Der türkische Staatspräsident Erdogan und Russlands Präsident Wladimir Putin treffen sich in St. Petersburg. Die beiden eint nicht nur ihre Wut auf den Westen, sondern auch in ihren Biografien gibt es Parallelen.

Seine erste Auslandsreise nach dem Putschversuch führt den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan nach Russland, zu Präsident Wladimir Putin . Das Treffen könnte eine Wende markieren. Vor gut acht Monaten hatte die Türkei einen russischen Kampfjet im Grenzgebiet zu Syrien abgeschossen und damit einen schweren Konflikt mit dem Kreml verursacht.

Zudem beschuldigte Russland die Türkei, in Ölgeschäfte mit dem sogenannten Islamischen Staat verstrickt zu sein. Trotz aller Querelen nennt der türkische Staatschef Putin jetzt "meinen teuren Freund Wladimir". Er weiß: Sie eint ihre Wut auf den Westen, von dem sie sich nicht verstanden fühlen – und beide sind auf einen starken Partner angewiesen.

In einem Gastbeitrag in der Schweizer Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) bezeichnete Erdogan-Biografin Cigdem Akyol die beiden im vergangenen Jahr als "Brüder im Geiste". Beide seien rabiate Machthaber: für ihre Gegner Kriegstreiber, von den Unterstützern hingegen verehrt wie ein Messias. Die Biografin betont, dass beide sich "als fleischgewordener Staat betrachten". Eine ähnliche Metapher nutzt Islamwissenschaftler Udo Steinbach: "Erdogan sieht sich als die Verkörperung des nationalen Willens", sagte er diese Woche im Gespräch mit unserer Redaktion.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zeigt immer mehr autokratische Züge. In dieses Bild passt ein Besuch beim einstigen Gegner Wladimir Putin. Fünf Gründe, warum sich die Türkei unter Erdogan längst auf dem Weg in eine Diktatur befindet.

Erdogan-Biografin: "Wilde Verschwörungstheoretiker"

Beide Staatschefs gehen entschlossen und teilweise brutal gegen ihre Kritiker vor. Bilder von Polizisten, die auf Demonstranten einprügeln, gibt es aus Russland und aus der Türkei. Im Juli schlug die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Alarm: Menschen, die sich nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei in Haft befänden, würden schwer misshandelt. Weder in Russland noch in der Türkei gelten Justiz und Medien als unabhängig – Erdogan hat gerade in den vergangenen Wochen beide Bereiche "gesäubert": Wer nicht gehorcht, dem droht Entlassung - manchen das Gefängnis.

"Der Leningrader und der Istanbuler sind wilde Verschwörungstheoretiker", schreibt Cigdem Akyol. Feindbilder bräuchten sie auch, "um Missstände wie wachsende Korruption zu vertuschen". Putin hatte beispielsweise die Enthüllung der "Panama Papers" über Briefkastenfirmen in Steueroasen im Frühjahr als eine "aus den USA gesteuerte Provokation" bezeichnet und der "Süddeutschen Zeitung" eine – nicht existierende – Verbindung zum US-Finanzinstitut Goldman Sachs nachgesagt. Die Journalisten hatten Berater und Freunde Putins mit Briefkastenfirmen in Verbindung gebracht.

Experte: "In Wahrheit eine Präsidialdiktatur"

Erdogan ist nach dem Putschversuch Mitte Juli auf dem besten Weg dorthin, ein Präsidialsystem einzuführen, das es in Russland längst gibt. "Die meisten Kenner sind sich aber einig, dass es in Wahrheit eine Präsidialdiktatur sein wird", sagte Professor Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz, kürzlich im Gespräch mit unserer Redaktion. Dem pflichtet auch Islamwissenschaftler Udo Steinbach bei: "Er wird das nicht Diktatur nennen. Auch Putin nennt seine Herrschaft nicht Diktatur." Demokratische Elemente würden aber mehr und mehr in den Schatten einer charismatischen Führerschaft gestellt.

Parallelen zwischen den beiden Machthabern finden sich auch schon in der Vergangenheit: Beide Staatschefs sind in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen: Erdogan als Sohn eines Seemanns in einem armen Istanbuler Viertel, Putin als Sohn eines Fabrikarbeiters in Leningrad. "Sie gefallen sich in der Rolle der Aufsteiger aus dem Kleine-Leute-Viertel, die so viele Identifikationspunkte für ihr Wahlvolk mitbringen", analysiert Türkei-Expertin Akyol im NZZ-Gastbeitrag.

Schneller wirtschaftlicher Aufschwung

Beide etablierten sich in der Politik, als die Staaten in katastrophalen Zustand waren: Als die Partei AKP 2002 in der Türkei an die Macht kam, steckte das Land in seiner schwersten Wirtschaftskrise. In Russland sah es 1999 keineswegs besser aus. Putin wie Erdogan gelang es verhältnismäßig schnell, die Wirtschaft anzukurbeln. Sie präsentierten sich dabei "als Neuerer, die sich wieder mit der Vergangenheit aussöhnen", schreibt Erdogan-Biografin Akyol. Zuvor habe der Kemalismus in der Türkei fundamental mit allem Traditionellen gebrochen – und die Modernisierung in Russland in eine stalinistische Diktatur geführt.

Bei beiden Machthabern spielt heute auch die Religion wieder eine Rolle, in der Türkei ungleich stärker als in Russland. Auffällig ist, dass sie sich durch Wechsel zwischen dem Ministerpräsidenten- und dem Präsidentenamt ganz oben gehalten haben: Erdogan war erst Ministerpräsident, wurde dann Präsident; Putin wechselte vom Präsidenten- auf den Ministerpräsidenten- und zurück auf den Präsidentenposten.

Streitpunkte Syrien und Krim

Doch all diese Gemeinsamkeiten sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es wesentliche Differenzen zwischen Erdogan und Putin gibt. Nicht zuletzt in Syrien verfolgen sie unterschiedliche Ziele. Ankara will das Regime stürzen, das Moskau stützt. Und auch der Ukraine-Konflikt trübte die Beziehung, weil sich die Türkei als Schutzmacht der Krimtataren versteht: einer muslimischen Minderheit, deren Angehörige unter anderem auf der Halbinsel Krim leben, die Putin annektiert hat.