 2000 – noch vor seiner politischen Karriere – soll Trudeau eine Journalistin auf einem Musikfestival in Creston im westkanadischen British Columbia begrapscht haben. Seine Entschuldigung folgte gleich am nächsten Tag. Nachdem sich Rose Knight, die die Belästigungsvorwürfe erhoben hatte, im vergangenen Jahr dazu äußerte, kochte die Diskussion wieder hoch.

Trudeau, dessen Regierung eine Null-Toleranz-Politik gegen sexuelle Übergriffe führt, reagierte auf die Vorwürfe: "Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich in irgendeiner Weise unangemessen verhalten habe, aber ich respektiere die Tatsache, dass jemand das anders aufgefasst haben mag." Dennoch bleibt für viele ein fader Beigeschmack.

Korruptions- und Schmiergeldaffäre

In seine größte politische Krise stürzte Trudeau vor gerade einmal sieben Monaten. Er hatte versucht, den Baukonzern SNC-Lavalin aus seiner Heimatstadt Montreal vor einem Strafverfahren zu schützen. Es ging um Schmiergeldzahlungen in Höhe von umgerechnet 31 Millionen Euro an die Familie des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi.

Trudeau übte sogar Druck auf seine damalige Justizministerin Jody Wilson-Raybould aus, um einen Prozess gegen den Konzern zu verhindern. Die Ethikkommission rügte Trudeau daraufhin. Mit diesem Vorfall hat Trudeau viel Glaubwürdigkeit verspielt. Sein Saubermann-Image wurde stark beschädigt.

Empörender "Blackfacing"-Skandal

Mitte September veröffentlichte das "Time"-Magazin dann ein Foto von Trudeau von vor 18 Jahren. Es zeigt den damals 29-jährigen, als Lehrer an einer Privatschule tätigen Trudeau auf einem Kostümball unter dem Motto "Arabische Nächte" mit dunkler Gesichtsbemalung und einem Turban.

"Blackfacing", das Anmalen des eigenen Gesichts mit dunkler Farbe und Imitieren eines Schwarzen, wird in Nordamerika als hochgradig rassistisch verstanden. Trudeau entschuldigte sich daraufhin und erklärte, es tue ihm "zutiefst leid". Er habe "einen Fehler gemacht" und die Kostümierung damals nicht für rassistisch gehalten. Die Veröffentlichung mitten im Wahlkampf war ein weiterer Tiefschlag für Trudeau.

Fehlender Mut in der Klimapolitik

In Sachen Klimaschutz wurde von der Regierung um Trudeau zwar eine CO2-Steuer eingeführt, Kritikern geht das aber nicht weit genug. Das Versprechen sei zwar gut, aber die Taten ließen zu wünschen übrig.

Die CO2-Steuer nehme die größten Verschmutzer aus und der Bau einer weiteren Öl-Pipeline werde fortgesetzt – anstatt Subventionen für fossile Brennstoffe weiter abzubauen, warf Jagmeet Singh, Parteivorsitzender der Sozialdemokraten, Trudeau vor. Auch Greta Thunberg sagte nach ihrem Besuch in Kanada, dass Trudeau – so wie andere Politiker auch – nicht genug tue.

Mit Spannung erwartete Wahlen

Fakt ist, dass der einstige "Posterboy" Trudeau nicht mehr so gut bei den Kanadiern dasteht wie noch vor vier Jahren. Im TV-Duell vor knapp zwei Wochen hatte ihn sein Herausforderer Scheer scharf attackiert. Er sei unehrlich mit den kanadischen Wählern gewesen und habe seine Versprechen gebrochen: "Herr Trudeau, Sie sind ein Schwindler, Sie sind ein Betrüger und Sie haben es nicht verdient, dieses Land zu regieren."

Ob das kanadische Volk Scheer zustimmt, wird sich bei den Unterhauswahlen 2019 zeigen, die am kommenden Montag stattfinden. Dann fällt die Entscheidung, ob Trudeau als Premierminister von Kanada noch eine zweite Chance bekommt.

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