Eine genervte Aktivistin, ein Ökonom in Abwehrhaltung, eine ehrlich bemühte Familie, zwei Politiker beim Versuch, ihre Schäfchen ins Trockene zu kriegen, und dann noch ein gut gelaunter Außenseiter, der das Ganze sportlich nimmt – Frank Plasbergs Talk vor dem freitäglichen Klimakabinett versammelte ein Abbild der ums Klima streitenden Gesellschaft im Studio.

Eine Kritik
von Frank Heindl, Freier Autor

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Am Freitag tagt das Klimakabinett – die Große Koalition will wegweisende Schritte gegen den Klimawandel einleiten, über den Weg sind sich CDU und SPD noch nicht einig.

"Woche der Entscheidung - wer zahlt für die Klimarettung?" fragte Frank Plasbergs Sendung dazu am Montagabend.

Wer war zu Gast bei Plasberg und "Hart aber fair"?

  • Leonie Bremer, 22, Aktivistin bei "Fridays for Future”. in Köln.
  • Peter Altmaier, 61, Minister für Wirtschaft und Energie (CDU).
  • Petra Pinzler, geboren 1965, Journalistin (Die Zeit).
  • Daniel Stelter, 55, Ökonom, Autor, Blogger.
  • Matthias Miersch, 50, Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.
  • Als zusätzlicher Gast: Boris Herrmann, 38, Segelsportler.

Was war das Rededuell des Abends?

Am klarsten wurde das Hauptproblem des Abends schon nach Altmeiers Eingangs-Statement: Um finanzielle Auswirkungen der Klimapolitik für die Bevölkerung sozialverträglich zu machen, müssten Belastungen an anderer Stelle durch Entlastungen zurückgegeben werden, meinte der Wirtschafts­minister.

Petra Pinzler bemerkte skeptisch, das komme ihr vor wie eine Politik nach der Devise "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass." Am Ende, so Pinzler, werde doch irgendjemand die Rechnung bezahlten müssen – und zwar der Steuerzahler.

Damit war das Problem des Koalitionsstreits ebenso auf den Punkt gebracht wie das der Kontrahenten Altmaier (CDU) und Miersch (SPD): Einschneidende Maßnahmen in der Klima­politik werden schwerlich gelingen, wenn sie niemandem wehtun sollen. Weil vorsichtiges Taktieren der Umwelt wenig hilft, ertönte denn auch im Fernsehstudio genau wie draußen im richtigen Leben regelmäßig die anklagende und schwer genervte Stimme der Kölner fff-Aktivistin, die den Politikern vorwarf, nicht früher auf die Probleme reagiert zu haben und trotzdem keine wirklich durchgreifenden Maßnahmen zu planen.

Wie schlug sich Frank Plasberg?

Es gab zwar noch weitere Rededuelle – doch die mündeten regelmäßig in großes Stimmen-Durcheinander – laut, aber unverständlich. Man darf Frank Plasberg nachsehen, dass er das nicht immer schnell genug bremsen konnte.

Wenn es ihm trotzdem gelang, machte er Punkte als gütige Lehrerfigur, die sich auch mal zu den vorlauten Schülern stellt und ihnen nochmal eindringlich und langsam erklärt, was Sache ist. So brachte er einige Male wohltuend Struktur in die Diskussion, indem er seinen Gästen auch mal rigoros das Wort abgeschnitten hatte.

Und auch schön spitz konnte der Moderator sein – etwa, als er beim über den miserabel ausgebauten Öffentlichen Personennahverkehr klagenden SPD-Mann Miersch nachfragte, wem jetzt nochmal die Bahn gehöre … - der pflichtschuldig antwortete, natürlich müsse die "Gewinnabführungspflicht" der Bahn wieder weg. "Dann setzen Sie das mal durch", war dann wieder von der genervten Aktivistin zu hören.

Was war das Ergebnis der Talkrunde?

Die Diskussion landete bald bei denjenigen, die nicht eingeladen waren: Bei Rechtspopulisten und AfD-Anhängern. Gesellschaftliche Verwerfungen, zu denen höhere Energie­preise oder die Beendigung des Braunkohlabbaus führen könnten, müssten vermieden werden, da waren sich Altmeier und Miersch einig.

Ohne vermittelnde Eingreifen der Politik gehe es nicht, bekräftigte die Talkrunde. Auch die Klimaaktivisten wissen, dass bei der Umsetzung von Maßnahmen soziale Probleme lauern – doch Leonie Bremer wies ein weiteres Mal darauf hin, dass die Politik "schon vorher versagt" habe.

Daniel Stelter gab den Vertreter der Wirtschaft in nahezu klassischer Abwehrhaltung, indem er kein gutes Haar an den politischen Konzepten ließ, Geldverschwendung anprangerte und "effektive Maßnahmen" verlangte, die am besten von einer starken Wirtschaft geleistet werden könnten. 1500 Milliarden Euro Kosten habe eine Studie vorausgesagt für die Begrenzung des Klimawandels – nur die Wirtschaft, so Steltner, könne diese Herausforderung mit dem Fokus auf Fortschritt und Innovation schultern.

Was das Individuum tun kann und wie eng die Grenzen des eigenen Wirkens sind, durfte Petra Pinzler schildern. Die Journalistin hat ein Buch darüber geschrieben, wie ihre vierköpfige Familie vier Jahre lang versucht, ihren CO2-Verbrauch zu reduzieren. Einen schönen Überblick über die Klima-Positionen in der Gesellschaft hatte der schon gegeben, als ein Extragast hinzukam: Boris Herrmann gehörte zu der Segelcrew, von der sich die schwedische Fridays-for-Future-Gründerin Greta Thunberg über den Atlantik in die USA schippern ließ. Der Sportler zeigt sich beeindruckt von seiner 16-jährigen Passagierin – sie sei keinen Moment lang seekrank gewesen.

Herrmann nimmt auch die Anfeindungen sportlich, die Thunberg und die Crew sich anhören mussten, weil natürlich nicht jeder Mensch per Segelschiff klimaneutral in die USA gelangen kann: "Viele Leute denken, wenn man selbst nicht perfekt ist, darf man keine Forderungen stellen." Aber Greta Thunberg habe sehr viel dafür getan, dass das Klimathema nun weltweit auf der Agenda steht. Das betont auf Plasbergs Nachfrage auch Peter Altmaier.

Wer die Klimarettung am Ende bezahlen soll, blieb am Ende offen - das Kabinett wird am Freitag alleine eine Lösung finden müssen.

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