• Der russische Angriffskrieg findet in der Ukraine statt, aber es gibt Nebenschauplätze. In Afrika hat der Kreml sein Engagement seit Jahren ausgebaut – das zahlt sich nun aus.
  • Obwohl der Ukraine-Krieg den Hunger in Afrika verschärft, muss Putin kaum Widerstand fürchten.
  • Zwei Experten erklären, wie der Kreml vor Ort aktiv ist und welche Bedeutung das Engagement in der aktuellen Lage hat.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzung der Autorin bzw. der zu Wort kommenden Experten einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

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Es war im Jahr 2019, als Putin auf dem Russland-Afrika-Gipfel in Sotschi sagte: "Wir wollen die Verbindungen zu Afrika in allen Bereichen vertiefen. Das wird die Sicherheit für uns alle stärken." Was der Kreml von Sicherheitsinteressen anderer Länder hält, stellt Putin in seinem blutigen Angriffskrieg derzeit in der Ukraine unter Beweis.

Tatsächlich aber hat Moskau seinen Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent in den letzten Jahren immer weiter ausgebaut – was sich nun diplomatisch auszuzahlen scheint. In der UN-Generalversammlung, wo Anfang März der Angriff Russlands auf die Ukraine verurteilt wurde, enthielten sich 17 afrikanische Staaten der Stimme. Eritrea stimmte gegen die Resolution.

In mehreren afrikanischen Ländern werden aufgrund des Krieges Weizen und Mais knapp, es drohen weitreichende Hungersnöte – zusätzlich zu den bereits vorhandenen Problemen. In Äthiopien, Kenia und Somalia sind Russland und die Ukraine Hauptlieferanten. Trotzdem muss Moskau kaum um sein Ansehen bangen. Denn Putin hat vorgesorgt - wie diese fünf Beispiele zeigen.

1. Waffen gegen Rohstoffe

"Russland ist in den vergangenen Jahren verstärkt nach Afrika zurückgekehrt", erinnert Politikwissenschaftler Michael Staack. Moskau trete dabei vor allem als sicherheitspolitischer Akteur auf, liefere Waffen und habe mit zahlreichen Ländern Militärabkommen.

Zu den etwa 40 afrikanischen Staaten, die militärisch mit Russland kooperieren, zählen auch der Sudan, die Zentralafrikanische Republik und Algerien. Im Gegenzug für militärisches Knowhow und Waffen gewähren die Länder Moskau Zugang zu Rohstoffen. In der Republik Zentralafrika erhielten russische Unternehmen beispielsweise Lizenzen für den Abbau von Gold und Diamanten. "Fast die Hälfte aller Waffenimporte afrikanischer Länder kommen aus Russland. Es geht dabei vor allem um kommerzielle Interessen der russischen Rüstungsindustrie", sagt auch Politikwissenschaftler Christofer Hartmann.

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2. Söldner im Kampfeinsatz

Russland ist aber nicht nur durch Waffen in Afrika präsent, es engagiert sich auch als direkter Militärakteur. "Die Sicherheitsfirma Wagner, die eine privat-staatliche Mischstruktur aufweist, ist in mehreren Ländern aktiv", sagt Staack. Zuletzt stand die "Söldnergruppe Wagner" immer wieder im Fokus, weil ihr unverhältnismäßige Gewalt und die wahllose Tötung von Zivilisten angelastet wird. Formal handelt es sich um eine private Sicherheitsfirma des Putin-nahen Geschäftsmanns Jewgeni Prigoschin, deren Tätigkeit sich offiziell auf die Ausbildung von Soldaten sowie den Schutz russischer Unternehmer und hochrangiger Politiker beschränkt.

Hinreichend dokumentiert ist aber, dass die Söldner, deren Kontingent auf 2.000 Mann geschätzt wird, mehrmals direkt an Kampfeinsätzen gegen Rebellengruppen beteiligt waren. Auch im aktuellen Ukraine-Krieg sollen Angehörige der Gruppe Wagner aktiv sein, ebenso kämpften sie in Syrien und Libyen.

3. Betonung der historischen Bande

Lange Zeit hat Russland sich nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht für Afrika interessiert, bis der Kreml erkannt hat, dass es sich lohnt, an die historischen Verbindungen anzuknüpfen. "In vielen Ländern Afrikas ist das Bild der Sowjetunion nach wie vor positiv", sagt Staack. Im Gegensatz zu europäischen Staaten habe sie die Befreiungsbewegungen und den Widerstand gegen die Kolonialmächte unterstützt. Auch Hartmann erinnert: "In einzelnen afrikanischen Ländern gibt es Eliten, die in der Sowjetunion ausgebildet worden sind. Diese historischen Bindungen bleiben bedeutsam."

Putin kann aufgrund dieser historischen Verbindungen zwar nicht unbedingt mit afrikanischem Beistand rechnen, aber durchaus mit Neutralität. "In Europa ist klar, dass es sich um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands handelt. In Afrika erinnert man sich aber auch an völkerrechtswidrige Angriffskriege der USA", erklärt Staack. Das erkläre, warum andere Länder in dem Konflikt zurückhaltender seien, Partei zu ergreifen.

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4. Propaganda-Filme

Um das Narrativ des russischen Befreiers präsent zu halten, greift der Kreml noch zu weiteren Mitteln: Im Mai 2021 präsentierte er in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, zehntausenden Afrikanern den Spielfilm "Touriste". Die Erzählung: Russland hat die Afrikaner nach kriegsgebeutelten Jahrzehnten heldenhaft von Rebellen befreit. In der Schlussszene sagt eine junge Afrikanerin "Danke Russland" – feiernde Demonstranten schwenken im Hintergrund russische Fahnen.

Kein Einzelfall: Mit Plakaten und Radiospots wirbt Russland vor Ort für sein Engagement. Experte Hartmann ergänzt: "Es gibt auch Vermutungen, dass es russische Troll-Fabriken in Afrika gibt, die soziale Medien gezielt mit Desinformationen fluten."

5. Antiwestliche Stimmungsmache

Auch in der aktuellen geopolitischen Lage verbreitet der Kreml vor allem ein Narrativ: Der böse Westen. "Russland hat viele große Botschaften aus der Zeit der Sowjetunion übernommen und lässt auch jetzt Verlautbarungen direkt in die jeweiligen Landessprachen übersetzen", sagt Staack. Obwohl der Ukraine-Krieg die Hungersnot in Afrika verschärfe, dringe man mit dem Narrativ, die mangelnde Berücksichtigung der russischen Sicherheitsinteressen durch den Westen habe zum Krieg geführt, durch.

"Russland folgt dabei immer einem Muster: Es transportiert Narrative, die den Westen in einem schlechten Licht dastehen lassen und sich selbst in einem guten", analysiert Staack. Damit versuche es Zwietracht zu säen. "Der Raum für Aktivitäten Russlands – auch für solche Narrative – wird aber durch Fehler der EU und des Westens erst geschaffen", erinnert Staack. Der Westen begegne Afrika nicht immer partnerschaftlich und auf Augenhöhe, sondern stelle seine eigenen Interessen in den Vordergrund.

Afrika ist leidtragend

Experte Hartmann glaubt trotzdem nicht, dass Russlands Narrative im großen Maßstab in Afrika verfangen. "Die meisten afrikanischen Länder wollen aus dem Konflikt herausgehalten werden", ist er sich sicher. Die Großmächte hätten im Ost-West-Konflikt ihre Konflikte auch in Afrika ausgetragen. "Viele afrikanischen Regierungen wissen deshalb, dass sie ihre eigenen Interessen kaum bei der Bearbeitung der globalen Konflikte einbringen können", sagt Hartmann.

Immerhin hätten sich 28 afrikanische Staaten der UN-Resolution angeschlossen. "Es war mutig, sich so zu positionieren – gerade in Anbetracht der Abhängigkeiten", sagt Hartmann. Staack aber betont: "Trotzdem kann Russland mithilfe Afrikas belegen, dass es international nicht isoliert ist". Die größten Gefahren sehen die Experten aber für den afrikanischen Kontinent selbst: "Die Zuspitzung in der globalen Politik nimmt den Ländern die Möglichkeit für den Ausbau von Entwicklungskooperationen", erinnert Hartmann. Afrikanische Exportinteressen seien bereits geschädigt, weil Verarbeitungswege auch über Russland liefen.

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Über die Experten:
Prof. Dr. Michael Staack ist Politikwissenschaftler und lehrt im Bereich Internationale Beziehungen an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen friedensfördernde Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands, Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Probleme der Global Governance sowie die deutsche Politik gegenüber der Region Westafrika.
Prof. Dr. Christof Hartmann ist Politikwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF) und lehrt zu Internationalen Beziehungen und zur Politik Afrikas. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Dynamik des Wandels politischer Institutionen in afrikanischen Ländern, regionale Kooperation in Afrika und Beziehungen Afrikas zu externen Akteuren.

Verwendete Quellen:

  • NZZ.ch: "Russland kommt zurück nach Afrika": wie Moskau einen Krisenstaat zum Laboratorium für seine neuen Ambitionen auf dem Kontinent macht. 01.07.2021
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