Kaum ist die eine Großveranstaltung vorbei, erwartet Chemnitz schon die nächste. Nach einem kurzen Durchschnaufen am Sonntag findet zu Wochenbeginn ein Gratis-Konzert gegen Rassismus statt.

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Nach den Kundgebungen mit insgesamt mehr als 11.000 Teilnehmern blickt Chemnitz nach einer kurzen Verschnaufpause schon auf die nächste Großveranstaltung.

Am Sonntag sind zwei kleinere Demonstrationen von Chemnitzer Bürgern und der evangelischen Kirche gegen Gewalt und Fremdenhass angemeldet.

Unter dem Motto "#wir sind mehr" steigt dann am Montag ein Gratis-Konzert gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt in Sachsens drittgrößter Stadt.

Dabei treten unter anderem die Toten Hosen, Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet und Marteria & Casper auf. Vor dem "Nischel", wie der Karl-Marx-Kopf auch genannt wird, sollen DJs spielen.

Wegen der großen Nachfrage wurde der Veranstaltungsort des Konzerts innerhalb der Stadt verlegt. "Wir sind überwältigt von dem ganzen Zuspruch und Feedback", teilten die Organisatoren am Samstag mit. Die Bühne werde nun auf einem großen Parkplatz zwischen Hauptbahnhof, Marx-Denkmal und Rathaus aufgebaut, damit alle dabei sein könnten. Wie viele Besucher erwartet werden, wollte der Sprecher nicht sagen.

18 Verletzte bei Demos am Samstag

Am Samstag waren laut Polizei rund 11.000 Menschen verschiedener Lager bei mehreren Kundgebungen in Chemnitz auf die Straße gegangen. 8.000 Demonstranten hätten sich bei den Kundgebungen von AfD, Pegida und Pro Chemnitz versammelt, rund 3.000 bei den Gegenkundgebungen.

Bei den Protesten wurden demnach 18 Menschen verletzt. Darunter seien auch drei Beamte, die beim Zurückdrängen von Demonstranten am Samstag Blessuren erlitten, teilte die Polizei in Chemnitz am Sonntag mit. In einer ersten Bilanz war von neun Verletzten die Rede gewesen.

Auch die Zahl der Straftaten stieg von mindestens 25 auf mindestens 37. Darunter waren Fälle von Körperverletzung, Sachbeschädigung und Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.

Man ermittele auch zu einem gemeldeten Angriff einiger Unbekannter auf eine Gruppe des SPD-Politikers Sören Bartol, teilte die Polizei weiter mit. Dieser selbst sei zu diesem Zeitpunkt nicht anwesend gewesen.

Der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion schrieb selbst über Twitter: "Ich bin entsetzt. Meine Gruppe aus Marburg wurde gerade auf dem Weg zum Bus von Nazis überfallen. Alle SPD Fahnen zerstört und einige wurden sogar körperlich angegriffen."

Abseits der Demonstrationen wurde ein 20-jähriger Afghane von vier vermummten Menschen angegriffen und geschlagen. Der Mann erlitt leichte Verletzungen. Die Polizei prüft, ob es sich bei den Tätern um ehemalige Versammlungsteilnehmer handeln könnte.

4.500 Menschen nahmen an Marsch von AfD und Pegida teil

Knapp eine Woche nach den tödlichen Messerstichen und den folgenden ausländerfeindlichen Ausschreitungen hatten nach offiziellen Angaben rund 4.500 Menschen an einem gemeinsamen Marsch der AfD und des ausländerfeindlichen Bündnisses Pegida teilgenommen.

Diesem schlossen sich auch Demonstranten der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz an.

Zeitgleich kamen zu einer Veranstaltung für Frieden und gegen Ausländerfeindlichkeit den Angaben zufolge rund 4.000 Menschen auf einen Parkplatz bei der Johanniskirche.

Die Polizei war mit einem Großaufgebot von 1.800 Kräften inklusive Wasserwerfern und Pferden im Einsatz und wurde verstärkt von Kollegen aus mehreren Ländern und der Bundespolizei.

Maas ruft zu Verteidigung demokratischer Werte auf

Außenminister Heiko Maas (SPD) rief die Bürger unterdessen zu mehr Einsatz im Kampf gegen Rassismus und zur Verteidigung der Demokratie auf.

"Es hat sich in unserer Gesellschaft leider eine Bequemlichkeit breit gemacht, die wir überwinden müssen", sagte er der "Bild am Sonntag". "Da müssen wir dann auch mal vom Sofa hochkommen und den Mund aufmachen."

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sagte der Zeitung, die Ermittlungen in Chemnitz müssten aufklären, inwieweit rechtsextreme Netzwerke hinter den Demonstrationen und ausländerfeindlichen Ausschreitungen stecken. "Wir dulden nicht, dass Rechtsradikale unsere Gesellschaft unterwandern."

Vor einer Woche war ein 35-jähriger Deutscher bei einer Messerattacke in Chemnitz getötet worden, zwei weitere Menschen wurden verletzt. Als Tatverdächtige sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft. Nach dem Vorfall eskalierte die Lage: Es kam mehrere Tage immer wieder zu Massenprotesten und Übergriffen auf Ausländer. (ank/dpa)

Demos, Ausschreitungen, Hitlergruß: Die Vorfälle in Chemnitz beherrschen derzeit die Schlagzeilen. Die Eskalationen in Sachsen könnten sich auf den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland auswirken, schätzt Wirtschaftswissenschaftler Thomas Köllen.