ARD-Moderatorin Sandra Maischberger lädt das Publikum ein, über soziale Gerechtigkeit in Deutschland zu diskutieren. Es wird eifrig debattiert, mit dem Ergebnis, dass offenbar keiner dem anderen was gönnt. Der Höhepunkt: Ein Rentner knöpft sich polemisch eine Familie mit vier Kindern vor.

Eine Kritik
von Patrick Mayer

Es ist Wahlkampf in Deutschland und ein beliebtes Thema der Politiker vor der Bundestagswahl 2017 ist soziale Gerechtigkeit. Sandra Maischberger nimmt das zum Anlass für eine Publikumsdebatte.

Die ARD-Moderatorin hat am Mittwochabend Bürger aus verschiedenen sozialen Schichten eingeladen, um in ihrer Sendung folgendes Thema zu diskutieren: "Millionär oder Minijobber: Ist Deutschland ungerecht?"

Es geht um Mütterrente, Hartz IV und angebliche Einkünfte von Konzern-Managern.

Rentner wettert gegen Großfamilie

Richtig spannend wird es aber, als ein Paar mit vier Kindern und ein rüstiger Rentner mit ihren Meinungen aufeinandertreffen. Nicht unerheblich: Kinder seien schließlich ein Armutsrisiko, schildert Maischberger.

Krankenpfleger Daniel und Krankenschwester Ilona aus der Nähe von Göttingen schildern, wie schwierig es sei, mit vier Kindern über die Runden zu kommen. Es bleibe am Ende des Monats nichts übrig, erzählt Daniel, Partnerin Ilona meint: "Nach dem vierten Kind wollte ich ein Jahr zu Hause bleiben." Das klingt beides erstmal plausibel.

"Eine richtige Arbeit suchen"

Nicht aber für Rentner Fontaine aus Berlin, diesmal wird nur der Nachname genannt. Der rüstige Mann, schütteres weißes Haar, weißer Schnauzbart und weit nach vorne geschobene Brille, wird vorwurfsvoll.

Er greift das Paar persönlich an. "Wenn ich das höre, schwillt mir der Kamm. Die Politiker haben den Bürgern die Selbstverantwortung weggenommen", sagt Fontaine und wettert in Richtung des Pärchens: "Dann müssen Sie sich eine richtige Arbeit suchen."

Ein Raunen geht durch das Publikum.

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Das Publikum ist irritiert

Doch Fontaine ist mit seinen Vorwürfen noch gar nicht am Ende angelangt. Er argumentiert: "Jeder ist für sein Leben verantwortlich, da ist nicht die Allgemeinheit dafür verantwortlich. Jeder sollte sich überlegen, was er im Leben falsch gemacht hat, und zwar von der Jugend an."

In Richtung Krankenpfleger Daniel meint er, er solle sich eine "richtige Arbeit suchen. Vier Kinder ist doch nicht die Schuld der Gesellschaft".

Wieder reagieren viele Gäste im Publikum irritiert. "Wer bezahlt ihre Rente?", fragt ihn Krankenpfleger Daniel. Der entgegnet barsch: "Das ist eine Frechheit. Ich müsste 99 Jahre alt werden, um das Geld rauszubekommen, was ich eingezahlt habe."

Sandra Maischberger interveniert zu spät

An dieser Stelle interveniert Maischberger, allerdings etwas zu spät. Denn längst ist die Debatte im Publikum persönlich, und damit ein Ausdruck dafür, wie wenig sich die Leute offenbar gegenseitig gönnen. Als ob es nur um die eigenen Probleme ginge.

"Warum haben bestimmte Bevölkerungsschichten das Problem, sie müssten gegeneinanderstehen?", fragt Maischberger - und hat damit schon Mitte der Sendung die entscheidende Erkenntnis der 75 Minuten umrissen.

Fontaine möchte gerne weiterdiskutieren. Als ein ehemaliger Hauptschullehrer, der in Hartz IV abrutschte, seine Geschichte erzählt, schwillt dem Rentner offenbar wieder der Kamm, um es in seinen Worten zu sagen.

"Jeder schiebt es auf den anderen. Die Leute stehlen sich aus der Arbeit", sagt er. "Das hat nicht immer was mit nicht Können, sondern was mit Wollen zu tun. Man kann nicht immer auf Krankheit machen."

Selbständiger Jurist fordert: "Gas geben"

Der angegriffene Studiogast reagiert in diesem Fall moderat auf die Polemik. Die erste Behauptung, dass es jeder auf den anderen schiebe, wird aber gegen Ende der Sendung nochmal bestätigt.

Diesmal spricht ein hoch gewachsener, modisch gekleideter Jurist aus Lünen, Herr Zappler, der sich nach dem Studium eigenen Angaben zufolge selbständig machte.

"Der Staat muss die Leute irgendwann auch laufen lassen. Man muss auch mal Gas geben. Ich war mittwochs nicht auf der Studentenparty. Als Dankeschön wird mir die Hälfte weggenommen", meint er und beschwert sich: "Jemand, der Karriere gemacht hat und sich überlegt, ob er Kinder will oder nicht, muss den Spitzensteuersatz zahlen."

Rentner gegen Großfamilie, Geringverdiener gegen Gutverdiener, Studierte gegen Familien: Die Debatte bei Maischberger zeigt, dass nicht nur die soziale Kluft, sondern auch eine soziale Missgunst hierzulande große Probleme sind.