Inmitten der explodierenden Corona-Zahlen setzt Frank Plasberg mit seinem Stadt-Land-Talk ein ganz eigenes Thema. Dabei geriet vor allem Grünen-Frau Jamila Schäfer ins Kreuzfeuer – und ein viel diskutierter Wahlkampf-Vorschlag der Öko-Partei.

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Eine Kritik
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Was ist das Thema bei "Hart aber fair"?

Bei "Hart aber fair" diskutierte die Runde am Montagabend über die Kluft zwischen Stadt und Land. Internet, ÖPNV, Einkaufen: Die Menschen im ländlichen Raum sind in vielen Bereichen abgehängt.

Wird die Stadtbevölkerung von der Politik bevorzugt? Und was muss passieren, damit die Jungen auf dem Land bleiben? Das Thema bei Frank Plasberg: "Abgehängt und unverstanden - wie tief ist die Kluft zwischen Stadt und Land?"

Mit diesen Gästen diskutierte Frank Plasberg

Juli Zeh: Die Bestseller-Autorin sorgte mit der These für Aufsehen, dass durch den Unterschied zwischen urbanen Räumen und der immer weiter ins Hintertreffen geratenen Provinz enormer gesellschaftlicher Unfrieden entstehen kann. Wie in der extrem polarisierten Gesellschaft in den USA oder in Ex-Jugoslawien, wo es sogar zu einem Bürgerkrieg kam.

Als Beispiel der Kluft nannte die Autorin die von den Grünen im Wahlkampf geforderte Förderung für Lastenfahrräder (1.000 Euro für eine Million Räder), die von vielen Menschen auf dem Land als "Provokation aufgefasst" werde. Zudem beklagte Zeh, die selbst in einem kleinen Ort in Brandenburg lebt, ein eklatantes Fehlen von Grundversorgung und staatlicher Daseinsvorsorge sowie zu lange Genehmigungsverfahren.

Jamila Schäfer: Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen hatte keinen leichten Stand in der Runde: Sie musste ihre Partei ständig für Vorschläge wie die Lastenfahrrad-Initiative, die an der Dorfbevölkerung vorbei gedacht war, verteidigen. Genau wie gegen den Vorwurf, Politik werde vor allem von Städtern für Städter gemacht. Doch wirklich überzeugend wirkte Schäfer, die in München lebt, beim Plädoyer für schnellere Planungsbeschleunigung und digitale Verwaltungen nicht.

Marco Scheel: Der Gründer von "Nordwolle Rügen", früher selbst bei den Grünen, sprach aus, was in seinen Augen viele Menschen auf dem Land über die Ökopartei denken. Es gebe das Gefühl, von oben herab behandelt zu werden. "Ob es Fußgänger oder Fußgehende heißt - das sind Themen, die in ihrer Wahrnehmungsrealität kaum stattfinden", sagte er beispielhaft und beklagte: "Unsere Themen finden im Wahlkampf nicht statt."

So sei das Baurecht nicht mehr zeitgemäß und der Wolf werde auf dem Land auch eher als Bedrohung gesehen als in der Stadt, wo er ja keinen Schaden anrichtet. Und die verhassten Lastenfahrräder? Kann er aufgrund von Kopfsteinpflaster in seinem Wohnort nichts mit anfangen.

Reint Gropp: Auch für den Präsidenten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle befindet sich die Diskussion über Lastenräder "an der Grenze zur Unerheblichkeit". Sie habe die Kluft zwischen Stadt und Land vertieft. Der Forscher äußerte starke Zweifel, ob die im Grundgesetz verankerte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland so leicht hergestellt werden kann. Gropp plädierte für einen ehrlicheren Umgang der Politik mit den Menschen auf dem Land. Sie solle nicht versprechen: "Überall ist 5G möglich."

Simon Pearce: Der in der bayerischen Provinz aufgewachsene Schauspieler und Kabarettist mit afrikanischen Wurzeln beklagte den dortigen Alltagsrassismus. Er sagte aber auch: "Körperlich wurde es nur in München." Noch heute scannt er immer genau die Umgebung, wenn er eine Kneipe betritt, und hält nach Menschen mit rechten Tattoos Ausschau. "Es ist eine dauerhafte Bedrohung in meinem Leben."

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Was war das Rededuell des Abends?

Wissenschaftler Reint Gropp sah ein Problem auf dem Land darin, dass "der Staat es in Deutschland besser zu wissen" glaube als die Unternehmer oder Bürgermeister vor Ort. Sein Vorwurf: So wird durch komplizierte Verwaltungsstrukturen Eigeninitiative unterbunden. Juli Zeh sah den großen Missstand aber genau darin, dass sich der Staat vielerorts aus der Provinz zurückgezogen hat. "Das ist das Problem", widersprach sie Gropp energisch.

Was war der Moment des Abends?

Als Unternehmer Marco Scheel zugeben musste, dass seine 20 Mitarbeiter in einem illegal betriebenen Anbau einer Scheune produzieren müssen, weil er den Umbau der maroden Scheune nicht genehmigt bekommt. "Wir haben nichts in Aussicht. Wir sind geduldet." Jederzeit könne jemand kommen und ein Flatterband um den Anbau machen, so Scheel. "Das kann jederzeit passieren", sagte er frustriert und kämpferisch zugleich.

Wie hat sich Frank Plasberg geschlagen?

Der Gastgeber führte wieder mit feiner Ironie und den gewohnt schelmischen Bemerkungen durch die Sendung. Einmal sprach er sogar - stark übertrieben - im Kölner Dialekt, als er zu Simon Pearce sagte: "Sie müssen nicht alles glauben, was in Köln passiert." Pearce hatte zuvor von einer Wolfssichtung in der Rhein-Metropole berichtet. Insgesamt war Plasberg in der kaum kontroversen Debatte wenig gefordert.

Was ist das Fazit?

Wie ist die Kluft zwischen Stadt und Land zu überwinden? Wie können abgehängte Landstriche wieder besser angebunden werden? Auch nach 75 Minuten Diskussion hatte die Runde darauf keine wirklichen Antworten gefunden. Denn der große Bevölkerungstrend rein in die Städte hat - vor allem in Ostdeutschland - ganze Landstriche entvölkert.

Seit Jahrzehnten. Zehntausende, wenn nicht sogar hunderttausende, junge, gut ausgebildete Menschen sind seit den 1990er Jahren vorzugsweise nach Westdeutschland gezogen. Warum sollte man in den dezimierten Regionen Bus- und Bahnlinien wieder reaktivieren, die kaum genutzt werden? Wie soll sich der Tante-Emma-Laden halten, bei dem mangels Kunden der Umsatz nicht stimmt? Die Logik von Marktwirtschaft und Kapitalismus machen da wenig Hoffnung.

Schriftstellerin Juli Zeh wünschte sich Mindeststandards auf dem Land: "Der Bus einmal die Stunde, die Regionalbahn alle zwei Stunden." Schwer zu glauben, dass diese Wünsche mangels Wirtschaftlichkeit flächendeckend in Erfüllung gehen können. Die Verödung ganzer Landstriche wird in den kommenden Jahrzehnten eher noch zunehmen, die Kluft dürfte weiter wachsen. Eine harte Realität, die bei Frank Plasberg so niemand aussprach.

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